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11. Juli 2016

Junges Leben unter historischem Dach

Dass es auch in einem 4-Sterne-Superior-Hotel sehr familiär zu- und hergehen kann, beweist das geschichtsträchtige «Saratz» in Pontresina GR. Und das seit 151 Jahren.

Das Saratz liegt mitten im Zentrum von Pontresina.
Das Saratz liegt mitten im Zentrum von Pontresina. Manche sagen, es sei Pontresina.

Die beiden neun, vielleicht zehn Jahre alten Buben beäugen die Jakobsmuschel und den Seetang, die ihnen soeben mit dem ersten Gang serviert wurden, skeptisch. Schliesslich wendet sich der jüngere an seine Mutter und flüstert weit herum hörbar: «Mami, muss ich dieses Geschlabber wirklich essen?». Sein Bruder hat unterdessen zur Gabel gegriffen: «Schmeckt gar nicht so schlecht», kommentiert er mit vollem Mund den Seetang, «ein bisschen wie salzige Gurken». Ein Tisch weiter arrangiert ein kleines Mädchen vor sich hin summend das gesamte Tafelsilber neu – und isst anschliessend seine Spaghetti bolognese von Hand, weisses Tischtuch hin oder her.

Hoteldirektor Thierry Geiger (45) beobachtet die Szene schmunzelnd: «Fragen Sie Menschen wie es in den Ferien war, geht es fast immer als Erstes ums Essen. Schmeckts, bleibt einem das Hotel gut in Erinnerung, und man kommt wieder.» Dass das «Saratz» bei den kleinen wie grossen Gästen gut in Erinnerung bleibt, ist denn auch Geigers oberstes Ziel. Und das scheint ihm und seinem Team zu gelingen: Das Gros der Gäste, die zu 80 Prozent aus der Schweiz und zu 10 Prozent aus Deutschland kommen, sind Stammgäste, rund ein Viertel reist mit Kindern an. «Oft sind es sogar drei Generationen, die gemeinsam bei uns logieren», freut sich der Hotelier.

Während die Erwachsenen unter den Glaslüstern des geschichtsträchtigen Jugendstilsaals plaudernd auf den zweiten Gang warten, verschwindet die Kinderschar in Richtung Hotelpark mit dem Versprechen, sich in einer Viertelstunde zurückzumelden. Thierry Geiger, selber Vater eines Sechsjährigen, hält nichts davon, seine jüngsten Gäste «in irgendeinen separaten Esssaal irgendwo im Keller zu verfrachten», wie er es formuliert. Kinder seien im «Saratz» Gäste wie alle anderen auch. Und schläft so ein kleiner Gast beim Nachtessen ein, wird er dann halt im Kinderbuggy in einer Saalecke parkiert – 13 Gault Millau-Punkte hin oder her.

Thierry Geiger, der aus einer Tessiner Hotelierfamilie stammt, hat die Leitung des «Saratz» zusammen mit seiner Frau Anuschka 2008 übernommen. Zuvor hatte das Paar das 4-Sterne-Hotel Crystal in St. Moritz geführt. Pontresina sei zwar nicht so mondän wie St. Moritz, aber gerade das werde von den Gästen geschätzt, sagt er. Das schlägt sich auch im Preisgefüge nieder: Gemäss Geiger kostet die gleiche Leistung in Pontresina rund 20 Prozent weniger als in St. Moritz: «Ich sage immer – St. Moritz ist St. Moritz, Pontresina aber ist das Engadin.»

Pontresina ist aber auch das Hotel Saratz. Respektive die Familie Saratz, deren Ahnen zu den Gründern des Dorfs gehörten oder zumindest mit dem Bau der Sarazenenbrücke zu tun hatten, deren Name «Ad Pontem Sarasinam» erstmals 1137 nachgewiesen wurde. Fragen Hotelgäste, wo das Zentrum von Pontresina sei, dann antwortet Geiger jeweils mit einem Schmunzeln: «Genau hier, Ihr seid mitten im Zentrum».

Pitschna Scena, Saratz
In der heutigen Beiz «Pitschna Scena» wohnte im letzten Jahrhundert noch die Familie Saratz.

151 Jahre Hotel Saratz

2015 konnte das «Saratz» sein 150-Jahr-Jubiläum begehen. Hotelgründer Gian Saratz hatte Mitte des 19. Jahrhunderts wie so viele Engadiner sein Glück als Zuckerbäcker in Frankreich gesucht – und gefunden. Zurück in Pontresina, entschloss er sich, den Heustadel seines Bauernhauses zu einer Pension auszubauen. Dabei ging es ihm weniger um den Verdienst als um die vielen spannenden Begegnungen, die er sich von seinen Gästen erhoffte. 1875 baute sein Sohn Pepi Saratz im Zuge der touristischen Erschliessung der Region die Pension zum Hotel aus, das immer wieder erweitert wurde. Den wohl grössten Eingriff erlebte das Hotel dann aber 1995: Damals entschloss sich die inzwischen fünfte Generation der Hoteliersfamilie, das geschichtsträchtige Haus mit dem unterdessen mehrfach preisgekrönten Erweiterungsbau des bekannten Engadiner Architekten Hans-Jörg Ruch fit fürs neue Jahrtausend zu machen. «Elegant und doch familiär, modern und doch charmant: Diese Kombination von Alt und Neu ist es, was unsere Gäste immer wieder zurückkommen lässt», zeigt sich Thierry Geiger überzeugt.

Fasziniert nicht nur die Kleinen: der von Hotelgründer Gian Saratz präparierte Adler.

Unterdessen ist die Kinderschar wieder eingetrudelt, zum zweiten Gang wird Roastbeef serviert. Erst muss der Hoteldirektor aber noch die Geschichte vom mächtigen Steinadler erzählen, den einer der Buben über der Saaltür thronend entdeckt hat. Und die geht so: Bis 1974 hatte das Hotel jeweils nur in den Sommermonaten offen, mit der Folge, dass sich die Hoteldirektoren für die dunkle Winterzeit eine Beschäftigung suchten. Hotelgründer Gian Saratz beispielsweise bildete sich als Tierpräparator aus. Besagten Adler entführte er eigenhändig als Küken aus einem Adlerhorst und päppelte ihn auf. Als er den Vogel nun aber vergiften wollte, um ihn auszustopfen, wollte dieser einfach nicht sterben. Worauf er ihn kurzerhand erschoss. Die Kinder staunen. «Ob der Herr Geiger in der dunkle Winterzeit auch Tiere ausstopft?», fragt einer der Buben leise, als er neben seinem Vater Platz nimmt. «Sicher nicht», beruhigt in dieser. «Das Saratz hat unterdessen im Winter auch offen, da hat er gar keine Zeit.»

Die Reportage wurde ermöglicht vom Hotel Saratz.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger