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13. Januar 2014

«Träume halten Traditionen aufrecht»

Karin Frick ist Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts. Im Interview spricht sie über die Beziehung der Zukunft.

Karin Frick, Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.
Karin Frick, Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.

Karin Frick, es gibt immer mehr Scheidungen und Single-Haushalte. Leben Menschen künftig überhaupt noch in Beziehungen?

Klar, das traditionelle Modell ist nach wie vor sehr robust. Es gibt zwar ein paar Möglichkeiten mehr, wie Menschen zusammenleben können. Aber angesichts dessen wählen immer noch sehr viele nur einen Partner oder eine Partnerin.

Trotzdem nimmt die Scheidungsrate jährlich zu.

Vor 50 Jahren fehlte den Menschen das Vokabular, die Probleme so zu besprechen, wie es Paare heute tun. Hinzu kommen wichtige Faktoren: Erstens sank die finanzielle Abhängigkeit vom Partner, zweitens gibts praktisch keinen sozialen Druck mehr, eine Beziehung aufrechtzuerhalten, drittens wuchs der Partnermarkt enorm, viertens ist die Frustrationstoleranz bei vielen gesunken ...

... und fünftens sind die Alternativen zu einer festen Partnerschaft doch ziemlich verlockend. Freiheit, Abwechslung, Leichtigkeit ...

Das stimmt, aber wirklich neu ist das nicht. Partiell hat es solche Lebensformen schon immer gegeben, denken Sie zum Beispiel an die 68er-Bewegung. Verschwunden ist das traditionelle Modell trotzdem nie und wird es auch nicht so schnell.

Mit dem traditionellen Modell meinen Sie die Ehe?

Nicht unbedingt. Eine Partnerschaft ist eine Partnerschaft – ob mit Trauschein oder ohne. Klar faszinieren die Alternativen, aber die Sehnsüchte der Menschen ändern sich nicht so schnell. 17-Jährige beantworten Fragen nach ihren Träumen höchst selten mit «eine Mehrpartnerfamilie gründen».

Ich mochte diesen Hochzeitskitsch nie!

Der Traum als Stabilisator der Tradition?

Ja. Sehnsüchte und Träume spielen eine wichtige Rolle, um ein Konzept zu festigen.

Im Endeffekt spielt es gar keine Rolle mehr, ob geheiratet wird oder nicht?

Für Erwachsene kaum. Aber gerade Kinder denken manchmal erstaunlich konservativ. Sie tragen von klein auf oft den Wunsch in sich, in einer traditionellen Familie aufzuwachsen.

Also ist alles noch genau gleich, wie es vor 100 Jahren war und in 100 Jahren sein wird?

Nicht ganz. Der zentrale Punkt ist, dass sich zwar die Gesellschaft veränderte, nicht aber die Liebesgeschichten. Im Gegenteil wird der Traum von der grossen Liebe sogar noch wichtiger, wenn sie real kaum zu haben ist.

Genügt das Zusammenleben ohne Trauschein denn, um das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Familie oder Partnerschaft herzustellen?

Klar, das hat mehr mit der Einstellung der Betroffenen als mit einer Heirat zu tun. Rechtlich geregelt werden sollte aber das gemeinsame Sorgerecht für die Kinder – nur schon aus Fairness dem Mann gegenüber.

Also nehmen Eheschliessungen künftig ab?

Trotz allem nicht, nein. Ich sehe keine dramatischen Veränderungen. Ich selbst wohne auch in einem Konkubinatshaushalt mit zwei Kindern ...

... weshalb verzichteten Sie persönlich auf eine Hochzeit?

Ich sah mich nie als Prinzessin, die ihren Prinzen finden wollte. Eine feste Beziehung kombiniert mit etwas Freiheit und Unabhängigkeit ergibt dieses Art des Zusammenlebens. Zudem mochte ich diesen Hochzeitskitsch nie (lacht).

Autor: Reto Vogt