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07. Juli 2014

Kanufahrt auf dem Doubs

Wer per Kanu auf dem Doubs von Goumois nach Soubey fährt, paddelt zehn Kilometer durch Frankreich, fünf Kilometer durch die Schweiz – und auf der ganzen Strecke in üppiger, grüner Natur.

Guide Pierre-Alain - «Le Long» - steuert hart steuerbord.
Guide Pierre-Alain - «Le Long» - steuert hart steuerbord.

Non, non … c’est pas dangereux», beschwichtigt uns Pierre-Alain, von allen aufgrund seiner Körpergrösse nur «Le Long» genannt. Unser Gespräch dreht sich um eine scheinbar etwas anspruchsvollere Passage, die wir mit unseren Kanus auf der Tour von Goumois nach Soubey werden überwinden müssen. «C’est délicat!», fügt der 56-Jährige, der uns als Guide begleitet, an. Aber meint er nun «délicat» im Sinne von «zart» oder von «heikel»? Das fragen wir – Claudio, Sabine, Mathieu und Üsé – uns, während wir mit «Le Long» am Ufer des Doubs in Goumois stehen. Bald werden wir es wissen.

Die Einführung ins Paddeln übernimmt Denis Houlmann, Chef der Kanuvermietung, persönlich – danach bleiben Mann und Mops aber an Land.
Die Einführung ins Paddeln übernimmt Denis Houlmann, Chef der Kanuvermietung, persönlich – danach bleiben Mann und Mops aber an Land.

Das Dörfchen Goumois gehörte einst zu Frankreich, bevor der Ortsteil am rechten Ufer des Doubs vom Wiener Kongress 1815 der Schweiz zugeschlagen wurde. Seither teilen sich die beiden Ortsteile ihre Infrastruktur: Die Dorfkirche etwa steht auf der französischen Seite, während sich die Schule auf Schweizer Boden befindet. Eine weitere Besonderheit ist, dass hier – aufgrund kompliziert ausgehandelter Hoheitsrechte der Mächtigen – die Landes­grenze nicht wie sonst üblich in der Flussmitte verläuft, sondern am rechten Ufer – der Doubs gehört also ganz zu Frankreich, bis zum Punkt Clairbief, wo er die Schweizer Grenze überquert.

Die Strömung beträgt heute 13 Kubikmeter pro Sekunde, was optimal ist, wie «Le Long» sagt – wir werden unsere Paddel kaum zum Antrieb brauchen, mehr zum Steuern. Letzteres ist anfänglich gar nicht so einfach: Auf dem ersten Kilometer sind unsere Kanus etwas im Zickzackkurs unterwegs und vollführen dann und wann eine Pirouette. In kleineren Stromschnellen schwappt das kalte Wasser auch mal über den Kanurand. «Eh oui, ça c’est normal – on fait de canoë», lacht «Le Long» die kreischenden Landratten aus.

Meist geht es aber gemächlich vorwärts, für einige Zeit begleitet uns ein Fischreiher. Immer mal wieder steht ein Fischer bauchtief im Wasser und lässt seine Angelschnur über das Wasser sausen. Der Doubs sei ein international beliebtes Anglerziel, erklärt uns der Lange. Das verwundert uns etwas. Denn Anfang 2013 titelte das Magazin «Beobachter» noch: «Fischsterben – Der Doubs ist praktisch tot». Wasserkraftwerke, Landwirtschaft, Industrie und Klärwasser würden dem Fluss arg zusetzen. Es sei besser geworden, versichert unser Guide. Was man über diese Gegend jedoch auch überall lesen kann, sind Beschreibungen im Superlativ: «Zweifellos einer der schönsten Flüsse der Schweiz», «zauberhafte Landschaft» oder «einzigartige Ursprünglichkeit».

Pferde gehören zum Jura wie die nassen Kleider zum Kanufahren.
Pferde gehören zum Jura wie die nassen Kleider zum Kanufahren.

Schwelle überwunden, Hosen pflotschnass

Und es stimmt. Auch wir staunen über diese «Symphonie in Grün», in der wir uns befinden: Die üppige grüne Uferböschung spiegelt sich auf der hellgrünen Wasseroberfläche, links und rechts ziehen sich dunkelgrüne Wälder die steilen Hänge hoch – die einzigen andersfarbigen Akzente sind die weissen Felsbänder, die hie und da aus dem Wald aufragen, und der blaue Himmel über uns. Dann beendet ein fernes Rauschen unser Staunen. Wir befinden uns kurz vor der vom Guide als «délicat» beschriebenen Stelle. Der Doubs überwindet hier eine natürliche Schwelle. Wir müssen ganz links halten und uns zwischen zwei grösseren Steinen einen engen Durchgang hinunterstürzen. Die Spitze des Kanus schiebt sich über die Schwelle in die Luft, das Kanu kippt nach unten, wird schneller, die Kanuspitze taucht kurz und voilà: pflotschnasse Hosen.

Ein französischer Zmittag lässt die nassen Kleider vergessen

Ein Blick zurück: absolut lächerlich! Von hier unten sieht die Stelle völlig harmlos, total unspektakulär aus. Gleich danach gehen wir auf der französischen Seite an Land und gönnen uns ein feines Mittagessen im direkt am Fluss gelegenen Restaurant «Le Moulin du Plain».

Immer wieder sieht man Fischer knietief im Wasser des Doubs stehen.
Immer wieder sieht man Fischer knietief im Wasser des Doubs stehen.

Gluckernd stechen danach unsere Paddel wieder ins Wasser. Ein Eisvogel verfolgt uns – immer wieder erhaschen wir im Ufergebüsch einen Blick auf sein metallisch blau glänzendes Gefieder. Hoch über uns ziehen drei Mäusebussarde ihre Kreise, und vor uns haben sich zwei Fischreiher in den höchsten Wipfeln der Bäume niedergelassen. Je nach Breite des Flusses geht es mal gemächlich, mal zügig voran. Dann rauscht es erneut. Wieder ist eine kleine Schwelle zu bezwingen, unterhalb derer wir kurz an Land gehen, um das Wasser aus den Kanus zu leeren. Eine neugierige Pferdefamilie vom nahe gelegenen Hof kommt zu Besuch – Eltern und Fohlen beschnuppern uns und die Kanus, bevor sie sich am Wasser des Doubs laben.

Von aussen betrachtet weniger spektakulär als im Kanu selbst: Ritt über die Schwelle kurz vor der Mittagsrast.
Von aussen betrachtet weniger spektakulär als im Kanu selbst: Ritt über die Schwelle kurz vor der Mittagsrast.

Die Sonne heizt nun ein, es riecht nach getrockneten Kräutern, Gras, Wasser, Moos und Erde. Eine offensichtlich etwas zu früh erwachte Fledermaus zischt nahe übers Wasser und jagt Mücken. Wir passieren Clairbief und befinden uns damit nun wieder in der Schweiz. Bald werden wir in Soubey, unserem Endziel, ankommen. Das Wasser des Doubs aber wird weiterfliessen, kurz vor dem mittelalterlichen Städtchen Saint-Ursanne eine Spitzkehre vollführen und den Weg zurück nach Frankreich finden, wo es in die Saône mündet, die weiter ins Mittelmeer fliesst.

Anreise/Rückreise: Mit Bahn und Postauto via Saignelégier nach Goumois und von Soubey via Saint-Ursanne zurück.
Kanu-Route: Goumois–Clairbief–Soubey (15 km).
Dauer: circa drei Stunden (reine Paddelzeit, je nach Stärke der Strömung).
Anforderung: Durchschnittliche Kondition, Schwimmkenntnisse, keine Paddelerfahrung notwendig (Kinder ab circa zehn Jahren/mit mindestens einem Elternteil im Kanu). Die Tour kann auch ohne Guide gemacht werden.
Saison: Mai bis Oktober.
Ausrüstung: Badekleider, Kleider für drüber (wenn möglich nicht Baumwolle), Sonnenschutz, Ersatzkleider.
Kosten: Fr. 55.–/Person (min. 4 Personen).
Mit Guide: plus Fr. 75.–.
Inbegriffen: Kanu, Paddel, Schwimmweste, wasserdichtes Gepäckfass.
Variante: Nur Strecke Clairbief–Soubey (5 km/ca. 1 Std./ Fr. 35.– pro Person).
Buchen: www.doubs-evasion.com Restaurants am Fluss: Moulin du Plain, www.moulinduplain.fr / Restaurant de Clairbief, www.clairbief.com Übernachtung/Infos: Jura Tourisme, Saignelégier, 032 420 47 70, www.juratourisme.ch

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Raffael Waldner