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26. November 2012

Kaderposition mit Spielraum

Kinderbetreuung wird bei vielen Papis attraktiver
Kinderbetreuung wird bei vielen Papis attraktiver, aber nicht alle fordern sie konsequent ein. (Bild: iStockphoto)

Haben Sie das gehört? Da will doch ein Basler FDP-Politiker nach seiner Wahl zum Regierungsrat freitags am Vormittag daheim bei den vier Kindern bleiben. Brio-Bahn und Lätzchen statt Machtspielchen und Krawattenpflicht. So handhabe er das schon seit Jahren und so solle es auch in Zukunft sein, lässt er ausrichten. Das ist sympathisch und herrlich eigensinnig. Die Kombination aus beidem ist entzückend. Daumen hoch, gefällt mir!

Doch kaum hat der mutige Mann seinen Wunsch ausgesprochen, wird er auch schon von allen Seiten attackiert. Die Teilzeit-Papi-Idee sei ein lausiger Wahlkampftrick, um die weiblichen Stimmbürger zu beeindrucken, sagen die Damen von der SP. Der FDP-Kandidat habe ein Rad ab, denken die Anhänger der Ziegenpartei. Der Kadermann bleibt jedoch hart: Er will beides: Stinkende Windeln und ein Spannteppichbüro. Mit diesem Wunsch ist der Politiker übrigens nicht alleine. Laut einer Studie träumen gar neun von zehn Männern von einem Teilzeitpensum. Die wenigsten setzen ihre Idee in die Tat um. Oft hört man, der Betrieb lasse so ein Modell nicht zu. (Halte ich für eine Schutzbehauptung, denn wer nicht nachfragt, erhält auch keine positive Antwort.) Andere sagen, als Teilzeit-Mann würde man in den Augen der Vorgesetzten zum Weichei. (Ich glaube, es gibt Schlimmeres, als unterschätzt zu werden…) Und dann wäre da noch das meistgenannte Argument: Ein halber Hausmann befindet sich in einer Karriere-Sackgasse. Ich fürchte, da ist was Wahres dran.

Andererseits: Machen es sich die Männer, die bei der Frage nach einer Pensumreduktion abwinken, nicht ein wenig zu leicht? Nehmen wir den Fall des Basler Regierungsrats in spe: Er will an einem Morgen daheim bleiben. Das heisst, er verpasst rein rechnerisch eines von zehn Meetings. (Mit einem begabten Sekretär an seiner Seite verpasst er meiner Meinung nach keines.) Durch den freien Freitagmorgen liest er einmal in der Woche seine Mails mit fünfstündiger Verspätung. Ich finde, da bleibt trotzdem noch genug Zeit, die Welt zu retten. Und wenn er dann nach seinem Family-Halbtag ins Büro trudelt und einen Breifleck auf dem Anzug trägt, dann kann er mit Stolz sagen: Heute Morgen habe ich wirklich etwas erlebt.

Der FDP-Politiker hat nun noch eins draufgesetzt. Er erklärte, er wolle gar nicht auf 90 Prozent reduzieren, sondern die zehn Prozent, die ihm quasi fehlen, an den Abenden oder auch am Wochenende nacharbeiten. Neues Arbeitszeitmodell statt Teilzeitpensum. Wieder geht ein Aufschrei durch die Schweiz. Nun ist der Teilzeit-Papi nicht nur ein Weichei, sondern irgendwie auch ein Betrüger. Das macht mich verrückt. Wenn man einen Job mit Leib und Seele macht, dann enden die Bürozeiten so gut wie nie. Die zehn Prozent kann der Papi-Politiker locker wieder reinholen. Hören wir also auf, so scheinheilig zu tun. Und lassen wir den Gedanken einfach zu: Auch ein Kadermann kann gleichzeitig Familienmann sein.


Weniger TV, dafür mehr Papa

Ein Schweizer Kind verbringt täglich zirka zwanzig Minuten mit seinem Vater – aber anderthalb Stunden vor der Glotze. Dass das auch anders geht, beweisen immer mehr Männer. Einige von ihnen sind über die Internet-Plattform «Avanti Papi» organisiert. Das Angebot richtet sich an alle Väter, die sich aktiver an der Betreuungs- und Erziehungsarbeit beteiligen möchten. Die Unterstützer der Plattform setzen sich dafür ein, dass Teilzeitarbeit auch in Kaderpositionen möglich ist, dass mehr firmeneigene Kitas gegründet werden und dass Eltern die traditionelle Rollenverteilung überdenken.

www.avanti-papi.ch

Autor: Bettina Leinenbach