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07. März 2016

Kaffeekönig Peter Wermuth

Wider Schikanen und Behördenwillkür hat Peter Wermuth in der Ukraineein Kaffeeimperium aufgebaut. Mehrmals hätte der Berner fast alles verloren. Das Fernsehen SRF zeigt einen «Dok»-Film über den unbeugsamen Unternehmer.

Peter Wermuth
Peter Wermuth in einem seiner Läden: In der Ukraine und in Russland werden inzwischen 130 Betriebe als Domkofe-Franchise-Shops betrieben.

Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die Peter Wermuth fast um sein Lebenswerk brachte. Plötzlich standen sie vor seiner Firmenzentrale in Charkiw: die Männer des ukrainischen Geheimdiensts SBU. Schwer bewaffnet räumten sie die Geschäftsstelle aus, nahmen Computer, Möbel und Akten mit. Drei Lastwagen mit Kaffeebohnen und -maschinen für Wermuths Kaffeehäuser wurden gleichzeitig am Zoll festgehalten. Die Kaffeeläden waren lahmgelegt. Wermuth stand vor dem Ruin.

Peter Wermuth in seinem Kaffeelager in Charkiw, der zweitgrössten Stadt der Ukraine. Der Berner ist einer der grössten Kaffeeimporteure der Ukraine; er beschäftigt 2500 Angestellte.

«Die warfen mir illegalen Import vor. Das ist lächerlich. Wir sollten verstaatlicht werden», erinnert sich Wermuth, «das war eine kriminelle Aktion.» Doch in der Ukraine unter dem damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch seien solche Machenschaften System gewesen. Wermuth konnte sein ­Geschäft schliesslich retten. Er musste es für 500 000 Franken zurückkaufen. Das war im Jahr 2011.

Peter Wermuth hat viele solcher Geschichten zu erzählen. Er tut dies mit ­einem süffisanten Lächeln und einer Ruhe, dass man sich fragt, warum das Nerven­kostüm dieses Mannes nicht schon längst Schaden genommen hat. Er sei für diese Welt wohl ­etwas zu lieb und zu ­gutgläubig, sagt er über sich selber. Das ist aber nur die eine Seite von Wermuths Charakter. Die andere ist: Abenteuerlust, Wagemut und Rastlosigkeit. Das lässt zumindest seine Lebensgeschichte vermuten.

Der Kaffee veränderte sein Leben

Wermuth, 66 Jahre alt, geschieden und Vater eines erwachsenen Sohns, sitzt am Küchentisch seines Elternhauses im bernischen Vielbringen bei Worb. Natürlich gibt es Kaffee zu trinken – der Marke «Lilla e Rose Blaser» aus einer Gaggia-Kaffee­maschine, die Wermuth in der Ukraine so ­erfolgreich etabliert hat. Hier im Bauernhaus ist er zusammen mit elf Geschwistern auf­gewachsen. Seine Eltern – die Mutter 90, der Vater 94 Jahre alt – und ein Bruder ­leben noch immer auf dem Hof.

Zu Besuch bei den Eltern im bernischen Vielbringen bei Worb: Hans und Alice Wermuth geniessen den Kaffee ihres Sohnes.

Wermuth musste schon früh anpacken. Bevor er zur Schule ging, brachte er morgens um vier Uhr das Gras von den Feldern zu den Kühen. «Heute ginge das wohl nicht mehr. Das wäre Kinderarbeit», sagt er. Aber «chli öppis aapacke» habe noch niemandem geschadet.

Zum Kaffee fand der Berner nach einer Lehre zum Maschinenmechaniker als Kaffeemaschinenmonteur bei der Firma Augsburger im Emmental. Kurze Zeit ­später gründete er seine eigene Firma ­Wermuth + Co., die auf Verkauf und Service von Kaffeemaschinen spezia­lisiert war. 1992 bekam Wermuth von einer Schweizer ­Managementfirma den Auftrag, in St. Petersburg Schiffe für Fluss­reisen mit Kaffee­maschinen zu be­stücken. Er nahm den Auftrag an. «Was ich in St. Petersburg sah, war de­primie­rend. Die ­Gegend sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.»

Als die Schiffe mit den Kaffeemaschinen ausgestattet waren, witterte Wermuth ein Geschäft. Warum die Kaffeemaschinen nicht gleich vor Ort in Russland herstellen?

Der gelernte Kaffeemaschinenmonteur weiss über jedes Detail seiner Geräte à fond Bescheid.

Seine Dolmetscherin Tatjana Paramzina fand das eine gute Idee und vermittelte ihm die nötigen Kontakte – jedoch nicht in Russland, ­sondern in ihrem Heimatland Ukraine. Tatsächlich begann Wermuth in der ostukrainischen Stadt Charkiw mit der Kaffeemaschinenproduktion. Er musste den Betrieb aber schon bald wieder einstellen. «Die Qualität war einfach zu schlecht.»

«Starbucks des Ostens»

Der Osten liess den Berner aber nicht mehr los. Zusammen mit Tatjana Paramzina – die beruflich und privat seine Partnerin wurde – eröffnete er im Jahr 1998 den ersten Domkofe-Laden in Charkiw.

Heute sind es in der Ukraine und in Russland über 130 Betriebe, die als Franchise-Shops betrieben werden und importierten Blaser Café aus Bern anbieten. Domkofe (russisch für Kaffeehaus) gilt auch als «Starbucks des Ostens».

Peter Wermuth in einem seiner Läden: In der Ukraine und in Russland werden inzwischen 130 Betriebe als Domkofe-Franchise-Shops betrieben.

Wermuth lebt die Hälfte des Jahres in Charkiw und bekam die Revolution auf dem Maidanplatz in Kiew 2014 deshalb hautnah mit. Die Hoffnung auf ein ehrlicheres politisches System war auch bei ihm gross. Doch zwei Jahre später stellt er bestürzt fest: «Es hat sich nichts geändert. Die Politiker sind so korrupt wie eh und je.» Er könne nicht verstehen, dass die EU dem neuen Präsidenten Petro Poroschenko Milliarden für den Aufbau des Landes zur Verfügung stelle, «das meiste davon wandert in die Taschen der Politiker».

Wegen des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine im Osten des Landes mussten einige seiner Shops schliessen. Trotzdem kehrte Wermuth dem Land nicht den Rücken, im Gegenteil. Vor Kurzem hat er eine neue Geschäftsidee in die Tat umgesetzt: Er importiert nun auch Käse. Unlängst hat er in Kiew ein Restaurant eröffnet, in dem Fondue und Raclette serviert werden.

Doch ob Kaffee oder Käse, die Behörden machen ihm auch hier das Leben schwer. «Beim ukrainischen Veterinäramt schneiden sie immer bis 15 Kilogramm meines Käses für sich selber ab», sagt Wermuth und lächelt, «er muss offenbar ziemlich gut sein.»

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Michael Sieber