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12. Dezember 2016

Karikaturisten lieben Donald Trump

Mit bitterbösem Humor kommentieren die Karikaturisten Silvan Wegmann und Felix Schaad das Tagesgeschehen. Die beiden Meisterzeichner über das Reizthema Religion, die verpönte Moralkeule und Donald Trump, zu dem sie sich bald Neues einfallen lassen müssen.

Felix Schaad
Felix Schaad | Tages-Anzeiger | 14. Juli 2016

Silvan Wegmann und Felix Schaad, was waren für Sie die wichtigsten Ereignisse dieses Jahres?

Beide: Die Wahlen in den USA!

Wie war das, als Sie Trump erstmals als Präsidentschaftskandidaten wahrnahmen?

Silvan Wegmann: «Geil!», dachte ich mir.

Haben Sie sich Trump als Präsidenten gewünscht – also karikaturtechnisch?

Schaad: Ja. Sonst aber nicht.

Jetzt wird er Präsident der USA. Was heisst das für Ihre Arbeit?

Schaad: Mit der Realpolitik werden neue Themen aktuell, und das eröffnet auch die Möglichkeit, Trump in neuen Kontexten zu zeichnen. Generell ist er eine Wundertüte.

Silvan Wegmann (links) und Felix Schaad.

Was ist Ihnen bei Karikaturen anderer Zeichner dieses Jahr aufgefallen?

Schaad: Ich schaue mir wenige an. Sonst denke ich «Wow, ist das toll!» – und verliere mich darin. Lieber gehe ich meinen eigenen Weg.

Um sich von der Masse abzuheben?

Wegmann: Vor allem, weil sich die Themen und Positionen verschärft haben.

Zeichnen Sie auch böser, weil das Umfeld rauer geworden ist?

Wegmann: Ich nicht, nein.

Wären Sie gerne böser, Felix Schaad?

Schaad: Meine Waffen sind die Zeichnungen. Oft wundere ich mich, warum ich versuche, damit gegen das Böse anzukämpfen. Während wir uns fragen «Ist diese Zeichnung zu böse?», geht in Syrien die Welt unter.

Wie gehen Sie bei der Arbeit vor?

Schaad: Die Redaktionsleitung des «Tages-Anzeigers» schlägt mir ein aktuelles Thema vor. Dazu präsentiere ich verschiedene Vorschläge. Dann entscheiden wir gemeinsam und fragen: Was ist am lustigsten? Wir wählen nicht immer die böseste Variante. Wichtig ist das Gesamtprodukt. Ist die Titelseite insgesamt düster, soll die Zeichnung für Leichtigkeit sorgen.

Und wer entscheidet bei Ihnen, Silvan Wegmann?

Wegmann: Bei der «Aargauer Zeitung», beim «Nebelspalter» oder bei der «Handelszeitung» habe ich oft freie Themenwahl. Ich beginne meinen Arbeitstag mit der Lektüre diverser Zeitungen. Gegen Mittag weiss ich, welches Thema ich umsetzen möchte. Dann mache ich mich ans Zeichnen.

Ist Ihre Arbeit schwieriger, wenn es um Flüchtlinge oder Vertriebene geht?

Wegmann: Ja. Man muss es so drehen können, dass die Leute trotzdem Spass haben. Das ist sehr tricky. Der Klassiker bei schweren Themen ist die Friedenstaube in Form eines Geiers. Das will ich aber nicht mehr zeichnen.

Belasten Sie negative Themen?

Wegmann: Nein, ich lebe ja auch davon. Und Cartoons sollten dazu da sein, dass man auch im schwärzesten Moment kurz lachen kann.

Was, wenn Ihnen ein Thema widerstrebt?

Schaad: Wenn ich Vorbehalte habe, diskutiere ich mit der Redaktion. Ich lasse mit mir reden und versuche auch etwas, das ich mir aus dem Stegreif nicht vorstellen kann. Vor Kurzem fiel der Strom in Zürich aus. «Bitte nicht!», dachte ich. Ich fand das langweilig.

Wann ist eine Karikatur gelungen?

Schaad: Wenn die Reaktionen möglichst negativ ausfallen, sagt man. Persönlich möchte ich aber, dass die Leute lachen. Das halte ich für eine ehrenvolle Aufgabe.

Mit Ihrer Jesus-Karikatur haben Sie letztes Jahr für Aufruhr gesorgt. Jesus hängt am Kreuz, Santa Claus kommt vorbei und ruft «Happy Birthday!».

Wegmann: Vor zwei Wochen habe ich nachgelegt, diesmal sieht man Jesus nicht. Ein Nagel fliegt vom Kreuz, der Körper rutscht runter. Damit habe ich den Rechtsrutsch der CVP illustriert. Daraufhin gab es einige Mails und eine Abokündigung. Es ging den Lesern aber nicht um die Aussage an sich, sondern darum, dass es nicht gehe, Religiöses zu karikieren. Bei keinem anderen Thema sind die Leute so empfindlich wie bei der Religion.

Hagelt es oft Kritik?

Schaad: Ich empfinde die Akzeptanz als sehr hoch. Man kann vieles machen, auch böse Sachen.

Und wie reagieren Sie auf Kritik?

Wegmann: Ich bleibe gelassen und verzichte vielleicht einen Monat lang auf Jesus-Karikaturen.

Ist Provokation auch ein Motor?

Wegmann: Das sollte nicht sein. Sonst wären wir am falschen Ort.

Was halten Sie von Mohammed-Karikaturen?

Schaad: Die Religion per se lassen wir sein. Besser, wir konzentrieren uns auf jene, die sie repräsentieren – auf einen Imam etwa, auf den Papst, auf einen Bischof. Dann kann man auch Selbstironie reinbringen und stellt sich so nicht über die anderen. Sonst befindet man sich schnell auf Stammtischniveau und macht sich über etwas lustig, das man kaum kennt. Das ist heikel.

Finden Sie Respekt gegenüber anderen Kulturen wichtig?

Wegmann: Es braucht einfach keine Mohammed-Karikatur, wenn man Kritik am Islam üben will.

Was beim Leser gut ankommt, ist nicht das, was Ihnen am besten gefällt?

Schaad: Eine Version, die sich unmittelbar erschliesst, ist immer beliebter als eine, bei der man etwas mehr denken muss.

Was braucht es für eine gute Karikatur?

Schaad: Ideal ist, wenn man mit zwei, drei Themen arbeiten kann, die alle kennen, diese dann zu einer Karikatur kombiniert, die ohne Bildlegende verstanden wird.

Kommt es vor, dass etwas passiert und Sie denken: «Das muss ich karikieren!»?

Schaad: Eher liefern diese News die zündende Idee, wie man ein Thema weiterdrehen kann. Als zum Beispiel Christoph Blocher nach seiner Abwahl aus dem Bundesrat nach längerer Pause erstmals wieder öffentlich sprach, sollte ich das karikieren. Mir fiel dazu einfach nichts ein. Dann sah ich die Meldung zur Cervelathaut-Krise – und war gerettet. Ich kombinierte Blocher und die Cervelathaut. Die zwei Dinge gehören einfach zusammen. Manchmal reicht auch ein einziges Adjektiv, und ich habe die zündende Idee.

Blocher und die Cervelathaut, Karikatur: Felix Schaad.

Das sind bestimmt Glücksmomente.

Schaad: Na ja, meistens holen mich diese Momente aus der tiefsten Verzweiflung heraus.

Angenommen, die zündende Idee bleibt aus – was macht der Zeitdruck mit Ihnen?

Wegmann: Mir hilft er meistens. Abstimmungssonntage zum Beispiel sind schlimm: Ich lass mich stundenlang von den Analysen ablenken. Plötzlich ist es 19 Uhr, und ich brauche dringend eine Idee. Wenn ich das Messer am Hals habe, gehts bisweilen erstaunlich schnell.

Welches sind Ihre Lieblingsfiguren?

Schaad: Blocher liegt mir sehr, ich habe ihn schnell gezeichnet, und die Leser haben immer ihre Freude daran.

Mit welchen Figuren haben Sie Mühe?

Wegmann: An Angela Merkel beiss ich mir immer noch die Zähne aus.

Wladimir Putin ist einer von Silvan Wegmanns Lieblingen, Karikatur: SWEN | Silvan Wegmann, «Roter Planet», 2016 © 2016, ProLitteris, Zurich.

Haben Sie Arbeiten bereut?

Schaad: Ich bin mit vielen nicht so glücklich, mag sie mir gar nicht richtig anschauen. Das Gute daran: Nach einem Tag sind sie vergessen. Manchmal denke ich auch, dass ich zu hart eingefahren bin. Die Frage, welche Keule man auspackt, stellt sich immer. Bei regionalen Themen muss man eine kleinere rausnehmen als bei internationalen.

Wie weit darf man die Leute erschrecken, provozieren oder gar verletzen?

Wegmann: Mit verletzen liegt man wahrscheinlich falsch. Manchmal schiesst man übers Ziel hinaus, vor allem, wenn man seit ein paar Jahren im Geschäft ist.

Was ist Ihnen lieber?

Schaad: Ich arbeite mit viel Selbstironie. Ich will mich nicht zum Moralisten aufspielen, zumal ich ja auch keine Lösungen habe. Karikatur funktoniert aus der Position der Schwächeren heraus.

Felix Schaad, Sie machen zusammen mit Claude Jaermann den Comic-Strip «Eva Grdjic». Wie spricht man das eigentlich aus?

Schaad (lacht): Aber das ist doch genau die Idee, dass man den Namen nicht aussprechen kann. Grrdschidsch.

Wie viel Felix Schaad steckt in Eva?

Wegmann: Die ist eins zu eins Felix. Spürt man doch! (lacht)

Braucht es für eine solche Figur eine Vorlage aus dem echten Leben, um sie so authentisch aufbauen zu können?

Schaad: Sie hat ein bisschen etwas von einer Delikatessenverkäuferin in Winterthur. Ansonsten haben wir beschlossen, alles so zu machen, wie mans eigentlich nicht machen darf, bis hin zum unaussprechlichen Namen. Darum ist Eva jetzt nicht so ein Wonneproppen, aber eine interessante Figur.

Wie wird man eigentlich Karikaturist? Gibt es da einen Standardweg? Silvan Wegmann, Sie waren früher Zolltechniker…

Wegmann: Beamtentum geht gar nicht für mich. Also bin ich ausgestiegen, ohne zu wissen, was ich machen will. Gezeichnet hatte ich aber schon immer. Ich machte an der Kunstgewerbeschule in Zürich einen Vorkurs, einen Schlenker über den Werbegrafiker und dann die Fachklasse «Fine Arts».

Felix Schaad, Sie stammen aus einer Zeichnerfamilie. Ist es so nicht schwieriger, den eigenen Stil zu finden?

Schaad: Ja, bis zu einem gewissen Grad. Mein Grossvater war Pressezeichner, mein Vater Grafiker. Ich merkte bald: Denen gegenüber kannst du kaum bestehen, egal, wie gut du zeichnest. Das Glück war aber, dass die Generation meiner Eltern Comics nicht gut fand. Ich aber konnte mich wunderbar in Comics entfalten. Sie sind mein Medium. Die ältere Generation hat nur wahrgenommen, dass ich immer erfolgreicher wurde. Als ich beim «Tages-Anzeiger» als Karikaturist anfing, war ich zack wieder zurück im Fokus meines Vaters. Allerdings konnte ich inzwischen vor ihm bestehen.

Autor: Yvette Hettinger, Monica Müller

Fotograf: Dan Cermak