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14. Dezember 2015

Kafi Freitag über Liebeskummer

im Interview spricht Lebensberaterin und Coach Kafi Freitag (40) über Liebeskummer. Sie sagt, man müsse den Schmerz zulassen.

Frau Freitag, was passiert, wenn ein Mensch akuten Liebeskummer hat?

Dann steckt er knietief in den Gefühlen drin, der Verstand ist ausgeschaltet beziehungsweise hat keine Chance mitzureden. Das Gegenteil wäre ein Zustand, in dem man analytisch ist und mit dem Verstand ­arbeiten kann. Ich erinnere mich, wie ich mit 22 mal so ­heftigen Liebes­kummer hatte, dass ich meinen Kopf gegen die Wand ge­schlagen habe. Im Nachhinein kann ich mit romantischen ­Gefühlen auf die Beziehung damals zurückschauen und an all die Momente der Leidenschaft denken.

Ist Liebeskummer eine Frage des Alters?

Nein, das glaube ich nicht. Gerade kürzlich hat mir eine 70-jährige Frau gesagt: Wenn das Herz nicht stumpf wird, wird es auch nicht alt und kann lieben. Wer Emotionen stets mit Vernunft beikommen will, riskiert allerdings genau das – ein stumpfes Herz. Wer sich immer vor Verletzungen schützen will, lässt keine Leidenschaft mehr zu. Aber klar, mit 40 hat man etwas mehr ­Entscheidungsmöglichkeiten als mit 18. Man weiss in der ­Regel aus Erfahrung, dass man da auch wieder herauskommt. Beim ersten Mal glaubt man ja, es werde nie wieder etwas Schönes im Leben geben.

Welches Kraut ist gegen Liebeskummer gewachsen?

Ich glaube die «Hardcore­phase» muss man einfach durchstehen, dagegen hilft gar nichts – weder Ablenkung, noch vernünftige Argumente. Da gibt es keine Abkürzung, weder durch Trinken noch sonst wie. Aber das Gute daran ist: Allen Schmerz, den man wirklich zulässt, hat man irgendwann hinter sich.

Klingt hart. Wie steht man das am besten durch?

Jede und jeder hat da seine eigene Strategie. Das wichtigste ist, dass man sich wirklich und stetig bewusst macht, dass man den Kummer zulassen muss. Denn wenn man es nicht tut, hat man noch ewig Leichen im Keller. Diese unaufgeräumten Erfahrungen stören auch künftige Beziehungen. Man projiziert dann Dinge in den neuen Partner, die nichts mit ihm zu tun haben. Das ist nicht gut für die Liebe und kann zu einem Teufelskreis werden.

Stimmt die Regel: Je länger eine Beziehung war, desto länger dauert die Trauer, wenn sie endet?

Je intensiver eine Beziehung war, desto grösser ist der Schmerz, wenn sie zerbricht. Doch es gibt spannende neue Untersuchungen, die zeigen, dass das mit der Dauer so nicht stimmt. Wer bald wieder eine neue Beziehung eingeht, erholt sich schneller. Nicht wegen der Ablenkung, sondern weil man so nicht in die Resignationsphase kommt, in der man glaubt, dass man nie wieder mit jemandem zusammen sein könne.

Ist das nicht ein bisschen ungerecht gegenüber dem neuen Partner, der ja quasi Lückenbüsser ist?

Nein. Solange man ihm nicht die ewige Liebe verspricht und eine gewisse Ehrlichkeit ­mitbringt, ist das okay.

Autor: Andrea Fischer-Schulthess