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24. März 2014

Katastrophen, Krisen und Kurzfilme

Was bewog Slawa Bykow zur Auswahl seiner fünf russischen Filme am 28. Internationalen Filmfestival Freiburg (FIFF)? Seine Begründung und die Infos zu den weiteren Festivalsektionen.

Filmszene aus «White Bim Black Ear»
Filmszene aus «White Bim Black Ear». (Bild zVg)

In verschiedenen Sektionen stehen dem Publikum vom 29. März bis 5. April 2014 insgesamt 126 Filme aus 46 Ländern zur Auswahl.
Im Internationalen Wettbewerb treten Interessierte eine Entdeckungsreise durch zwölf Welten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa um den begehrten Regard d'Or an. Neben den unten beschriebenen russischen Werken, die Eishockeylegende Slawa Bykow 1990 auf der Reise in den Westen begleitet oder zuletzt beeindruckt haben, stechen weitere spezielle Filmreihen heraus:

Die Programmlinie Genrekino: Survive! widmet sich den weltweit ganz unterschiedlichen Ängsten. Gerade aufwendige Mainstreamproduktionen nehmen sich in den letzten Jahren den vielfältigsten Katastrophenvisionen an.

In Entschlüsselt! Ringen mit der Krise setzt die Programmkommission um Direktor Thierry Jobin einen spannenden Filmmix zusammen, der verschiedene Blicke auf die Wirtschaftskrise, ihre Auswirkungen auf das alltägliche Leben und das eine oder andere Ausstiegsszenarium ermöglicht.

Ganz neu kommt 2014 ein Kurzfilmwettbewerb hinzu. Mit 3 Blöcken à je 6 Streifen aus 15 Ländern werden ausschliesslich noch unbekannte Talente gefördert.

In der Parallelsektion Sur la carte de … beehren die in Cannes bereits mehrfach mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Jean-Pierre und Luc Dardenne Fribourg. Speziell: Diesmal nehmen sie keine unter Kennern längst bekannte eigene Werke mit – mit Ausnahme eines bereits 1980 in der Schweiz entstandenen. Vielmehr stellen sie von ihnen produziertes Schaffen anderer Regisseure vor.

Für Hommage à … präsentieren 14 der bekanntesten iranischen Regisseure jeweils einen bis drei Filme aus ihrer Heimat, die für die Kultur oder ihre eigene Biografie grosse Bedeutung erlangten.

Und zuletzt eröffnet die Reihe Terra Incognita in acht Spiel- und Kurzfilmblöcken einen Einblick ins weitgehend unbekannte madagassische Filmschaffen. Alles andere als ein «Cinéma du pauvre» …

SLAWA BYKOWS AUSWAHL RUSSISCHER FILME

White Bim Black Ear (Belyy Bim Chernoe ukho, 1977)
Regisseur Stanislav Rostotsky (1922–2001) zählte zwar zu den Lieblingen des Sowjetregimes. Doch sowohl «The Dawns Here Are Quiet» (1972) wie auch «White Bim, Black Ear» erhielten eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film.
Zum Film: Ein englischer Setter mit schwarzem Ohr wird von einem alten Jäger aufgenommen. Als dieser wegen eines Herzproblems ins Spital muss, macht sich der Hund auf die Suche nach dem Vermissten.
Slawa Bykow: «Dieser Film brachte alle Russen zum Weinen. Die Art und Weise, wie Einsamkeit und Menschlichkeit dieser Hund-Herrchen-Beziehung dargestellt werden, ist herzzerreissend. Liebe geht nie spurlos an einem vorbei.»

Stalingrad (2013)
Fedor Bondarchuk wurde 1967 in Moskau als Sohn des grossen Regisseurs Sergey Bondarchuk geboren und erlernte das Handwerk wie die meisten an der Filmhochschule in Moskau.
Zum Film: «Stalingrad» ist der erste russische Film in 3-D und Imax-Format und erzählt von der berühmten gleichnamigen Schlacht, mit eingebauten Zeugnissen von Überlebenden. Er handelt von der Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Offizier und einer jungen Russin.
Slawa Bykow: «Einige Zuschauer störten sich an der Tatsache, dass der Deutsche als sanfter Mensch dargestellt wurde. Aber auch russische Truppen töteten damals blindlings. Die Schlacht von Stalingrad gilt bis heute als bedeutender Moment in der Geschichte meines Landes. Mir gefällt die Idee, dass jemand im Kontext des Grauens eine Liebesgeschichte erzählt.

Zweikampf aus «Legend No. 17» mit  Valeri Kharlamov
Zweikampf aus «Legend No. 17» mit Valeri Kharlamov (links / Bild zVg).

Legend No. 17 (Legenda No. 17, 2013)
Nikolay Lebedev wurde 1966 in der UdSSR geboren. Sein siebter Film war in Russland die erfolgreichste Produktion des Jahres 2013.
Zum Film: Die Biografie einer echten Hockeylegende setzt im September 1972 an. Nach strengen Lehrjahren unter den Fittichen seines Coaches Anatoli Tarasov schoss Valeri Kharlamov in Montréal 1976 zwei Tore gegen Kanada. Die Russen gewannen 7:3, hatten einen neuen Nationalhelden und erlangten durch den Sport eine neue Vision der Aussenwelt.
Slawa Bykow: «Ich habe noch gegen Kharlamov gespielt. Mit seiner Aufrichtig- und Menschlichkeit war er ein Bilderbuchrusse. Damals zählten für uns nur drei Dinge: das Ballett, der Weltraum und das Hockey. Dies war unsere Dreifaltigkeit. «Legend No. 17» widerspiegelt die aufkeimende Idee der Öffnung. Es begann mit Nikita Chruschtschow und war wie im Frühling. Ich kann mich gut daran erinnern.»

The Diamond Arm (Brilliantovaya ruka, 1969)
Regisseur Leonid Gayday begleitete das bekannte komödiantische Trio Nikulin-Vitsin-Morgunov von 1961 bis 1966. Sein Streifen wurde zum Grosserfolg, sodass der Regisseur und seine Frau ihr eigenes Studio aufbauen konnten.
Zum Film: Ein sowjetischer Bürger ist auf einer Kulturreise im Ausland, als Schmuggler ihn mit einem anderen Mann verwechseln. Unverhofft landet er im illegalen Diamantenhandel. «The Diamond Arm» liess bei seinem Erscheinen die Kinokassen klingeln (76,7 Millionen verkaufte Tickets in der UdSSR). Noch ein halbes Jahrhundert später hallen die Dialoge im kollektiven Gedächtnis nach.
Slawa Bykow: «Der Klassiker unseres Humors par excellence. Nicht nur, weil es die erste Komödie war, die erotische Anspielungen enthielt … Schauspieler Yuri Nikulin, der zunächst Clown und dann Leiter des Grossen Moskauer Staatszirkus war, verzauberte in seiner Rolle als Herr Jedermann so sehr, dass er sich plötzlich in der Rolle des National- und Frauenhelden wiederfand.»

Gentlemen of Fortune (Dzhentlmeny udachi, 1971)
Aleksandr Seryj (1927–1987) kam gerade aus dem Gefängnis, als er ein Drehbuch dank eigener Erfahrungen in der Gaunersprache der Kerker (Fenja) realisierte. Sein dritter von fünf Filmen sollte 1972 zum grössten Erfolg werden.
Zum Film: Der gutmütige Kinderkrippenleiter Troshkin hat das Pech, dem Gauner Docent zu gleichen. Dieser hat eben zusammen mit zwei Komplizen eine goldene Haube von Alexander dem Grossen gestohlen. Nach der Verhaftung der Schurken will die Polizei Docent in einem abgelegenen Gefängnis verwahren und den friedfertigen Troshkin dazu bringen, aus den Mittätern herauszukitzeln, wo sie den Schatz versteckt halten.
Slawa Bykow: «Die schauspielerische Leistung von Evgenij Leonov, der sowohl Troshkin als auch Docent spielt, war gewaltig. Er ist zugleich der Liebling der Kinder und ein echter Unhold mit seinen Komplizen. Das Publikum berührte, dass dieser Gutmensch die Halunken dazu bringt, ihre Probleme zu erkennen. Denn jeder trägt einen sensiblen, aufrichtigen Kern in sich.»
Alle Infos zu Festivalprogramm, -pässen oder -tickets: www.fiff.ch/de

Autor: Reto Meisser