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06. Juni 2016

Katzenhalter sollen Verantwortung tragen

Hauskatzen jagen bedrohte Tierarten wie Kröten und Eidechsen. Darum fordert der Aargauer FDP-Grossrat Johannes Jenny eine Katzensteuer. Biologin Sandra Gloor gibt Empfehlungen für Katzenhalter und Gartenbesitzer.

Katze und KröteKatze und Kröte
Pfoten weg! Der Aargauer Grossrat Johannes Jenny findet es stossend, dass Katzen viele geschützte Tiere töten. (Bild: Gettty Images)

Viele böse Mails und sogar Morddrohungen hat Johannes Jenny (56) schon erhalten: Der Aargauer Grossrat schlug vergangenes Jahr vor, Jäger sollten verwilderte Hauskatzen gezielt abschiessen. Jenny wollte so die Katzenpopulation von 1,5 Millionen Tieren verkleinern, um bedrohte Wildtiere zu schützen.

Jetzt erwägt der FDP-Politiker, der auch als Geschäftsführer von Pro Natura Aargau amtet, mit einer Katzensteuer eine moderatere Lösung: Wer seine Katze kastrieren lasse und so dazu beitrage, dass weniger Jungtiere zur Welt kommen, soll «nur» 30 Franken Steuer bezahlen; wer eine nicht kastrierte Katze hält, würde mit 400 Franken zur Kasse gebeten.

Erschreckende Zahlen

Darüber berichtete kürzlich auch die «Rundschau»: Die 1,5 Millionen Schweizer Hauskatzen sollen in einem Frühlingsmonat bis zu 350 000 Vögel und 50 000 Kröten und Eidechsen töten. Als Quelle dieser Daten wird die Forschungsgemeinschaft Swild genannt.

Manuela Gutermann (52) vom Verein Katzenfreunde Schweiz bezweifelt, dass Katzen den Bestand anderer Tiere in solchem Ausmass gefährden: «Es gibt noch andere Gründe wie natürliche Feinde, den Verlust von Lebensraum oder veränderte Lebensbedingungen.» Viel wichtiger sei es, die geschätzten 300 000 herrenlosen Tiere zu kastrieren.

«Ich bin kein Katzenfeind und will auch keinem Grosi das Büsi vermiesen», sagt Biologe Jenny. «Das Geld, das mit der Steuer zusammenkäme, würde zur Betreuung und Kastration von herrenlosen Katzen eingesetzt.»

«Dass in unserem Land 1,5 Millionen Katzen leben, ist nicht natürlich»

Biologin Sandra Gloor (51) ist Mitglied der Geschäftsleitung von Swild, einer unabhängigen Forschungsgemeinschaft für Wildtierforschung und Stadtökologie.
Biologin Sandra Gloor (51) ist Mitglied der Geschäftsleitung von Swild, einer unabhängigen Forschungsgemeinschaft für Wildtierforschung und Stadtökologie.

Sandra Gloor, gemäss Ihren Zahlen sind Katzen wahre Killer: Die 1,5 Millionen Schweizer Büsis sollen in einem Frühlingsmonat 350 000 Vögel und 50 000 Reptilien erbeuten. Wie kommen Sie zu diesen Daten?

Wir haben 2011 in einem Dorf im Kanton Zug 32 Katzen während 48 Tagen beobachtet. Es handelt sich also um eine sehr kleine Stichprobe. Die «Rundschau» hat die Daten auf die ganze Schweiz hochgerechnet, ohne die beschränkte Aussagekraft zu thematisieren. Zudem haben die von uns beobachteten Katzen keine Reptilien erbeutet.

Also alles nicht so schlimm. Was halten Sie von einer Katzensteuer?

Katzen sind Raubtiere. Je nach Gebiet sind sie in einer enormen Dichte unterwegs. Dass sie einen Einfluss auf Wildtierbestände haben, ist sehr wahrscheinlich. Darum befürworte ich im Sinne des Vorsorgeprinzips Lenkungsmassnahmen, um die Population zu begrenzen. Eine Steuer könnte eine Möglichkeit sein.

Warum wurden Sie 2011 nicht selber aktiv?

Ein Ziel von uns ist, die bisher sehr emotionale Diskussion zum Thema zu versachlichen. Wir sind nun daran, eine grössere Studie vorzubereiten, um die Auswirkung der Katzen auf Beutetierpopulationen zu untersuchen und Massnahmen zu entwickeln, wie der mögliche Einfluss begrenzt werden kann.

Katzen haben einen natürlichen Jagdtrieb. Warum kann man die Natur nicht einfach walten lassen?

Dass in unserem Land 1,5 Millionen Katzen leben, ist nicht natürlich. Ohne uns Menschen gäbe es nicht so viele davon. Darum tragen wir Verantwortung für unsere Katzen und deren Aktivitäten.

Vor allem der Bestand von seltenen Reptilien- und Amphibienarten soll durch Katzen bedroht sein. Was macht sie so verletzlich?

Kröten und Eidechsen sind wechselwarme Tiere. Das heisst, sie halten ihre Körpertemperatur nicht konstant. In den Morgenstunden sind sie daher weniger beweglich – und damit eine leichte Beute. Dazu kommt: Die natürlichen Lebensräume dieser Arten sind auch durch den Menschen bedroht. Dafür können die Katzen natürlich nichts. Aber sie sind dann vielleicht das Zünglein an der Waage, das gebietsweise zum Aussterben einer Art führen kann.

Sollte man seinem Stubentiger ein Glöckchen umhängen?

Studien zeigen, dass Katzen damit tatsächlich weniger Vögel erbeuten. Reptilien und Amphibien hingegen hören schlecht. Sie reagieren eher auf Erschütterungen. Daher bringen Glöcklein diesen Tieren nichts. Eine Katzenhalskrause, wie sie seit Kurzem propagiert wird, könnte ebenfalls positiv wirken. Das möchten wir nun in einem Projekt mit der Vogelwarte abklären.

Stört Katzen ein Glockenhalsband nicht?

Selbst der renommierte Katzenforscher Dennis Turner meint, solche Halsbänder seien durchaus vertretbar.

Was kann ich als Gartenbesitzer tun, um Wildtiere vor der Nachbarskatze zu schützen?

Hierfür sollte man den Garten in erster Linie wildtierfreundlich gestalten, das heisst möglichst vielfältig und natürlich. Zu empfehlen sind etwa Hecken aus einheimischen Pflanzenarten, auch solche mit Dornen und Stacheln, in denen Eidechsen und Vögel Zuflucht vor Katzen finden.

Was halten Sie von Vergrämungsanlagen mit Ultraschall?

Das empfehlen wir nicht. Damit verscheucht man nicht nur Katzen, sondern auch Wildtiere – etwa Fledermäuse. Was jedoch durchaus sinnvoll sein kann, sind Wassersprenger, die auf Bewegung reagieren.

Biologin Sandra Gloor (51) ist Mitglied der Geschäftsleitung von Swild, einer unabhängigen Forschungsgemeinschaft für Wildtierforschung und Stadtökologie.

Autor: Andrea Freiermuth