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30. April 2012

Karriere trotz Handicap

Gleichstellungsgesetz hin oder her: Behinderte sind bei der Suche nach Arbeit stark benachteiligt. Speziell schwer haben es Frauen mit einer Behinderung. Und doch gibt es einige, die sich mit viel Willen, Fleiss und manchmal einem Quäntchen Glück einen Platz in der Berufswelt erkämpft haben.

Seit drei Jahren 
arbeitet Manuela Leemann Vollzeit als Gerichtsschreiberin.

Die aktuelle Situation in der Schweiz: Zahlen und Fakten zum Thema

Eine graue Behandlungsliege steht in Manuela Leemanns Büro. Eine, wie man sie vom Arztbesuch kennt. Manuela Leemann (30) ist vom fünften Halswirbel an abwärts so gut wie gelähmt. Während eines Hindernislaufs stürzte die damals 16-Jährige unglücklich. Seither kann sie ihre Beine nicht bewegen, ihre Arme nur sehr beschränkt — und das auch nur dank Geschicklichkeit und viel hartem Training. Am Morgen die Jacke ausziehen, am Feierabend wieder anziehen, in der Mittagspause das Essen auf dem Teller klein schneiden, einen Ordner aus einem höher gelegenen Regal holen — nichts davon kann sie aus eigener Kraft. «Ich habe ein paar Kollegen hier, die mir helfen, wir sind ein eingespieltes Team», sagt sie. Vier Mal täglich muss sie ihre Blase entleeren. Jeweils zur Mittagszeit kommt eine Mitarbeiterin der Spitex im Büro vorbei und hilft ihr dabei. Das ist der Moment, wo sie sich mit Hilfe der Pflegerin aus dem Rollstuhl auf die Behandlungsliege hievt.

Ein Job bringt Geld, und Geld schafft Unabhängigkeit

Seit drei Jahren ist die studierte Juristin Vollzeit als Gerichtsschreiberin am Verwaltungsgericht in Luzern angestellt. Sie arbeitet am Computer mit Spracherkennungsprogramm. So kann sie längere Texte schneller verfassen. Wenn sich das Programm «vertippt», so korrigiert sie den Fehler manuell mit einem an ihrem Handschoner befestigten Holzstift. Es ist ihre erste Festanstellung seit dem Universitätsabschluss, die Jobsuche dauerte «nur vier Monate», wie sie sagt. «Arbeiten zu gehen, gibt mir Genugtuung und auch irgendwie den Respekt der anderen Leute, denn heute wird ja vieles über die Arbeit definiert.»

Manuela Leemann arbeitet mit einem Spracherkennungsprogramm. Fehler korrigiert sie manuell.
Manuela Leemann arbeitet mit einem Spracherkennungsprogramm. Fehler korrigiert sie manuell.

Laut Angie Hagmann (54), Leiterin von Avanti Donne, der Kontaktstelle für Frauen und Mädchen mit Behinderung, leben in der Schweiz rund 200'000 Mädchen und Frauen mit einer starken Beeinträchtigung. Frauen, besonders aus sozial benachteiligten Schichten, hätten einen schlechteren Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt als Männer mit Behinderung, sagt sie. «Die Frauen erleben in der Berufsberatung immer wieder, dass ihnen ein klassischer Frauenberuf regelrecht aufgeschwatzt wird. Büro, Hauswirtschaft — viel anderes scheint man ihnen nicht zuzutrauen.»

Arbeiten zu gehen, gibt mir Respekt und Genugtuung. – Manuela Leemann

Zu arbeiten bedeutet für Manuela Leemann auch, finanziell auf eigenen Füssen zu stehen. Ihr Lohn ermögliche es ihr, sich Sachen zu leisten, die ihr das Leben vereinfachten, sagt sie. Und meint damit beispielsweise das private Pflegepersonal, das sie per Inserat gesucht hat, und das auch nach 22 Uhr noch vorbeikommt — denn bei der Spitex ist zwei Stunden vor Mitternacht Feierabend. Zudem helfen ihre Familie und Freunde, wo immer es geht. Beim ins Bett gehen, beim Einkaufen, oder auch einfach beim Haare stylen oder Nägel lackieren.

In ihrer Freizeit engagiert sie sich in Fachkommissionen und Arbeitsgruppen für die Anliegen behinderter Menschen. Den Kontakt zu anderen Betroffenen finde sie nützlich. Aber es sei ihr auch wichtig, zu nicht behinderten Menschen Kontakt zu haben und in einem «normalen» Job zu arbeiten.

Bei der Stellensuche sind Behinderte doppelt handicapiert

Menschen mit Behinderung sind deutlich seltener erwerbstätig als Menschen ohne Behinderung. Gemäss Zahlen der letzten Schweizerischen Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2007 sind 59 Prozent der behinderten Menschen, die in Privathaushalten leben und zwischen 15 und 64 Jahre alt sind, erwerbstätig. Bei den Menschen ohne Behinderung sind es 80 Prozent.

Seit 2004 gilt in der Schweiz das Gesetz für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (BehiG). Es will verhindern, dass Menschen wegen ihrer Behinderung im gesellschaftlichen Leben und im Arbeitsalltag benachteiligt werden, und bestehende strukturelle Diskriminierung beseitigen. Dass behinderte Menschen bei der Stellensuche oder auf der Arbeit schlechte Erfahrungen machen, passiere jedoch immer noch viel zu oft, sagt Tarek Naguib (35) von Égalité Handicap, der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

«Bei der Stellensuche oder während der Arbeit werden sehr viele Behinderte diskriminiert.» Die meisten Betroffenen würden sich aber dagegen nicht wehren, zumal das BehiG den privaten Arbeitgeber zu gar nichts verpflichte. Zudem würden die Arbeitgeber auch über das geltende Invalidengesetz zu wenig in die Pflicht genommen. Für die Betroffenen sei es viel einfacher, mit der Stellensuche weiterzufahren, als rechtliche Schritte einzuleiten. «Viele Arbeitnehmer sind sehr zurückhaltend, wenn es um das Anstellen von Behinderten geht, denn sie fürchten die damit verbundenen Anpassungen am Arbeitsplatz und im Team», sagt Naguib. Und Frauen, so Angie Hagmann von Avanti Donne, hätten bei der Stellensuche noch ein bisschen mehr Mühe. «Die Arbeitgeber denken, Männer seien dringender auf eine Stelle angewiesen, weil die Frau ja einen Mann hat, der für sie sorgt.» Laut Hagmann sind jedoch gerade Frauen mit einer schweren Behinderung oft auf sich alleine gestellt.

So wie die 34-jährige Susanne Gasser, die seit Mitte Januar eine eigene Physiotherapiepraxis in Zweisimmen führt. Zapfen-Stäbchen-Dystrophie heisst die Krankheit, die sie seit ihrem achten Lebensjahr so gut wie blind macht. Auf zwei bis drei Prozent schätzen die Ärzte Susanne Gassers restliches Sehvermögen. Bei ihrer früheren Arbeitssuche legte sie den Bewerbungsdossiers jeweils einen separaten Brief bei, in dem sie erklärte, dass sie mit einer starken Sehbehinderung lebe und gerade deshalb sehr ehrgeizig sei und über ein grosses Durchhaltevermögen verfüge. Heute steht dieser Text auf ihrer Praxishomepage.

In ihrer Physiotherapiepraxis in Zweisimmen ist Susanne Gasser ihr eigener Boss.
In ihrer Physiotherapiepraxis in Zweisimmen ist Susanne Gasser ihr eigener Boss.

Wenn sie auf ihre Laufbahn zurückblickt, wird ihr bewusst, dass auch viel Glück mit im Spiel gewesen ist: «Ich traf immer wieder neugierige Menschen, die mir eine Chance gaben und die mit mir einen neuen Weg begehen wollten.» Angefangen bei den Lehrern in der Mittelstufe über ihren Lehrmeister bis zu ihrem letzten Arbeitgeber im Spital in Zweisimmen BE, wo sie bis vor Kurzem als leitende Physiotherapeutin gearbeitet hat.

Susanne Gasser fordert mehr Offenheit und Spontaneität

Während ihrer Ausbildung sei es jedoch nicht immer einfach gewesen, erzählt sie. Eine Sehbehinderte verursache mehr Aufwand und Probleme als eine Normalsehende, davon war ihre Vorgesetzte während eines Praktikums überzeugt. «Sie sagte mir, dass ich schlecht sei. Ich fing an, Fehler zu machen, sodass ich plötzlich selber glaubte, dass ich unfähig sei.» Susanne Gasser zog die Notbremse und nahm sich eine Auszeit, widmete sich ihrer grössten Leidenschaft, dem Reisen. Bereits vor der Ausbildung war sie vier Wochen alleine durch England gereist, mit dem Zug, ohne Blindenstock. Zwei Jahre quer durch Südamerika folgten, nachdem sie die Diplomprüfung bestanden hatte. In ihrem Beruf ersetze das Berühren das Sehen. Ein gutes Gedächtnis und Gehör helfen ihr, den Alltag zu bewältigen.

Susanne Gassers Sehvermögen beträgt noch zwei bis drei Prozent. Patientenakten liest sie mit Hilfe eines Vergrösserers.
Susanne Gassers Sehvermögen beträgt noch zwei bis drei Prozent. Patientenakten liest sie mit Hilfe eines Vergrösserers.

Sie sei sich bewusst, dass sie eine «Vorzeigebehinderte» sei, sagt sie. Trotzdem: «Ob Bewunderung oder Mitleid — beides prallt an mir ab.» Die Mehrheit der Behinderten würde in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, weil sie irgendwo in einem «unspektakulären» Beruf arbeiteten, einer vermeintlich einfachen Arbeit nachgingen, gibt sie zu bedenken. «Ich repräsentiere leider nicht die Realität.»

Bewunderung oder Mitleid – beides prallt an mir ab. – Susanne Gasser

Kämpfer müsse man sein, Energie brauche es auch, sagt Susanne Gasser, wenn sie erklärt, wie sie es trotz Sehbehinderung so weit gebracht hat. Damit Behinderte in der Gesellschaft eine bessere Stellung erhielten, brauche es aber auch mehr Offenheit und Spontaneität der Mitmenschen, denn das ist «tausend Mal mehr wert als jede Technik der Welt».

Trotz Hörgeräten muss sie von den Lippen lesen

Manchmal muss Uni-Professorin Andrea Maihofer die Studierenden mehrmals darauf hinweisen, dass sie hörbehindert ist.
Manchmal muss Uni-Professorin Andrea Maihofer die Studierenden mehrmals darauf hinweisen, dass sie hörbehindert ist.

Im Vorlesungssaal der Universität Basel sitzen ungefähr 140 Studierende, als eine Stimme über den Lautsprecher ertönt: «Mein zweites Hörgerät ist heute defekt.» Die Information kommt von Professorin Andrea Maihofer (58), die vorne an der Wandtafel mit dem Mikrofon steht und zu den Sitzbankreihen hochblickt. «Falls Sie Fragen stellen wollen, müssen Sie also lauter sprechen als sonst oder warten, bis ich vor Ihnen stehe.» Die meisten halten sich in den darauffolgenden 90 Minuten Vorlesung an die Bitte. Einige aber auch nicht. Als eine Studentin mit leiser Stimme spricht, sagt Andrea Maihofer kurz: «Bitte!», und zeigt mit den Händen energisch auf ihre Ohren.

Andrea Maihofer ist seit Geburt hörbehindert, ohne Hörgeräte hört sie nur 50 Prozent. In der Schule sass sie immer in der vordersten Reihe, was hinter ihr abging, bekam sie nicht mit: «Soziale Interaktionen mit den Mitschülern waren schwierig», erzählt sie. Ihre Leistungen in der Primarschule liessen zu wünschen übrig, und erst als ihre ältere Schwester anfing, mit ihr stundenlang Diktate zu üben, verbesserte sie sich zumindest im Deutschunterricht. «Ich kriegte nichts umsonst, ich musste immer mehr leisten als die anderen.»

Ich musste immer mehr leisten als die anderen. - Andrea Maihofer

Als sie mit 20 ihre ersten Hörgeräte erhielt, tat sich für sie eine neue Welt auf. «Plötzlich wurde mir bewusst, dass Kleider Geräusche machen.» Doch auch mit den modernsten Geräten ist die Professorin in ihrem Berufsalltag eingeschränkt. In Gesprächen liest sie gleichzeitig von den Lippen ihres Gegenübers. An grossen Sitzungen muss sie ihre Kollegen darauf hinweisen, doch bitte in ihre Richtung zu blicken, wenn sie sprechen. Aber das klappt nicht immer, die Leute nuscheln, verdecken ihren Mund. Einerseits sei das in ihren Augen Ignoranz, andererseits habe sie Verständnis dafür. «Wenn ich mich zu gut integriere, vergessen die Leute, dass ich hörbehindert bin.» Gleichbehandlung, da ist sich Andrea Maihofer sicher, reicht nicht aus. Behinderte Menschen benötigten auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt zwingend mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung als Nichtbehinderte. Angie Hagmann von Avanti Donne sieht das genauso: «Die Gesellschaft muss die Vielfalt ihrer Mitglieder als Ressource erkennen. Sie muss umdenken, denn die grössten Barrieren befinden sich in den Köpfen der Leute.»

Fotograf: Severin Nowacki, Christian Flierl