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18. Juni 2012

Karge Existenz

Feuer und Eis trotzen – das sind sich die Isländer seit je her gewohnt. Mit den Folgen der Finanzkrise hingegen kämpfen sie auch nach vier Jahren noch.

Hinter Breidavik ragen die Klippen von Latrabjarg auf. Die Papageientaucher, die 
hier brüten, sind bei Touristen ein beliebtes Fotosujet. Bei den 
Isländern landen die «lundi» auch mal auf dem Grill.

Von den Islandpferden über Einkaufen und Essen bis zu den schönsten Souvenirs: Die Islandtipps von Reisereporterin Almut Berger.

Ragna amüsiert sich. Die Kellnerin im Hotel Breidavik beobachtet durchs grosse Panoramafenster des Esssaals ein Backpackerpärchen. Dieses versucht erfolglos, sein im Wind wild flatterndes Zelt aufzustellen. «Definitiv keine Isländer!». Ragna, in Island duzt man sich, sagts und serviert einen weiteren Teller mit Lammbraten. Breidavik heisst die windgepeitschte Siedlung in den isländischen Westfjorden. Zu erreichen ist sie über eine Schotterpiste, und auch dies nur im Sommer. Eine kleine rote Kirche, drei, vier Häuser, ein paar Schafe. Und eben das gleichnamige Hotel mit angeschlossenem Campingplatz. Gerade einmal 300 Kilometer trennen Breidavik von der Küste Grönlands. Daher verirrt sich im Winter auch mal ein Eisbär übers Packeis hierher. In den Vestfirdir, wie die rund 9500 Quadratkilometer grosse Halbinsel auf Isländisch heisst, sind die Winter besonders streng. Lawinen bedrohen die kleinen Ortschaften, die Strassen sind oft lange unpassierbar. Über 50 Fjorde erstrecken sich teils bis tief ins Land. Rund 7100 Menschen leben hier. Mit den schwindenden Jobs in der Agrar- und Fischwirtschaft hat ihre Zahl über die Jahre stark abgenommen. Nun scheint der verstärkte Tourismus im Land eine Trendwende einzuläuten: Durch die starke Abwertung der Krone in den letzten vier Jahren ist die ehemals extrem teure Destination Island für ein breiteres Publikum erschwinglich geworden.

Papageientaucher und Eisbären am westlichen Ende Islands

Im Esssaal des Hotels hat sich denn auch ein internationales Trüppchen versammelt: fünf Franzosen, eine italienische Familie mit zwei Kindern sowie ein holländisches Ehepaar. Thema Nummer eins: Der starke Wind verhindert den abendlichen Besuch der rund 14 Kilometer langen Steilküste Latrabjarg, die gleich hinter Breidavik beginnt. Gegen eine Million Papageientaucher brütet jeweils in den rund 440 Meter hohen Klippen — ein eindrückliches Spektakel. Während die italienische Familie beschliesst, früh zu Bett zu gehen, ordern die übrigen bei Ragna noch ein Polar Beer. Vielleicht legt sich der Wind ja doch noch, und dunkel wirds ja sowieso erst weit nach Mitternacht.

Reykjavik ist die nördlichste Hauptstadt der Welt. Im Grossraum der Rauchbucht leben fast zwei Drittel der Isländer.
Reykjavik ist die nördlichste Hauptstadt der Welt. Im Grossraum der Rauchbucht leben fast zwei Drittel der Isländer.

Papageientaucher gibt es nicht nur an der einsamen Steilküste, sondern auch in Islands Hauptstadt. Ob aus Plüsch, Porzellan oder Kunststoff — die Souvenirshops auf Reykjaviks Flaniermeile, dem Laugavegur, sind voll davon. Neben unzähligen Restaurants, Bars und Take-Aways haben hier auch die meisten Boutiquen, Outdoorgeschäfte und Bücherläden bis tief in die Nacht offen. Die Schweizerin Anita Gerber hat bis im letzten Jahr mitten im Trubel gewohnt. Jetzt ist sie froh, für sich und ihren Hund Joy eine Wohnung in einer etwas ruhigeren Ecke der Stadt gefunden zu haben. Kein einfaches Unterfangen, wie die 26-Jährige sagt: «Schon vor der Wirtschaftskrise gab es in Reykjavik kaum Mietwohnungen, da bereits 20-Jährige eine Hypothek erhielten. Und jetzt drücken auch noch all jene, die ihr Haus an die Bank verloren haben, die Mietpreise in die Höhe.»

Jahrelang galt Island als wirtschaftliches Wunderland. Umso härter traf die Finanzkrise im Herbst 2008 das Land, als gleich die drei grössten Banken kollabierten. Eine milliardenschwere Finanzspritze des Internationalen Währungsfonds bewahrte den Inselstaat zwar vor dem definitiven Bankrott. Die Auswirkungen sind aber immer noch allgegenwärtig, auch wenn die vor 2008 fast inexistente Arbeitslosigkeit von rekordhohen 9 Prozent auf unterdessen 7 Prozent zurückgegangen ist.

Anita Gerber verteilte im Namen der Heilsarmee Rabattkarten an Krisenopfer.
Anita Gerber verteilte im Namen der Heilsarmee Rabattkarten an Krisenopfer.

Anita Gerber hat die «kreppa», die Krise, miterlebt. Die Schreinerin aus Schmitten FR kam 2006 im Zuge eines Freiwilligenjahrs nach Island. Aus dem einen Jahr sind inzwischen sechs geworden, und wer die junge Frau hinter der Reception des Salvation Army Guesthouse, des Gästehauses der Heilsarmee, erlebt, könnte sie glatt für eine Einheimische halten.

Das Volk verlangte die Absetzung der Regierung

Mit dem Bankenkollaps im Herbst 2008 nahm die Kaufkraft der Isländer um rund 30 Prozent ab. Viele der 320'000 Inselbewohner gerieten in finanzielle Not, gerade auch, wenn sie Fremdwährungskredite aufgenommen hatten. «Die Heilsarmee verteilte Rabattkarten für den Supermarkt», erzählt Anita Gerber, «wir wurden richtiggehend überrannt.» Tausende Isländer versammelten sich jeden Samstag auf dem Austurvöllur, dem Platz gleich hinter Gerbers Arbeitsort. «Sie forderten die Absetzung der Regierung.»

Durch die Krise wurden die Mietpreise in die Höhe gedrückt.

Evelyn Bryners Kinder Katja Marie, Ylfa Johanna und Geir Elias (v. l.) sehen ihren Vater wegen der Krise nur am Wochenende.
Evelyn Bryners Kinder Katja Marie, Ylfa Johanna und Geir Elias (v. l.) sehen ihren Vater wegen der Krise nur am Wochenende.

Auch Evelyn Bryner spürt die Folgen der Krise. Die gebürtige Tösstalerin lebt mit ihrem isländischen Mann Helgi Sigurdsson (42) und den Kindern Geir Elias (16), Ylfa Johanna (14) und Katja Marie (12) seit fünf Jahren in Fludir. In dem 300-Seelen-Dorf rund 100 Kilometer östlich von Reykjavik unterrichtet sie in der 8., 9. und 10. Klasse Englisch, Dänisch und Staatskunde. Unter der Woche ist die 44-Jährige mehr oder weniger alleinerziehend. Helgi, der in Reykjavik als Berater in der Computerbranche arbeitet, übernachtet jeweils bei Freunden. «Das machen viele so, seitdem die Benzinpreise in den Himmel gestiegen sind.» Immerhin sehe sie ihren Mann an den Wochenenden. «Andere Familienväter arbeiten unterdessen als Gastarbeiter in Norwegen, Grönland oder Dänemark und kommen nur alle paar Monate heim.» 8000 Personen sind seit dem Finanzkollaps ausgewandert — fünf Isländer täglich.

Islands Landschaft wird von den Vulkanen geprägt. Und die leuchten in den schönsten Farben.
Islands Landschaft wird von den Vulkanen geprägt. Und die leuchten in den schönsten Farben.

Fludir liegt mitten in der Gemüsekammer Islands, mit Hilfe warmer Quellen werden hier unzählige Gewächshäuser betrieben. Wenn Evelyn Bryner aus ihrem Stubenfenster schaut, sieht sie die Rauchsäule des Geysirs Strokkur. Alle drei bis fünf Minuten schiesst er kochend heisses Wasser rund 30 Meter gen Himmel. Gleich um die Ecke liegt die Hekla, einer der drei aktivsten Vulkane Islands. Der benachbarte Eyjafjallajökull sorgte im Frühjahr 2010 für Furore, als er mit seinen Ascheeruptionen wochenlang den europäischen Flugverkehr lahmlegte.

Erdbeben können Isländer nicht erschüttern

Obwohl auf der Hekla seit längerer Zeit ungewöhnliche Bewegungen registriert werden, gibt sich Evelyn Bryner gelassen. «Wer auf der grössten Vulkaninsel der Welt lebt, muss es in Kauf nehmen, dass es auch mal rumpelt», meint sie bloss. Abgesehen davon würde in der Schule zweimal pro Jahr der Ernstfall geübt. Viel mehr Sorgen als Vulkane und Erdbeben machen ihr die heftigen isländischen Schneestürme, zumal es während der Wintermonate auch tagsüber recht dunkel ist. «Wenn dann meine Kinder nicht bei mir zu Hause sind, werde ich extrem nervös», sagt sie.

Evelyn Bryner und Anita Gerber wollen Island trotz der wirtschaftlich harten Zeiten treu bleiben. Nur eines bedauern beide: Einfach mal rasch in die Schweiz zu fliegen, wenn sie das Heimweh packt, das liegt finanziell nicht mehr drin.

Das Islandpferd ist erst mit rund sieben Jahren ausgewachsen.
Das Islandpferd ist erst mit rund sieben Jahren ausgewachsen.

Die Reportage wurde von Travelhouse/ Falcontravel unterstützt: www.travelhouse.ch

Autor: Almut Berger

Fotograf: Jorma Müller