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30. Mai 2016

Nächste Runde im Kampf gegen das Rauchen

Am 31. Mai ist Weltnichtrauchertag. In der Schweiz ist die Zahl der Raucher über Jahre gesunken und nun seit 2011 stabil. Erstmals jedoch rauchen wieder mehr Jugendliche. Grund dafür sei die Tabakwerbung, die bewusst auf Junge abziele, sagen Suchtexperten wie die Direktorin von Sucht Schweiz (unten: im Interview). Im Parlament wird nun über eine Verschärfung diskutiert. Dazu die Fakten zur aktuellen Gesetzeslage und Infos zur Tabakwerbung.

Rauchende Jugendliche
Nach langjährigem Rückgang stieg die Zahl der jugendlichen Raucher in der Schweiz erstmals wieder. Schuld seien auch die Marketingbemühungen der Tabakindustrie, sagen Suchtexperten.

Die Schweiz gilt als Paradies für die Tabakindustrie: Sie schränkt die Werbung weniger ein als fast jedes andere Land Europas. Und sie ist eines von nur sieben Ländern, das die Anti-Tabakkonvention der Weltgesundheitsorganisation noch nicht ratifiziert hat. 161 Staaten haben das getan; Grundlage dafür ist eine wirksame Einschränkung der Tabakwerbung.

Der Bundesrat schlägt genau dies nun vor – insbesondere Kinder und Jugendliche sollen besser geschützt werden. In der Sommersession wird der Ständerat erstmals darüber diskutieren. Die bürgerliche Mehrheit der vorberatenden Gesundheitskommission will die Vorlage allerdings zurückweisen – sie schränke die freie Marktwirtschaft zu stark ein. 53 Prozent der Bevölkerung  jedoch wären ­sogar für ein totales Werbeverbot.

Zudem haben Langzeitstudien ergeben, dass Jugendliche für Werbebotschaften besonders empfänglich sind und die Konfrontation mit Tabakwerbung die Wahrscheinlichkeit erhöht, mit dem Rauchen anzufangen. Entscheidend ist auch das Verhalten von Familie und Freunden sowie der Bildungsgrad. Und: Je früher jemand mit dem Rauchen anfängt, desto schwieriger ist das Aufhören.

Entgegen dem allgemeinen Trend hat in der Schweiz die Zahl der jugendlichen Raucher laut der jüngsten Studie des Bundesamts für Gesundheit zugenommen: 2014 haben 31,6 Prozent der 15- bis 25-Jährigen geraucht, 2012 waren es 30 Prozent. Schuld daran seien nicht zuletzt die Marketingbemühungen der Tabakkonzerne, sagen Suchtexperten.

«Ein umfassendes Werbe- und Sponsoringverbot lässt sich problemlos rechtfertigen»

Irene Abderhalden (44) ist Direktorin von Sucht Schweiz, einer nationalen Stiftung, die Suchtforschung und -prävention betreibt.
Irene Abderhalden (44) ist Direktorin von Sucht Schweiz, einer nationalen Stiftung, die Suchtforschung und -prävention betreibt.

Irene Abderhalden, erstmals seit Jahren hat die Zahl junger Raucher wieder zugenommen. Weshalb?

Bei den 11- bis 15-Jährigen gab es eine Abnahme, aber tatsächlich hat die Zahl der Rauchenden unter Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren leicht zugenommen. Das betrifft vor allem Gelegenheitsraucher. Eindeutige Erklärungen haben wir nicht, aber ein paar Hypothesen.

Nämlich?

Zum Beispiel haben Tankstellen- und Convenienceshops heute oft sehr lange Öffnungszeiten, was den Zugang zu Zigaretten erleichtert – gerade im Ausgang. Zudem zielt die Tabakindustrie mit ihrer Werbung ganz bewusst auf Jugendliche. Sie streitet das natürlich ab, aber es ist offensichtlich und mittels Studien belegt. Ihre Werbung ist an jenen Orten, wo Jugendliche im Ausgang sind, besonders präsent; sie wirbt auch stark online und über soziale Medien. Dafür gibt es weniger traditionelle Werbung, etwa auf Plakaten, im Kino oder in Zeitungen. In einigen Kantonen ist das ohnehin verboten.

Aber ist die Werbung wirklich so entscheidend? Ist das soziale Umfeld nicht viel wichtiger?

Klar, es ist nicht nur die Werbung: Kinder mit Eltern, die rauchen, haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls damit anzufangen. Auch der Einfluss des Kollegenkreises und der Preis spielen eine Rolle. Junge orientieren sich gern an jungen Erwachsenen – und genau die werden in der Tabakwerbung dargestellt. Die Studien sind klar: Werbung funktioniert, sonst würde die Industrie nicht so viel Geld dafür ausgeben.

Es rauchen mehr Mädchen als früher – offenbar auch, weil sie schlank bleiben wollen?

Das hört man von Mädchen tatsächlich immer wieder. Ob sie deswegen anfangen, wissen wir nicht. Aber es fällt ihnen möglicherweise deswegen schwerer, wieder aufzuhören.

DIE AKTUELLE GESETZESLAGE (ohne kantonale Vorschriften)

Die aktuelle Gesetzeslage zur Tabakwerbung in der Schweiz. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.
Die aktuelle Gesetzeslage zur Tabakwerbung in der Schweiz. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.

Was halten Sie vom neuen Gesetz, das der Bundesrat vorschlägt? Würde es gerade bei Jugendlichen etwas bewirken?

Es enthält einige Verbesserungen gegenüber dem Status quo, etwa, das Verbot des Verkaufs an Unter-18-Jährige und der Verteilung von Gratismustern oder das Verbot von Kino- und Plakatwerbung. Aber aus unserer Sicht enthält das Gesetz noch diverse Lücken. Es bräuchte ein umfassendes Werbe- und Sponsoringverbot. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die Industrie das Geld sonst einfach in einen anderen Werbebereich umlenkt.

Und was sagen Sie zur Forderung der ständerätlichen Gesundheitskommission, das Gesetz zurückzuweisen, weil es die Marktwirtschaft zu sehr einschränke?

Zigaretten sind kein Konsumgut wie jedes andere. Sie fordern pro Tag 25 Menschenleben in der Schweiz. Es gibt kaum ein anderes Suchtmittel, das derart abhängig macht. Die Kosten für das öffentliche Gesundheitssystem sind gewaltig. Klar, Zigaretten sind legal, jeder soll selbst entscheiden, ob er sie konsumiert oder nicht – aber man sollte das nicht noch fördern. Ein Werbeverbot lässt sich angesichts der Folgen problemlos rechtfertigen.

In mehreren Ländern Europas gibt es das bereits.

Richtig, und es hat sich gezeigt, dass ein umfassendes Werbeverbot der Wirtschaft nicht schadet, im Gegenteil. Es reduziert den Konsum und die Gesundheitskosten und bringt damit einen volkswirtschaftlichen Nutzen.

Hat das Gesetz eine Chance?

Wir hoffen es. Aber das Risiko besteht, dass es blockiert wird.

Die Industrie gibt heute viel weniger Geld aus für Tabakwerbung als früher – und sie fokussiert auf andere Plattformen. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.
Die Industrie gibt heute viel weniger Geld aus für Tabakwerbung als früher – und sie fokussiert auf andere Plattformen. Quelle: Bundesamt für Gesundheit.

Die Schweiz gilt als Paradies für die Tabakindustrie. Die meisten Länder Europas kennen strengere Gesetze. Ist die Tabaklobby bei uns besonders erfolgreich?

Oh ja, auch weil gleich drei grosse internationale Tabakkonzerne in der Schweiz präsent sind und hier produzieren. Darunter auch hochgiftige Zigaretten, die sie in Europa gar nicht verkaufen dürfen – die gehen direkt in weniger stark regulierte Märkte, zum Beispiel nach Asien. Die liberalen Gesetze machen die Schweiz als Standort attraktiv, offensichtlich trotz der hohen Lohnkosten.

Der Zigarettenkonsum ist in den letzten zehn Jahren trotz allem insgesamt deutlich gesunken – was hat am meisten dazu beigetragen?

Seit 2011 sinkt er nicht mehr, er liegt immer etwa bei 25 Prozent. Dass er bis dahin gesunken ist, lag an einem Bündel an Massnahmen: Rauchverbote am Arbeitsplatz, im öffentlichen Verkehr und in Restaurants, die gestiegenen Preise, kantonale Werbeverbote, ein Trend zu mehr Gesundheitsbewusstsein. Das alles hat dazu beigetragen, dass sich die gesellschaftliche Norm verschoben hat – Rauchen gilt heute als weniger «normal» oder «cool».

Wie wichtig war das landesweite Rauchverbot in Restaurants und Bars, das im Mai 2010 in Kraft trat?

Es hat die Belastung von Passivrauchern massiv reduziert.

Was braucht es, um die Zahl der Rauchenden weiter zu senken?

Abgesehen von einem umfassenden Werbeverbot wären höhere Preise sicherlich hilfreich, da liegt durchaus noch etwas drin. Auch ein Automatenverbot wäre sinnvoll, gerade im Hinblick auf Jugendliche.


Irene Abderhalden (44) ist Direktorin von Sucht Schweiz, einer nationalen Stiftung, die Suchtforschung und -prävention betreibt.

Weitere Fakten und Infos zum Stand der Tabakwerbung in der Schweiz (PDF).

Autor: Ralf Kaminski