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06. Februar 2012

Käpt’n Iglu und die Inder

Engelberg und der Titlis sind beliebte Drehorte für die kitschigen Bollywood-Filme. Aber nicht nur Inder zieht es in die verschneite Bergwelt. Wir haben das Igludorf besucht, im «Eis-Zimmer» übernachtet und gleich noch ein eigenes Iglu gebaut.

Dank Isoliermatte erwacht man morgens trocken und relativ warm. Erst der Morgentee wärmt uns endgültig auf.

Abgeschieden oder an der Piste: Wo lockt die Schweiz und das Ausland sonst noch mit Übernachtungen im Iglu?

Sie necken sich, er zieht sie heran, sie stösst ihn lächelnd weg. Dann rennt sie los, er hinter ihr nach. Ihr Sari wirbelt durch die Luft, und rund um das Hauptdarstellerpaar legen die Statisten in buntesten Gewändern einen Tanz aufs Parkett, der etwas von Bauchtanz, Sirtaki, Macarena und Ententanz hat. Dies ist eine Tanzszene des Bollywood-Films «Chori chori chupke chupke», wie sie in jedem typischen indischen Film vorkommt. Da im traditionellen indischen Kino Kuss- und Sexszenen verpönt sind, folgt stattdessen eine Tanzszene, als Ersatz.

Wir befinden uns auf der Trübsee-Ebene, unterhalb des Titlis, der für etliche Bollywood-Filme schon Drehort war — unter anderem auch für diverse Szenen aus «Chori chori chupke chupke». Nur tanzen mein Kollege Michi (42) und ich (43) nicht im Schnee, sondern zersägen ebendiesen, und wir singen auch nicht, sondern fluchen eher. Denn der Bau unseres Iglus scheint nicht voranzukommen. «Iglu-Bau leicht gemacht» heisst der dreistündige Kurs den wir gebucht haben. Von wegen leicht! Eine Wissenschaft ist der Bau eines Iglus, und erst noch anstrengend.

Das Iglu-Dorf in Engelberg
Ein vergängliches Hotel, das jedes Jahr von Neuem aufgebaut werden muss: Das Iglu-Dorf in Engelberg.

Das Wissen einer alten Inuit-Tradition wird weitergegeben

Stossen, ziehen, stossen, ziehen — langsam frisst sich die Schneesäge durch die harte, weisse Masse. Der Schweiss läuft. Dann haben wir wieder einen Schneeblock mehr fürs Iglu: sieben nach einer Stunde, rund 30 sollten es für unser Projekt aber sein. «Es ist wichtig, dass alle Blöcke die genau gleiche Grösse haben», ermahnt uns Adi Günter. Der 44-Jährige ist, in Anlehnung an die bekannten Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe, der Käpt’n Iglu schlechthin. Einerseits ist er der Gründer und Geschäftsführer der Iglu-Dörfer in Europa — in jenem hier bei Engelberg werden wir heute übernachten —, andererseits weiss er, wie ein Iglu nach alter Inuit- oder Eskimotradition gebaut wird, und versucht nun dieses Wissen an uns weiterzugeben. Nicht nur die Blöcke müssen genauestens gesägt werden, auch der Bau verlangt Millimeterarbeit. Ein Seilende wird dazu im Schnee vergraben, dort, wo der Mittelpunkt des Iglus sein wird. Das andere Ende des abgemessenen und gestreckten Seils gibt uns die richtige Position und die Neigung jedes Blocks an, damit am Schluss eine gleichmässige und stabile Halbkugel entsteht.

Adi Günter
Manchmal muss auch Profi Adi Günter an die Arbeit: Denn das richtig zugesägte Schneefundament entscheidet darüber, ob das Iglu schliesslich auch gelingt.

Die Blöcke des Fundaments werden gesetzt und dann so zugesägt, dass sie stetig in der Höhe ansteigen. Diese spiralförmige Aufwärtsbewegung bewirkt, dass sich die nachfolgend verbauten Schneeblöcke seitlich stützen und so nicht nach innen fallen können. Nur sehr langsam, und immer unter der strengen Beobachtung von Käpt’n Iglu, wächst die Igluwand in die Höhe. «Bei diesem Tempo hätte uns der Eisbär längst gefressen», urteilt Michi etwas resigniert. Und doch steht nach gut drei Stunden ein waschechtes, wunderschönes Iglu da — wenn auch nur von der Grösse einer besseren Hundehütte, was unseren Erbauerstolz aber keineswegs schmälert.

Romantisch Fondue essen mit Tim und Struppi

Beim verdienten Glühwein an der Bar des Igludorfs erzählt uns Adi, dass sich die indischen Touristen selten ins Igludorf verirren. Sowieso kommen die meisten im Sommer, und das nicht zu knapp. Engelberg zählte 2011 etwa 72'000 Logiernächte durch indische Gäste — oder anders gesagt, jeder fünfte Tourist war ein Inder.

Noch zwei Blöcke fehlen, und dann ist Michi im Iglu eingebaut - bis wir ihn von unten wieder ausbuddeln.

Kein Wunder, denn die hier gedrehten Szenen sind so aufbereitet, dass es selbst die Marketingagentur Schweiz Tourismus nicht werbewirksamer hinkriegen würde. Im Film «Chori chori chupke chupke» etwa tanzen die Hauptdarsteller minutenlang im Schnee mit schönster Bergkulisse im Hintergrund, sie rennen über saftig grüne Wiesen, sie reiten durch die liebliche Ebene und fahren Pedalo auf dem glitzernden See. Und wer weiss, welch hohen Stellenwert und Zulauf das Kino in Indien hat, der kann den Werbeeffekt solcher Filme leicht erahnen.

Unsere Suppe dampft. Auch im «Speisesaal» herrscht eine Temperatur um den Gefrierpunkt. Die Schneewände sind von internationalen Künstlern mit Comics verziert worden. So können wir beim feinen und wärmenden Fondue die überlebensgrossen Tim mit Struppi bewundern.

Aufgebaut und gestaltet wurde das Igludorf in Engelberg innerhalb von 13 Tagen — gearbeitet wurde fast rund um die Uhr. Anders als unser Versuchsiglu baut Adi Günter das Igludorf aber nicht nach alter Inuittradition, sondern nach eigenem, patentiertem Prinzip: Aufblasbare Ballone werden mit Schnee überdeckt, die Ballone werden nach einem Tag wieder herausgezogen.

Nach dem Fondue setzen wir uns in warmer Vollmontur in die Bar, wo die mit Styropor gefüllten Sitzsäcke wärmen. Hier steht eine Eisskulptur des Eichhörnchens Scrat aus dem Film «Ice Age». Bald lümmeln wir vor dem Iglu herum und bestaunen den zum Greifen nahen Sternenhimmel. Mit der Wollmütze auf dem Kopf sitzen wir später im dampfenden Whirlpool — herrlich! —, und eine halbe Stunde danach sind wir wieder in der Lounge der Iglubar zu finden. Mitternacht ist schon länger vorbei, als wir uns doch noch überwinden und in die Schlafsäcke kriechen. Wir erwarten eine schaurig klirrend kalte Nacht. Deshalb bleibt die Mütze die ganze Nacht über auf dem Kopf, aus dem Schlafsack schaut nur die Nase. Gerade erholsam wird die Nacht in unserem kleinen Igluzimmer zwar nicht, aber auch weniger garstig als befürchtet. Dass sich diese Erwartung nicht erfüllt, enttäuscht uns aber in keinster Weise.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Daniel Kellenberger