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23. März 2015

Kaba-Rettung vom ersten Beruf

Die meisten Komiker erlernen einen bürgerlichen Beruf und üb(t)en ihn aus. Häufiger als Medizin ist Polizei oder Justiz erste Wahl. Wir verraten ein paar Talente mit Recht ... und Humor.

das Fallbeil des ... Humors
Das Fallbeil des ... Humors? (Bild: Getty Images)

Eckart von Hirschhausen ( im Interview: «Der komische Arzt» ) nährt seine Comedyprogramme in wesentlichen Teilen aus dem Wissen um die menschliche Natur und Biologie. (Ehemalige) Mediziner als Komiker gibt es mehrere, zahlreicher sind jedoch vor allem im deutschsprachigen Raum die Komiker mit Vergangenheit oder gar Gegenwart als Rechtsvertreter. Recht durchzusetzen auf der einen und Leute zum Lachen zu bringen auf der anderen Seite, scheinen Gegensätze zu sein, die sich anziehen:

DIE RICHTERIN

Anette Heiter: Sie wollte sich nie vom Richterberuf verabschieden, um sich ganz allein der Bühne zu widmen. Kabarett sollte den Juristinnenberuf stets ergänzen, nicht ersetzen. Nicht zufällig leitet Heiter mit dem Stuttgarter Juristenkabarett auch gleich eine Institution, die für die Vermittlung der zwei verschiedenen Welten sorgt. Ihre Komik ist durchaus politisch, setzt sich also mitunter hintergründig – aus ganz anderer Warte – mit dem Recht auseinander, das die Richterin gemeinhin anwenden und verteidigen soll. Da taucht der grüne Ministerpräsident Kretschmann auf, das Unternehmen, das Angestellte wegen des Verzehrs einer Maultasche entlässt, oder schlicht absurde Begebenheiten aus dem Gerichtssaal. Heiter bringt konsequent die Gerichts- mit der Kleintheaterbühne in fruchtbare Beziehung.
Zum Youtube-Ausschnitt: Kretschmann sucht Anwalt

DIE POLIZISTEN

Satke Manfred: Der Wiener ist vielleicht der Klassiker unter den Ex-Polizisten mit Comedy als Hauptbeschäftigung. Er geht durchaus derb zu Werk und kennt (hoffentlich!) weniger Kabarett-Beisshemmung als früher Zurückhaltung bei der Anwendung staatlicher Gewalt auf der Strasse. Nach Jahrzehnten im Polizeidienst erklärt Satke selbst Ortsansässigen Neues über die 24 Bezirke der österreichischen Hauptstadt, deren Geschichte, Verbrechen und allerlei Absurditäten der Öffentlichkeit. Verkauft wird fast alles als wahr: Stehen bleiben – oder wir lachen …
Zum Youtube-Ausschnitt: Polizei-Kabarett

Murat Topal: Er wuchs in Neukölln, damals sicher dem spektakulärsten Viertel Berlins, auf, absolvierte die Polizistenschule und schob von 1996 bis 2005 in Kreuzberg Dienst. Ab 2004 hatte er vielbeachtete Comedy-Auftritte in der deutschen Hauptstadt, sein erstes komplettes Programm hiess «Getürkte Fälle – ein Cop packt aus» (2005). Speziell Auftritte im Quatsch Comedy Club, aber daneben auch der «Scheibenwischer» (2006) machten ihn im TV bekannt.
Zum Youtube-Ausschnitt: Polizeidienst

Dirk Bielefeldt: Eigentlich gehört er nicht in diese Auflistung. Denn der Hamburger Bielefeldt, von Haus aus klassischer Schauspieler, wurde mit der Rolle des Polizisten Herrn Holm über Jahrzehnte Deutschland-weit berühmt. Gestelzt und formell sein Rechtsvertreter im Quartier – doch selbst übte Bielefeldt den Beruf nie wirklich aus. Seit der Jahrtausendwende trat er verschiedentlich als ebenso liebevoll bis in die kleinste Geste gezeichneter Handwerker oder Abwart auf.
Zum Youtube-Ausschnitt: Geschenke einpacken (Herr Holm)

DIE ANWÄLTE

Max Uthoff: Der vor allem dank des Programms «Oben bleiben» gefeierte Kabarettist aus München ist tatsächlich Jurist, mit Studienabschluss bis zum zweiten Staatsexamen. Die Karriere als Rechtsanwalt begann er jedoch nie richtig, auch wenn er in trockener Herleitung den Weg von der Rechtsprechung zur Bühnenkomik präzis auf den Punkt bringt: «Im Jurastudium lernt man vor allem, Urteile über Dinge zu fällen, von denen man kaum etwas versteht. Von da an ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Kabarett.»
Zum Youtube-Ausschnitt: Oben bleiben

Werner Koczwara: Der Schwabe war ebenfalls nie als Jurist tätig und studierte hauptsächlich Amerikanistik, Politik und Publizistik, nach einem kurzen Versuch in Volkswirtschaft. Dennoch verdient er seinen Platz in dieser Auflistung, als Erfinder des sogenannten Justizkabaretts. Tatsächlich widmete sich Koczwara über weite Strecken seiner Programme wie «Tyrannosaurus Recht» oder «Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt» über weite Strecken den mehr oder weniger alltäglichen Begebenheiten, den Hintergründen sowie den Absonderlichkeiten der Juristerei. Mit einschlägig rechtsverbindlichem Erfolg: Kaum ein Komiker Deutschlands weist derart viel Drohungen, Klagen und Ähnliches auf wie der Rechtsanwalt unter den Kabarettisten. Zum Youtube-Ausschnitt aus 'Müller and Friends' (2010)

Autor: Reto Meisser