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19. November 2012

Kampf im Klassenzimmer

Wenn die Klasse zum Problem wird: Die Anzeichen und erste Tipps bei Mobbing unter Schülern.

Hänseleien, Sticheleien, bisweilen auch brutale Streiche. Kinder gehen schon im frühen Schulalter nicht immer pfleglich miteinander um. Als Eltern sollte man bei einmaligen Vorfällen mit dem Kind, der Lehrerschaft oder anderen Eltern durchaus auch über einzelne Vorfälle und das Einhalten gewisser Regeln auf dem Pausenhof, im Schulzimmer und anderswo diskutieren. Allerdings deutet dies zumeist noch nicht auf klassisches Mobbing hin.

Aus persönlicher Sicht bedenkenswert wird es erst, wenn sich die Anzeichen häufen, dass die Tochter oder der Sohn über eine bestimmte Dauer Opfer von Mobbing seitens der Mitschülerinnen und -schüler wird. Diese Anzeichen können ganz unterschiedlich aussehen, so wie es auch grundsätzlich verschiedene Formen von Mobbing gibt:

A. EIne Spielart beruht schlicht auf dem Ausschluss von allen gemeinsamen Aktivitäten und fast jeglicher Kommunikation mit den Klassenkameraden. Das Kind wird 'geschnitten'.

B. Eine weitere konzentriert sich auf Worte, Gesten und Mimik der Abschätzung, sowohl direkt zum betroffenen Kind wie auch zu anderen über das Opfer. Dabei kann es sich um Auslachen handeln, um das Streuen (falscher) Gerüchte oder Anschuldigungen (auch gegenüber der Lehrkraft oder anderen erwachsenen Bezugspersonen), verletzende Bemerkungen oder zum Beispiel schlicht um Aufseufzen respektive Abwenden, wenn sich das Mobbing-Opfer schon nur im Unterricht zu Wort meldet. Heutzutage häufiger werden auch Diffamierungen und raffiniertere Ausgrenz-Techniken über Facebook statt dem Zirkulieren-Lassen von Zetteln im Unterricht (wird auch immer noch praktiziert).

C. Die offensichtlichste Form des Mobbings besteht in der Ausübung physischer Gewaltoder deren systematischer Androhung. Hierbei kann es schlicht um Verprügeln gehen, um die gezielte Beschädigung oder Verdrecken von Eigentum (etwa Schulmaterial) oder auch um Erpressung oder Nötigung zu bestimmten Verhaltensweisen. Ab einem gewissen Alter kommen sexuelle Belästigungen hinzu.

Häufig treten auch zwei oder alle drei aufgeführten Aspekte von Mobbing zugleich auf.

Die Anzeichen für Mobbing

Wenn mehrere der folgenden Punkte – oder einer sehr ausgeprägt – über Wochen hin auftreten, gilt es mit dem Kind zu reden und danach das Gespräch mit der Lehrkraft zu suchen. Je nachdem sollte weiter auch psychologische Hilfe, allenfalls beim schulpsychologischen Dienst, angefordert oder privat organisiert werden.

1. Das Kind erzählt von Vorfällen wie Geschlagen oder Ausgelacht-Werden oder häufigen abschätzigen Gesten usw. Kinder haben ein feines Sensorium für schlimme Benachteiligungen und erzählen auf Nachfragen möglichst ohne grossen Druck meist schon, was gesehehen ist. Allerdings gilt es,die in einigen Kindheitsphasen üblichen Ausschmückungen oder Übertreibungen zu erkennen.

2. Das Kind geht immer weniger gern in die Schule, mag kaum mehr Aufstehen und sich bereitmachen.
Es möchte immer häufiger in die Schule gebracht (gefahren oder begleitet) werden, was sein Aussenseiter-Dasein dort mit der Zeit noch zuzuspitzen vermag.
Das Kind entwickelt spezielle Aversionen oder Angstzustände vor den Schulstunden, in denen sich Kinder freier bewegen und es dehalb noch leichter Ziel von Attacken wird: Etwa Sport, Werken oder bestimmte Projektunterrichtsphasen.

3. Das Kind will sich mit keinen (gleichaltrigen) Kameraden, vorab jenen aus der Schule, mehr treffen und geht ihnen auch privat konsequent aus dem Weg.

4. Das Kind beginnt zu stottern, sehr bruchstückhaft oder kaum mehr zu reden und zu kommunizieren.

5. Es kommt mit Verletzungen nach Hause, oder ohne einen Teil von privatem oder Schulmaterial, vielleicht auch beschädigtem. Allenfalls auch ohne Geld ('verloren', klassisch bei Erpressungen).

6. Das Kind hat häufig(er) Albträume.

7. Es klagt in regelmässigem Abstand über Kopf- oder Bauchweh oder hat keinen Appetit mehr.

8. Durch Bemerkungen oder Verhalten wird ein Absinken des Selbstwertgefühls festgestellt.

DIE FOLGEN
Viele Eltern fragen sich (genau wie die Kinder), weshalb es genau ihren Sprössling erwischt. Häufig gibt es darauf jedoch keine überzeugende Antwort, geschweige denn eine 'Rechtfertigung' des Mobbings. Gelegentlich sind schon von Anfang an eher Einzelgänger die Opfer, bisweilen in der Schule sehr erfolgreiche oder im Gegenteil in der Leistung klar abfallende Kinder. Sie können sich etwas anders als eine Mehrheit der Kinder geben, anders anziehen oder reden (Dialekt) usw. All das muss aber nicht sein. Manchmal reicht gar die Verkettung von ein bis zwei unglücklichen Umständen, um ins Visier gewisser Anführer oder des Klassenverbands zu geraten. Sicher ist jedoch, dass vom Durchschnitt abweichende Talente, Mängel und Besonderheiten das Risiko eher vergrössern.

Das Wahrnehmen und baldige Reagieren auf gehäuft auftretende Anzeichen für Mobbing ist von immenser Bedeutung. Die Lehrkräfte auf Primar- oder Sekundarstufe sollten dafür sensibilisiert sein, können besonders hinterhältig-raffinierte Mobbing-Formen aber oft nicht auf Anhieb erkennen und ihnen Einhalt gebieten. Umso wichtiger, dass die Eltern beim Kind genau hinhören, nachfragen und gegebenenfalls lieber einmal zu früh als zu spät die Lehrer, Schule und psychologischen Beistand einschalten. Die Folgen von anhaltendem Mobbing gehen von Bauchschmerzen oder Bettnässen bis zu häufigen Unkonzentriertheiten, starkem Leistungsabfall in der Schule oder häufigem Schwänzen. Auch komplettes Sich-Verschliessen oder zu Hause Rebellieren kommt vor, in extremen Fällen gar klassische Depressionen, permamente Angststörungen oder gar Suizidversuche.

WAS TUN?
Aus Elternsicht steht wie gesagt zuerst einmal das Wahrnehmen der Anzeichen am Anfang, und generell das Ernst-Nehmen des Kindes und seiner geschilderten Erlebnisse. Danach gilt es unbedingt konsequent die Lehrerschaft beziehungsweise die Schule zu informieren und deren Handeln einzufordern – und nicht selbst den oder die Täter zu konfrontieren. Damit riskiert der Gewalt- und Mobbingkreislauf oft eher noch vergrössert zu werden, zum Schaden des Kindes. Zudem haben Eltern schlicht keine Möglichkeiten, auf dem Schulhof und speziell im Schulzimmer einzugreifen.

Lehrer haben oft Erfahrung mit dem Thema, können besser Stellung beziehen und sind per se natürlich unabhängiger als Eltern. In schwereren Fällen kennen mittlerweile viele Schulen Mittel und Abläufe, um etwa mit Anti-Aggressionstraining die Mobbing-Verhaltensweisen aufzubrechen. Und zu guter Letzt braucht es sie in speziell gravierenden Situationen in der Regel als Zeugen, um auf einen Schulwechsel zu plädieren.

Autor: Reto Meisser