Archiv
29. April 2013

Kalt erwischt

Salat? Will der Sohn nicht. Bohnen? Will der Mann nicht. Was also soll im Gemüsebeet angepflanzt werden? Hobbygärtnerin Almut Berger sucht in ihrer ersten Kolumne zusammen mit Gartenfreunden nach Antworten.

Schnittlauch
Während die Gemüsebeete noch brach liegen, kann der Schnittlauch bereits geerntet werden.

Da bin ich doch gerade erst noch durch den tief verschneiten Garten gestapft, habe Buchsbaumkugeln und Beerensträucher vom schweren Nassschnee befreit, das Vogelhüsli mit Nachschub bestückt und die Frostschutzabdeckung von Rosmarin und Salbei kontrolliert. Und jetzt ist er plötzlich da, ganz unverhofft, als hätte jemand einen Schalter umgelegt: der Frühling.

Und alle geben sich extrem geschäftig: Frau und Herr Spatz streiten sich lauthals mit Frau und Herrn Meise um einen Nistplatz im Chriesibaum, eine Tieffliegerstaffel Hummeln steuert die ersten Osterglocken unter der Magnolie zwecks Nektarbeschaffung an, fünf Ameisen gehen vereint einer halbtoten Fliege an den Kragen, während mein Sohnemann in seinem Sandkasten angestrengt an einer zweiten, dritten, vierten Alpentransversale baut und sein Papa – mein Herzensmann –, den in meinen Augen von Beginn an zum Scheitern verurteilten Versuch einer Volkszählung bei den Molchen in unserem Teich durchführt.

Nur mich hat der Lenz sozusagen kalt erwischt: Ich stehe vor vier mal sechs Metern nackter Erde und warte auf eine Erleuchtung für den künftigen Gemüsegarten. Gejätet habe ich schon vor Wochen in einem ersten Anfall von Frühlingseuphorie, als Frau Holle mal kurz eine Pause beim Schütteln eingelegt hatte und der Boden abgetrocknet war, der Kompost ist verteilt und untergeharkt. Jetzt wären eigentlich Säen und Pflanzen angesagt. Bloss, was?

Brachliegende Gemüsebeete
Almut Bergers Gemüsebeete sind bereit zum Anpflanzen.

Es ist ja nicht so, dass ich zwecks Inspiration nicht den ganzen Winter lang in unzähligen Gartenbüchern geschmökert hätte: «Mein Gartenbuch, Dein Gartenbuch, unser Gartenbuch»; «1000 Gärten, 1001 Gärten, 1000 und 1 Garten»; «Das Gemüse-Einmaleins», «Das Gemüse-ABC», «Frühenglisch für Englische Rosen»; «Auf Du und Du mit Spinat und Blattsalat»; «Chrut und Rüebli reloaded» und wie sie alle heissen. Auch über die verschiedenen Anbaumethoden habe ich mich schlau gelesen: ökologisch, biologisch, naturnah und naturfern, wie in den alten Zeiten, wie noch nie, mit dem Mond, mit Köpfchen, mit Mut und Verstand, easy, faul, urban, im Quadrat, vertikal, wie die Shaker, wie die Heinzelmännchen, wie Michelle Obama. Aber anders als der Frau des US-Präsidenten steht mir kein Stab von Gartenberatern zur Seite, der mich durch den Dschungel der 1000 und 1 Möglichkeiten lotsen könnte. Oder vielleicht doch? Kurzerhand entschliesse ich mich, das Problem sozusagen von den Endverbrauchern her aufzurollen und frage meine beiden Männer, was ihnen in den nächsten Wochen denn so munden könnte.

«Salat», sagt der Herzensmann.
«Wäähh Salat, den muss ich schon immer im Hort essen», jault der Sohnemann auf. «Buschbohnen», schlage ich vor, «die sind recht unproblematisch, und man kann sie gut einfrieren.»
«Genau deswegen nicht», sagt der Herzensmann, «oder glaubst du, ich wolle den ganzen Winter lang Bohnen essen?»
«Dann halt Rüebli», zeige ich mich kompromissbereit, «die können wir bei Überproduktion an unsere Hasen verfüttern.»
«Pommes frites», kommt dem Sohnemann in den Sinn.
«Erdöpfel, meinst du», sage ich.
«Nein, Pommes frites!», insistiert er. «Und Tomaten für den Kättschöpp». «Blumenkohl, Rosenkohl, Rotkohl ...», outet sich der Herzensmann zu meiner Überraschung als Kreuzblütler-Lobbyist.
«Iiiih Blumenkohl, den muss ich schon immer im Hort essen», jault der Sohnemann erneut auf.
«Erbsen», entscheide ich. «Gibt es etwas Feineres als rohe Jungerbsli, frisch ab Beet schnabuliert?»
«Wir könnten doch auch einfach eine Crossstrecke für meinen Monstertruck bauen», fällt mir der Sohnemann ins Wort.
«Oder einen Landeplatz für meine Helis», spinnt der Herzensmann den Gedanken weiter. «Oder einen für Raumschiffe ...».
«Oder nach Dinosaurierknochen graben ...».
«Wie Didi», sagt der Sohnemann, und deutet auf Ginger McMonster genannt Didi. Unsere Katze hat soeben punktgenau ein Häufchen auf meine zukünftigen Erbsli gesetzt. Und macht sich nun begeistert ans Verscharren.

Nachdem ich Katze, Mann und Kind verscheucht habe, muss ich erst einmal tief durchatmen. Und dann ist sie plötzlich da, die Erleuchtung: Ich lass mich von den Guerilla-Gärtnern, die nach New York und Berlin seit Neustem auch Zürich mit ihren Überraschungspflanzungen ein bisschen grüner machen, inspirieren. Und kipp den Inhalt all der Samentüten, die sich im Laufe der Jahre im Haus und Schopf angesammelt haben, in eine Schüssel. Daraus bastle ich mir dann mithilfe von Blumen- und Tonerde sowie etwas Wasser meine eigenen Saatbomben. Statt aber auf Verkehrsinseln oder Industriebrachen schmeiss ich die Dinger in meinen eigenen Garten, oder – noch besser – ich lass sie von meinen beiden Männern schmeissen. Anarchisches Guerilla-Gardening statt braves Agglo-Gardening sozusagen.

Anschliessend installiere ich dann meine Hängematte und harre der Dinge, die da wachsen. Ich kann ja immer noch ein paar Gartenbücher mit in die Hängematte nehmen als Inspirationsquelle, mit was ich allfällige Lücken schliessen könnte ...

Was pflanzen Sie im Frühling zuerst im Gemüsegarten an? Entscheiden Sie ähnlich zufällig wie ich als Guerillagärtnerin? Oder nach Plan A, B, C? Vielleicht haben Sie ja auch eine App entdeckt, mit der sich eine korrekte Fruchtfolge steuern lässt?
Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Ihr Wissen mit anderen Gartenfreunden gleich anschliessend in einem Kommentar mit oder erstellen Sie (nach der Registration) mit Anleitungen, Tricks und einem Bild aus Ihrem Garten einen eigenen Artikel (Infos zu beidem siehe auch rechts).

Autor: Almut Berger

Fotograf: Paolo Dutto