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08. Dezember 2014

Vom Hamsterrad ins Cockpit

Mario Grossenbacher war ein erfolgreicher Pharma-Manager. Dann schmiss er seinen Job, um bei den «Kaospiloten» zu studieren. In seiner Ausbildung lernt er nun das soziale Querdenken.

Mario Grossenbacher will Kaospilot werden

Das muss sie sein, die Schmiede der Kreativität: eine alte Maschinenfabrik im Berner Breitenrain Quartier, irgendwie schäbig mit ihren Graffiti und den selbst gebastelten Türschildern. «Innovationsdorf» steht hier geschrieben, das Zuhause der Kaospiloten . Vor dem Eingang sind zwei junge Männer in ein Gespräch vertieft, einer von beiden dreht eine Zigarette. Weiter oben, im dritten Stock, stehen bunt zusammengewürfelte Möbel, die Wände sind vollgepflastert mit Post-its und Zitaten. Junge Menschen sitzen vor Laptops, kritzeln auf Plakate oder diskutieren bei einem Kaffee.

Im Gruppenraum von «Team SUI 1», dem ersten Jahrgang der Schweizer Kaospiloten, ist gerade Projektbesprechung angesagt. Wortfetzen dringen in den Gang: «Exhibition», «Sokrates», «Kafi suufe», «Vision». Mal spricht man Berndeutsch, mal Englisch. Mit einem «Go for it!» wird die Sitzung geschlossen. Stühlerücken, zwei Studenten mit bunten Pullis, Bart und Nerdbrille schlurfen mit Notizbüchern unter dem Arm aus dem Raum.

Der ehemalige Pharma-Manager Mario Grossenbacher (45) fällt optisch etwas aus der Reihe. Er trägt ein gebügeltes schwarzes Hemd und einen gepflegten Kurzhaarschnitt. Nur seine weisse Umhängetasche mit dem roten Kaospilot-Logo deutet auf seine Zugehörigkeit hin. In einem halben Jahr kann sich Mario Grossenbacher offiziell «Kaospilot» nennen, obwohl das Diplom in der Schweiz noch nicht anerkannt ist. In Dänemark existiert die Schule bereits seit über 20 Jahren und ist landesweit bekannt als Ausbildungsort für Querdenker, «Social Entrepreneurs» und «Change makers». Was das heisst? «Wir sind kreative Führungskräfte, uns geht es immer um den Menschen», sagt Mario Grossenbacher.

Statt Leistung und Geld zählt hier Spass und der soziale Aspekt

Vor drei Jahren sah das noch anders aus: Als Pharma-Manager bei Novartis zählten für ihn nur Resultate und der Erfolg. «Ich war auf Leistung konditioniert, bin rumgerannt von morgens bis abends.» Irgendwann wusste Mario Grossen­bacher nicht mehr, wer er eigentlich war. Er kündigte und beschloss, bei den Kaospiloten zu studieren. «Eine Gehirnwäsche musste her. Ich war viel zu fremdbestimmt.» Die Gehirnwäsche hat er bekommen: «Früher war mein Leben von Angst dominiert, heute gestalte ich es freudig, gesund und sinnvoll.»

«Früher war mein Leben von Angst dominiert, heute gestalte ich es freudig, gesund und sinnvoll.»

Anfangs sei die Schule ein ziemlicher Kulturschock gewesen, «eine richtige Start-up-Schule eben. Als wir anfingen, hatten wir noch gar keine Schulungsräume», erzählt er und lacht. Eigentlich wollte Mario Grossenbacher nur ein Jahr bleiben, bis das Geld ausgeht. Nun fliegt er schon zweieinhalb Jahre als Kaospilot, und das Geld reicht noch immer. «Zwar nicht gut, aber es geht immer irgendwie.» Dafür hat er seinen Besitz massiv reduziert, zog von einem grossen Haus in eine Zweizimmerwohnung in Basel. Job weg, Haus weg, Beziehung weg. «Ich habe Ballast abgeworfen und fühle mich viel leichter.» Heute lebt er in einer neuen Beziehung. Sein grösster Luxus ist momentan ein GA. «Ich bin so happy wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.» Und das, obwohl Mario Grossenbacher keine Ahnung hat, wie es weitergeht. In seiner Ausbildung hat er gelernt, mit genau dieser Ungewissheit umzugehen. «Das bedeutet für mich eine Chance. Ich entscheide selbst und bin nicht mehr fremdbestimmt.» Zumindest nicht ganz, fügt er hinzu, schliesslich müsse er ja auch noch Rechnungen bezahlen.

Durch die Ausbildung zum sozialen Unternehmer wird Mario Grossenbacher immer wieder mit den Fragen konfrontiert: Wie willst du dein Leben leben? In welchen Gebieten willst du dich engagieren? Was macht dir Freude? Letzteres ist das Wichtigste für ihn: «Mein Ziel ist: Alles, was ich tue, will ich mit Freude machen. Ich will die Freude in die Wirtschaft bringen.»

Designbroschüren, Deko-Gläser, Dinnershows

Ein Selbstfindungstrip für rund 50 000 Franken also? «Nein, so kritisch würde ich das nicht sehen. Aber ja, Selbstfindung gehört auch zur Ausbildung», sagt der Solothurner. Nach drei Jahren Projektarbeit sollten die Kaospiloten wissen, womit sie in Zukunft ihr Geld verdienen möchten. Von Anfang an heisst es hier: «Kaospiloten machen Wow-Projekte.» Für Mario Grossenbacher war das neu: «Bei Novartis hiess es: ‹Hier ist das Projekt XY, mach!› Ob ich das Wow oder No-Go fand, interessierte keinen Menschen.»

Die Kaospiloten-Schule ist neben Ausbildungsplatz auch ein Unternehmen: Die Studenten sollen mit ihren Ideen Kunden akquirieren und mit konkreten Aufträgen Geld verdienen. So auch Mario Grossenbacher. Zu seinen Wow-Projekten gehörte während des Studiums definitiv der Aufenthalt in Südafrika. Dort arbeitete er bei einer Initiative mit, die Gefängnisinsassen auf das Leben in Freiheit vorbereitet. Und auch aktuell ist Mario Grossenbacher nicht untätig: Er hat sich mit einer Beratungsfirma selbständig gemacht, unterrichtet an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, organisiert Dinnershows, Opern-Events oder Ausstellungen. Zudem coacht er Manager, die sich an einem ähnlichen Punkt befinden wie er vor drei Jahren. «Ich habe hier so profitiert, das möchte ich gern weitergeben», sagt er. Sein Herzensprojekt ist momentan aber der Vertrieb von solarbetriebenen Glaslampen, die er während des Austauschsemesters in Afrika entdeckt hat. Die «Sonnengläser» werden von ehemaligen Arbeitslosen aus südafrikanischen Townships hergestellt.

Ich bin so happy wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Und was vermisst Mario Grossenbacher vom Pharma-Manager-Leben? Er grinst und sagt fast verlegen: «Wenn ich ganz ehrlich bin, war es schon auch nett, wenn die Leute das gemacht haben, was du gesagt hast.» Die meisten seiner Kaospilot-Mitstudenten könnten seine Kinder sein, fügt er an. Manchmal hapere es da noch mit der Professionalität, was das Einhalten von Terminen oder das Auftreten angehe. Dafür erlebt Mario Grossenbacher in der Kreativwerkstatt einen sehr bejahenden Geist. Hier hat er gelernt, dass nichts unmöglich ist. Die dänischen Kaospiloten zum Beispiel arbeiten für NGOs, verbessern die Arbeitsbedingungen von Minen­arbeitern, züchten Pilze aus Kaffeesatz, entwickeln Spiele oder trainieren das tibetanische Fussballnationalteam. Ausgebildete Kaospiloten können sich selbst und andere durch das Chaos des Alltags navigieren. Aufräumen wollen sie das Chaos nicht. «Nur lernen, einen gesunden Umgang damit zu pflegen.»

Über der Tür des Seminarraums von Team SUI 1 hängt ein Schild: «You cannot discover new oceans unless you have the courage to lose sight of the shore.» Zu Deutsch: Man kann keine neuen Ozeane erkunden, solange man nicht den Mut hat, das sichere Ufer hinter sich zu lassen.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Marco Zanoni