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02. Juni 2014

Käfighaltung

Traurige Käfighaltung?
Traurige Käfighaltung oder eine kompakte Spassbox (nicht nur) zum Schlafen.

Meine Töchter sind arm dran. Die beiden müssen gemeinsam in einem 12-Quadratmeter-Kämmerlein schlafen. Um Platz zu sparen, stapeln wir die Kinder dort nachts übereinander. Das geht besonders gut, seit wir ein Stockbett erstanden haben. Anfangs hatte ich bei dieser Lösung gar kein gutes Gefühl, bin ich doch in einem riesigen Haus aufgewachsen. Bei uns daheim hatte jeder nicht nur sein eigenes Zimmer, sondern gleich einen kompletten Gebäudeflügel für sich. Damals dachten alle, das sei besonders luxuriös. Vielleicht schwingt diese Idee noch heute nach, wenn manche Besucher sich wundern, dass wir unseren Kindern ein gemeinsames Zimmer zumuten. Kann doch nicht sein, dass die Journalistin und der Wissenschaftler ihren Töchtern nicht mehr bieten können, oder? Zumal noch ein Zimmer da wäre, in das man das zweite Mädchen verfrachten könnte. Das wäre zwar – gemessen an der Zimmergrösse – immer noch eine Art von Käfighaltung, aber wenigstens hätte dann jedes Kind sein eigenes Reich. Und das ist bekanntermassen wichtig für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, gell?

Leider Gottes bin ich, die Rabenmutter, nicht bereit, das vierte (und somit letzte) Zimmer in unserer Wohnung der Brut zur Verfügung zu stellen. Zimmer Nummer 4 ist nämlich mein Reich. Hier arbeite ich stundenlang an meinen Texten, und hier erledige ich auch den ganzen Papierkrieg der Familie. Das Büro ist gleichzeitig das Nähzimmer, die Telefonzentrale, das Bastelatelier, das Gästezimmer und so weiter und so fort. Ich weiss, dass man den Schreibtisch und die Bücherregale auch in unser Schlafzimmer quetschen könnte. Aber sind wir doch mal ehrlich: Muss das schon jetzt sein? Wir finden: nein.

Könnte es nicht auch sein, dass sich all die Menschen etwas vormachen, die ihre Kleinen in Einzelzimmern halten? Es ist doch nicht so, dass tagsüber jedes Kind in seinem Zimmer verschwindet, um dort unentwegt an seiner Persönlichkeit zu arbeiten, und nur zum Essen heraus kommt. Wir alle wissen: Die Küken wuseln immer dort, wo Mami und Papi sind. Das hat die Natur absichtlich so eingerichtet, denn nichts ist schlimmer als Einsamkeit. Das intensive Familienleben mag die Erwachsenen hin und wieder nerven. Meistens ist es vor allem eines: wunderschön.

Als Ida und Eva noch sehr klein waren, durften sie selbstverständlich auch nachts bei uns sein. Da unser Ehebett aber nicht mit den Kindern mitwuchs, kam irgendwann der Moment, in dem wir die beiden ausquartieren mussten. Es war nur logisch, ein Doppelzimmer einzurichten. Denn: Zusammen ist man weniger alleine.

Autor: Bettina Leinenbach