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23. Juni 2014

Spielplatzgespräche, Teil 3: Kastrationsängste

Die «Mamma Mia!»-Kolumnistin widmet drei Beiträge dem Spielplatz. Im letzten geht es um ein Thema von Erwachsenen.

Worüber Mütter wohl reden
Worüber die Mütter wohl reden ...?

Ich liebe Spielplätze. Nicht wegen der Schaukeln – dafür ist mein Hintern zu breit – sondern wegen der dort ungezwungenen Atmosphäre. Während sich die lieben Kleinen gegenseitig den Sand auf den Kopf rieseln lassen, sitzen die Mamis beieinander und reden ohne Tabus über die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Zum Beispiel über Verhütung.

Andris Mutter macht den Anfang: «Der Bruno hat sich unterbinden lassen.»

«Wie jetzt? So richtig?» Susanne reisst die Augen auf, während sie ihrer Vierjährigen einen Apfelschnitz reicht.

«Ja. Ich wollte die Pille nicht mehr nehmen. Da habe ich zu ihm gesagt: Jetzt bist du dran, oder ich schliesse den Laden!»

«Und?», fragt Denise.

«Das hat ihn überzeugt, er hats machen lassen.»

«Nein, ich meine: Und? Wie ist es jetzt?»

«Alles wie immer. Es wurde ja schliesslich nichts abgeschnitten.»

Ein Kind kommt angelaufen: «Mami, was wurde abgeschnitten?»

Alle Mütter unisono: «Nichts.»

«Mein Mann würde das nie machen lassen», sagt Ursina und schüttelt den Kopf.

«Bruno sagt, es war gar nicht schlimm. Eine kleine Betäubung, ein winziger Schnitt – und schon schwimmen die … äh … die Kaulquappen? … nicht mehr ans Ziel.»

Eva hat etwas aufgeschnappt und tippelt vorbei: «Mami, wir haben auch Kaulquappen in der Krippe.»

«Ja, wunderbar, Schätzeli, spiel weiter. Guck mal, da hinten baut der Raphael einen Turm aus Sand», sage ich.

Andris Mami bleibt am Ball: «Apropos Turm. Es macht jetzt fast mehr Spass als früher.»

«???»

«Na, weil jetzt nichts mehr passieren kann …» Sie lehnt sich zurück und sieht sehr befriedigt aus.

«Wie verhütet ihr denn?», frage ich in die Runde. (Wie schon gesagt: Spielplatz = Enttabuisierung.)

«Hormonspirale.»

«Pille.»

«Zyklusbeobachtung – okay, hört auf zu lachen, ihr wisst doch, dass wir noch nicht abgeschlossen haben.»

«Kupferkette.»

«???»

«Ist so was Neumodisches, in der Schweiz eher Seltenes», erklärt Ursina.

«Hat man da beim Sex eine Kette um den Hals?», neckt Andris Mami.

«Haha, sehr witzig. Nein, es ist eine Variante der Spirale. Statt einer Spirale wird eine Kette an die Gebärmuttermuskulatur geknotet.»

«Geknotet? Tönt schrecklich.»

«Ja, war nicht lustig. Aber es hält fünf Jahre, ist hormonfrei und sehr sicher. Angeblich. In Holland und Belgien ist es das Verhütungsmittel Nummer eins. In der Schweiz musste ich erst nach einem Arzt suchen, der das System kannte.»

«Hattest du eine Narkose?», will Denise wissen.

«Nein, nur 27 Ibuprofen-Tabletten vorher. Hat aber nicht wirklich geholfen. Tat trotzdem sauweh.» Während Ursina erzählt, wird mir eine Sache klar: Unsere Männer sollten unbedingt mal mit Bruno ein Bier trinken gehen.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Oreste Vinciguerra