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20. April 2015

Ein Leben mit Leerstellen

100 Jahre nach Beginn des Massakers an den Armeniern hat die Bernerin Manuschak Karnusian ein Buch über Armenier in der Schweiz geschrieben – und versucht, damit Lücken in ihrer eigenen Familiengeschichte zu füllen.


Manuschak Karnusian
Manuschak Karnusian: «Mein Vater hätte nie Bomben und Terror in Kauf genommen.»

Hat mein Vater tatsächlich eine Terrororganisation mitgegründet?» Diese Frage wird Manuschak Karnusian (54) nie restlos klären können. Die Vorwürfe wurden erst nach seinem Tod erhoben. Die Geschichte ihrer Familie väterlicherseits kennt die ehemalige Journalistin vor allem aus Zeitungsartikeln und Radiobeiträgen: «Wir haben nicht gefragt – wahrscheinlich weil wir merkten, wie viel Schmerz sich dahinter versteckt.»

James Karnusian war Pfarrer und stand unter Verdacht, Gründungsmitglied einer ­Terrororganisation zu sein.
James Karnusian war Pfarrer und stand unter Verdacht, Gründungsmitglied einer Terrororganisation zu sein.

Als Pfarrer von Gstaad predigte James Karnusian jahrzehntelang von Frieden und Versöhnung. 1998 starb er im Alter von 72 Jahren, Ruhe findet er bis heute nicht: Erst kürzlich schrieb die «NZZ», Karnusian sei wahrscheinlich ein Gründungsmitglied der Asala gewesen – einer Terrorgruppe zur Befreiung Armeniens, die in den 80er-Jahren weltweit 84 Anschläge mit 46 Todesopfern und 299 Verletzten verübte.

Durch die Wüste in den Tod

James Karnusian wurde 1926 in einem Flüchtlingslager in der libanesischen Hauptstadt Beirut geboren. Er emigrierte mit 28 Jahren in die Schweiz, wo er ein Theologiestudium abschloss, reformierter Pfarrer wurde und eine Schweizerin heiratete. Seine Mutter war 15 Jahre alt, als vor ihren Augen die gesamte Verwandtschaft ermordet wurde. Zusammen mit Tausenden weiterer Waisenkinder durchquerte sie zu Fuss die Syrische Wüste und lernte vermutlich in einem Flüchtlingslager ihren künftigen Mann kennen, der zu einer Gruppe armenischer Widerstandskämpfer gehört haben soll.

Während den Deportationen kommen schätzungsweise 400'000 Armenier ums Leben.
Während den Deportationen kommen schätzungsweise 400'000 Armenier ums Leben.

Die Grosseltern von Manuschak Karnusian waren Überlebende des Völkermords an den Armeniern, der am 24. April 1915 begann. Damals richtete die türkische Regierung 200 armenische Führer hin. Während der folgenden drei Jahre kamen in der Türkei über eine Million armenische Christen ums Leben, 400 000 wurden vertrieben. Über die politischen Hintergründe gibt es viele Bücher, nicht aber über die damit verbundenen Schicksale. Darum hat sich Manuschak Karnusian entschlossen, ein Buch über Armenier in der Schweiz zu schreiben auch, um nach ihren eigenen Wurzeln zu suchen.

Vom Genozid überfordert

«Ich war wie getrieben, habe ganze Wochen durchgearbeitet», erzählt die heutige WWF-Mitarbeiterin. Dabei habe sie früher stets versucht, sich vom Armenien-Thema abzugrenzen. «Als ich in der Pubertät war und mein Vater im Zusammenhang mit der Asala plötzlich auf allen Kanälen kam, hatte mich das Thema Genozid völlig überfordert.» Auch der Patriotismus der Armenier habe sie genervt. «Ich habe so oft gehört, dass Armenier gewitzter, schlauer oder einfach besser sind.» Dabei gebe es innerhalb der Diaspora auch viel Zwist, der so typisch sei, dass man darüber sogar Witze reisse. «Was passiert, wenn sich drei Schweizer treffen? Sie gründen einen Verein. Was passiert, wenn sich drei Armenier treffen? Sie gründen vier Vereine.»

Nachdem sie für ihr Buch zwölf in der Schweiz lebende Armenier interviewt hat, kann sich Manuschak Karnusian sowohl den Patriotismus wie auch die Reibereien erklären. «Armenier aus Syrien sind beeinflusst von der Diktatur des Assad-Regimes, solche aus der armenischen Republik von der Sowjetherrschaft, Armenier aus der Türkei von der Angst vor Repression.» Von aussen betrachtet, verbände diese Menschen nichts und doch hätten sie eine Gemeinsamkeit: «Sie alle betonen ihre Wurzeln und ihre armenische Identität.»

Suche nach den Wurzeln

Manuschak Karnusian kennt dies aus ihrer eigenen Biografie: Als sie in jungen Jahren als Flight Attendant bei der Swissair arbeitete, durchsuchte sie die Passagierlisten stets nach «-ian», der typischen armenischen Namensendung. Und als sie mit ihrem Lebenspartner eine Familie gründete, verzichtete sie auf die Heirat, und so tragen die beiden Kinder ihren Nachnamen – mit passenden Vornamen.

Würde Manuschak Karnusian nicht heissen, wie sie heisst, man würde nichtahnen, dass ihre Wurzeln ausserhalb derSchweiz liegen. Sie spricht breitestes Berndeutsch, Armenisch beherrscht sie nicht, und zu Hause in Mittelhäusern BE gibt es keine Souvenirs aus der Heimat des Vaters. «Auf der Flucht haben meine Vorfahren alles verloren.» Sie erinnert sich an grobkörnige Schwarz-Weiss-Fotografien, die auf dem Bürotisch ihres Vaters lagen, mit abgeschlagenen Köpfen und an Pfosten baumelnden Männern. Für Manuschak Karnusian beweisen die Bilder den Völkermord an den Armeniern. Sie kursieren heute auch im Internet – ebenso wie der Terrorverdacht gegenüber ihrem Vater.

Mitglieder der Asala: Die Terrororganisation verübte weltweit 84 Anschläge mit 46 Toten und 299 Verletzten.
Mitglieder der Asala: Die Terrororganisation verübte weltweit 84 Anschläge mit 46 Toten und 299 Verletzten.

Was die tatsächliche Rolle ihres Vaters betrifft, hält sich Manuschak Karnusian an einen Artikel aus der «Weltwoche» von 1992: Darin steht, dass ihr Vater bei der Attentatswelle Anfang der 80er-Jahre tatsächlich eine Rolle gespielt hat – als Vermittler. Dies bestätigte der frühere inzwischen verstorbene Staatssekretär Raymond Probst. Im Artikel sagte er, er sei mit dem Pfarrer in Kontakt getreten und habe ihn gebeten, Verbindung mit dem in Beirut domizilierten Terroristenzentrum aufzunehmen. Das habe Karnusian auf seinen verschlungenen armenischen Wegen auch wirklich zustande gebracht und die Terrorakte hätten dann plötzlich aufgehört.

Überblickt Manuschak Karnusian alle ihr zugänglichen Dokumente, bleibt die Antwort auf die Frage offen, ob ihr Vater Gründungsmitglied der Asala war. Was sie aber sicher weiss, ist, dass sich ihr Vater von der Organisation distanzierte, als diese begann, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen: «Mein Vater hatte mit der Anerkennung des Völkermords dasselbe Ziel wie die Asala, aber Bomben und Terror hätte er nie in Kauf genommen. So wie ich selber auch nicht.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Marco Zanoni