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11. August 2014

Karriere im Ausland

Ein Arbeitseinsatz im Ausland lohnt sich in beruflicher und persönlicher Hinsicht. Das weiss auch Kunsthistorikerin Bettina Jungen, die in den USA ihren Traumjob gefunden hat.

Auslandserfahrung erweitert den Horizont. Bild: Keystone, Caro Caro, Wareham

Auslandserfahrung im Lebenslauf ist oftmals der Schlüssel zum beruflichen Erfolg. Expats - Personen, die mehrere Jahre im Ausland arbeiten - geniessen in Personalabteilungen den besten Ruf: Sie gelten als offen, tolerant, flexibel und weisen vor allem «interkulturelle Kompetenz» auf. Bereits im Studium werden Studenten darauf vorbereitet, wie wichtig ein Austauschsemester ist. Auch an der nationalen Lehrstellenkonferenz der Schweiz ist die globale Mobilität immer wieder ein zentrales Thema. Kann man die grosse Karriere ohne Auslandserfahrung vergessen? Nein, sagt Laufbahnberater Peter A. Vollenweider: «Es kommt auf die Branche und die internationale Ausrichtung der Firma an.» Für Jobs in der Führungsetage sei die Auslandserfahrung nicht überall ein Must-have, aber in aller Regel «ein starkes Soll».

Katia Stampfli arbeitet in einer Bank in Sao Paolo, Brasilien.
Katia Stampfli arbeitet in einer Bank in Sao Paolo, Brasilien.

«Im Ausland zu arbeiten bringt eine neue Perspektive auf das Leben.»

Katia Stampfli

Neben dem beruflichen Profit ist aber auch die persönliche Weiterentwicklung zentral. Headhunter Sandro V. Gianella berät seit Jahren Firmen in der Besetzung von Führungspositionen und sagt: «Auslandserfahrung ist ein wesentlicher Karrierebaustein. Aber nicht nur das: Sie hilft, die Persönlichkeit zu formen und eröffnet neue Perspektiven.» Das bestätigt Expat Katia Stampfli (33), die einen Abschluss in Soziologie gemacht hat und nun nach einem MBA in Hong Kong in Sao Paolo in der grössten brasilianischen Bank arbeitet. «Arbeiten im Ausland bringt eine neue Perspektive in das Leben. Ich stelle mich selbst immer wieder infrage und habe zum Beispiel gelernt, mehr Geduld zu haben und flexibler zu sein.» An die Eigenheiten der Brasilianer musste sich Katia Stampfli erst gewöhnen: So erzählen ihre Berufskollegen an einer Sitzung gerne ausschweifend von ihren Ferien oder familiären Dingen, bevor sie zum Sachlichen kommen. Und: «Die Brasilianer sagen nicht gerne Nein und tun lieber so, als wäre eine Aufgabe zu meistern, um ihre Vorgesetzten nicht zu enttäuschen.»

Infografik erstellt mit: infogr.am

Jedes Jahr wandern tausende Schweizer aus, um im Ausland zu arbeiten. Einige werden von ihren Schweizer Firmen ins Ausland entsandt, andere bewerben sich auf eigene Faust für einen Job. Die klassischen Ziele: Unsere Nachbarstaaten, die USA, Kanada, Neuseeland, Australien und Südostasien. 2012 lebten rund 715700 Schweizerinnen und Schweizer ausser Landes, die meisten davon in Frankreich. Unter den Schweizer Expats im Ausland ist auch Kunsthistorikerin Bettina Jungen (45), seit fünf Jahren Kuratorin für russische Kunst am Collegemuseum des Amherst College in Massachusetts USA.

Bettina Jungen ist Kuratorin am Collegemuseum Amherst, Massachusetts.
Bettina Jungen ist Kuratorin am Collegemuseum Amherst, Massachusetts.

«Die Rückkehr in die Schweiz lasse ich auf mich zukommen.»

Bettina Jungen

Bevor Bettina Jungen in die Vereinigten Staaten ging, lebte sie in Hamburg und Moskau. Als Kuratorin des Collegemuseums hat sie im relativ kleinen Markt der russischen Kunst die ideale Stelle gefunden. Für sie ist die Durchlässigkeit des Arbeitsmarkts in den USA ein grosser Vorteil. Ihre Chefin in Amherst habe ihr einfach Vertrauen entgegengebracht, während sie sich in Europa von Volontariat zu Volontariat hätte durchhangeln müssen. Dafür nimmt Bettina Jungen in Massachusetts Stromausfälle, Scheckzahlungen, schlecht isolierte Häuser und die Unverbindlichkeit der Amerikaner in Kauf. «Die Fluktuation am Arbeitsplatz und Wohnort ist sehr hoch. Auch nach fünf Jahren ist es mir nicht gelungen, eine verbindliche Freundschaft aufzubauen. Ich vermisse meine langjährigen Freunde in der Schweiz», sagt Bettina Jungen. In ihre Heimat zurückzukehren, kommt für die Mutter eines kleinen Sohnes durchaus infrage. «Ich lasse das auf mich zukommen».

Laufbahnberater Peter A. Vollenweider erklärt, was ein Auslandaufenthalt für die Karriere bedeutet

Dass die Auslandskarriere aber nicht immer planbar ist, weiss Käti Brem (38), die nach ihrem Psychologiestudium als Post-Doktorandin in der Neuropsychologie in Oxford, England, arbeitet. Als Hirnforscherin ist sie von Fördergeldern abhängig. Ob sie die bekommt, weiss sie immer erst kurzfristig. «Das macht das Leben interessant, man muss aber auch sehr flexibel sein und immer einen Plan B haben», sagt Käti Brem. Vorher arbeitete sie schon drei Jahre in Boston, USA, und ist nun froh, zurück in Europa zu sein. Als Halb-Engländerin hat sie an ihrem neuen Arbeitsort Verwandte in der Nähe. Doch der Umzug ins Ausland stellte sich als keine leichte Sache heraus: «Die administrativen Hürden waren mühsam.»

Käti Brem arbeitet als Neurologin in Oxford, England.
Käti Brem arbeitet als Neurologin in Oxford, England.

«Ich habe immer einen Plan B.»

Käti Brem

Trotz ihres Jobs in Oxford versucht Käti Brem, immer einen Fuss in der Schweiz zu behalten. «Ich möchte irgendwann gerne wieder an den Forschungsplatz Schweiz zurückkehren und mein Wissen dort einsetzen.» Die Rückkehr in die Schweiz schätzt Laufbahnberater Peter A. Vollenweider besonders für Expats, die von Schweizer Firmen ins Ausland entsandt wurden, als schwierig ein: «Es ist wichtig, aktiv sein Netzwerk in der Heimat zu pflegen, sich firmenintern mit Mentoren auszutauschen und seine Karriereoptionen im Auge zu behalten. Wer sich nicht vorausschauend um seine Rückkehr kümmert, steht in der Schweiz womöglich ohne Job da.»

Bei der Generation der jungen Berufseinsteiger beobachtet Laufbahnberater Peter A. Vollenweider unterdessen einen Wandel, was die Beliebtheit von Auslandsaufenthalten angeht. Früher galt eine Stelle im Ausland als die einmalige Chance. Das ist heute anders: «Viele Studenten haben bereits ein Auslandssemester absolviert oder reisen privat viel in der Welt herum, dann wollen sie nicht mehr unbedingt noch längere Zeit im Ausland arbeiten.»

Autor: Silja Kornacher