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12. September 2016

Junge sagen Petri Heil

Das Fischen hat sein etwas angestaubtes Image verloren: Auch Junge ziehen gern Forelle oder Egli aus den Gewässern, mit modernsten Geräten und Know-how aus dem Internet. Wir begleiteten vier Jungfischer beim langen Warten mit Angel und Köder – im Video (oben) sehen Sie, was angebissen hat.

Die untergehende Sonne taucht die Bucht im Nidwaldner Becken in ein warmes Orange. Es ist kurz nach 19 Uhr, ein lauer Sommerabend am Vierwaldstättersee. Am Ufer steht der junge Fischer Robin Melliger (18) mit seiner Angelrute in der Hand. Er wirft den Köder – eine Fischattrappe aus Kunststoff – 50 Meter weit in den See. Mit zackigen Bewegungen kurbelt er den Köder zu sich heran, um ihn erneut schwungvoll im Wasser zu versenken.

Mit seiner teuren Angelausrüstung ist Jungfischer Robin Melliger auf der ganzen Welt unterwegs
Mit seiner teuren Angelausrüstung ist Jungfischer Robin Melliger auf der ganzen Welt unterwegs.

Robin Melliger verbringt seine Abende oft hier – manchmal allein, manchmal gemeinsam mit einem Fischerkumpel, aber immer in völliger Stille. «Dieser Blick auf den Pilatus, auf den Vierwaldstättersee, die Sonne hinter den Bergen: Das alles sehe ich in der Stube zu Hause nicht.»
Melliger zählt zu einer jungen Generation von Anglern, die optisch nicht so recht ins Fischerklischee passen. Er trägt Turnschuhe statt Fischerstiefel und T-Shirt anstelle der Fischerweste. Nur sein Baseballcap verrät seine Leidenschaft: Darauf aufgenäht ist eine Flagge der USA; statt der Sterne symbolisieren Fische die Bundesstaaten.

In Sachen Ausrüstung und Fischerwissen kann Robin Melliger aber durchaus mit den erfahrenen Fischern mithalten. Seine Angelrute hat mehrere hundert Franken gekostet, für jede Fischart bewahrt er den passenden Köder in einer kleinen Plastikbox auf. «Wir Jungen sind dank Youtube und Instagram ständig auf dem Laufenden, was die neuesten Gadgets und Fangmethoden betrifft», sagt er. Dennoch ist die Erfahrung ­extrem wichtig – da können uns die älteren Fischer noch viel beibringen.»

Unterwegs auf den Weltmeeren

Angeln ist populär – speziell auch bei den Jungen. So absolvierten im vergangenen Jahr 661 Jugendliche im ­Alter zwischen 15 und 20 Jahren sowie 731 junge Erwachsene zwischen 21 und 25 den Sachkundenachweis Fischerei (SaNa). Wer die Prüfung bestanden hat, weiss Bescheid über die Schweizer Gewässer, die Fische und den richtigen Umgang mit ihnen. Auch Robin Melliger besitzt den Ausweis. «Ich finde es wichtig zu wissen, wie man mit den Fischen richtig und respektvoll umgeht», sagt er. Das habe er schon früh von seinem Vater gelernt.

Den ersten Fisch – einen Hecht – fing Melliger mit fünf Jahren im Hafen von Hergiswil im Kanton Nidwalden. Seither bereist der Mediamatiklehrling die ganze Welt, um seinem Hobby nachzugehen. Er angelte schon in Bali, Ägypten, auf den Kanaren, in Italien. Und in Florida konnte er seinen bisher schönsten Fang machen, einen fast 60 Kilogramm schweren und 1,85 Meter langen Tarpun. «Mein Traum ist es, alle sieben Weltmeere befischt zu haben.»

Am Vierwaldstättersee hat Melliger an diesem Abend kein Glück. Kein einziger Fisch will anbeissen. «Das gehört zum Fischen einfach dazu», sagt er und packt seine Ausrüstung zusammen. Es ist mittlerweile 21 Uhr. Am nächsten Tag wird er sein Glück erneut versuchen.

Auf Felchenfang mit der Fischerin

Nicht nur junge Männer zieht es ans Wasser. Florentina Gartmann (23) hat schon viele Fische in ihrem Leben gefangen. Mit dem Fischen begonnen hat sie, weil auch ihr Vater und ihr Götti leidenschaftliche Angler sind. Ihren ersten Hecht zog sie mit acht Jahren an Land. Seither wirft sie fast wöchentlich ihren Köder aus. Zu ihren Hauptangelplätzen zählt der Zürichsee.

Florentina Gartmann fängt nicht nur Fische
Florentina Gartmann fängt nicht nur Fische, sondern kümmert sich auch um den Lebensraum der Tiere.

Es ist ein schöner, ruhiger Junimorgen, als die Studentin in Umweltingenieurwesen gegen 7.30 Uhr mit dem Boot auf den ruhigen See hinausfährt. Noch sind kaum Boote unterwegs. Gartmann schaltet das Echolot ihres Boots an, das ihr Fischschwärme und einzelne Fische auf einem Display ­anzeigt. Nur wenige ­Minuten ver­gehen, bis der erste Schwarm auftaucht – vermutlich Egli, hierzulande eine beliebte Speisefischart.

Die junge Fischerin wirft einen kleinen Krebs aus Gummi auf den Grund. Dann zupft sie an der Rute, um den Köder lebend wirken zu lassen. Zuerst interessieren sich die ­Eglis nicht für die Krebsattrappe, dann aber biegt sich die Rute leicht nach unten – ein Fisch hat angebissen. Ruhig kurbelt sie ihn an die Oberfläche. Es ist jedoch kein Egli, sondern ein kleiner Hecht, der gerade mal etwa 20 Zentimeter misst und somit zu klein ist für eine Entnahme. Die Fischerin befeuchtet die Hände, damit sie die Schleimschicht des Fisches nicht verletzt, und löst den Hecht vorsichtig vom Haken. Dann lässt sie ihn wieder davonschwimmen.

Ein Herz für das Ökosystem

Auf dem Zürichsee müssen Hechte mindestens 45 Zentimeter lang sein, damit sie getötet und gegessen werden dürfen. Florentina Gartmann lässt aber auch Fische frei, die dieses Mindestmass erfüllen. Das ist in der Schweiz grundsätzlich verboten – Fische, die gross genug sind, muss man entnehmen. Der Bund erlaubt aber Ausnahmen, die in der «Vollzugshilfe» geregelt sind. Darin steht, dass man Fische wieder zurücksetzen darf, wenn sie für das ökologische System wichtig sind. «Das Gesamtökosystem liegt mir sehr am Herzen. Es geht mir nicht darum, möglichst viele Fische zu fangen und sie zu töten», sagt Florentina Gartmann. Vielmehr geniesse sie die Zeit draussen auf dem See an der frischen Luft.

«Durch das Fischen lerne ich die Lebewesen kennen, die in unseren Gewässern leben, also auch Kleintiere wie Krebse, Insekten und so weiter.» Um den Lebensraum dieser Tiere zu erhalten, sammelt Gartmann mit der Jugendgruppe des Sportfischervereins Greifensee Uster, in dem sie sich aktiv engagiert, jährlich den Abfall ein, der sich im Uferbereich des Greifensees angesammelt hat. Oder sie befreit zusammen mit Tauchern den Seegrund von Müll.

Eine «Fischerfreundin» hat sie nicht; bei alldem ist sie fast ausschliesslich mit Männern unterwegs. Das stört sie auch nicht weiter – mit einer Ausnahme: «Viele Fischerkollegen fahren mit ihren Kumpels in die ­Angelferien. Ich würde gern mal mitgehen, aber die wollen keine Frauen dabeihaben.»
Fischen Frauen denn anders als Männer? Gartmann überlegt: «Dass Frauen besser im Multitasking sind, kommt uns sicher auch beim Fischen zugute. Wir können beobachten, reden und gleichzeitig Fische fangen», sagt sie schmunzelnd. Fünf Felchen zieht sie an diesem Tag aus dem Zürichsee, zwei davon satte 42 Zentimeter lang und gut 800 Gramm schwer. Die Fischerin ist mit ihrer Tagesausbeute zufrieden: «Das Abendessen ist jedenfalls gesichert.»

Mit Würmern auf Forellenjagd

In der Schweiz wird aber auch in Bächen und Flüssen gefischt, mit Vorliebe Forellen. Doch seit den 80er-Jahren befinden sich die Fangzahlen gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) im freien Fall: Wurden vor 30 Jahren noch 1,5 Millionen Forellen jährlich gefangen, waren es 2012 noch 319'000. Die Gründe reichen laut Bafu von der vermehrten Wasserkraftnutzung über den Verlust wichtiger Lebensräume, die Behinderung der Fischwanderung durch Sperren bis zu Fischkrankheiten, fischfressenden Vögeln und Überfischung.

Davon lässt sich der Forellenfischer Mirco Mugwyler sein Hobby nicht vermiesen. Der 20-jährige Informatiklehrling steht auf einem Stein inmitten der Plessur, eines Bergbachs in Graubünden, der durch Chur fliesst. Es ist ein sonniger Sommernachmittag, die Bäume werfen angenehme Schatten auf den Bergbach. Mugwyler trägt eine olivgrüne Fischerweste, mit Wurm und Made hat er es heute auf die Forellen ab­gesehen, die sich unter den Steinen verstecken.

Mirco Mugwyler zieht es an Bergbäche
Mirco Mugwyler zieht es an Bergbäche, wo er am liebsten Bachforellen angelt.

Mit sechs Jahren schon tauchte er ­neben einem Campingplatz im Tessin seine erste Made in den Lago Mag­giore – und bekam gleich einen Schwarzbarsch an den Haken. «Das war natürlich grossartig. Vor allem, weil ich nicht aus einer Fischerfamilie stamme; ich habe mir das alles selber beigebracht», sagt er. Auch wie man Forellen fängt. Mugwyler greift in seine Fischer­weste und holt eine Dose mit Würmern ­hervor, für die er im Baumarkt Fr. 5.90 gezahlt hat.

Der junge Fischer spiesst den Wurm an den Haken und wirf ihn präzise vor einen Stein in den Bach. Seine Fischerrute ist filigran. «Ich fische mit feinstem Gerät, weil ich den Fisch spüren, Kontakt zu ihm haben will», sagt er.
Wenige Minuten und einige Würfe später zupft plötzlich die Spitze von Mirco Mugwylers Rute. Er reagiert zwar schnell, aber er ist zu spät. Die Forelle hat sich wieder vom Haken gelöst und ist unter einem Stein verschwunden.
Mugwyler bleibt gelassen. «Früher ging man fischen, um Nahrung zu fangen – und nicht, weil man einfach Freude daran hatte. Mir sind die Fänge nicht so wichtig. Es gibt nichts Schöneres, als am ­Wasser ein Feuer zu machen, Würste zu essen und danach ein bisschen zu fischen», sagt er.

Dabei mit der Natur respektvoll umzugehen, sei für ihn zentral. «Man muss die Natur gut kennen. Beim Fischen spielen so viele Faktoren eine Rolle: die Wassertemperatur, das Wetter, die Tageszeit, die Wahl des richtigen Köders. All dies muss stimmen, damit man Erfolg hat.» Und selbst wenn alle Bedingungen perfekt seien, brauche es eben auch noch eine Portion Glück. An diesem Nachmittag fehlt das Glück: Noch zwei Mal ruckelt es an seiner Rute. Zwei Mal lösen sich die Forellen wieder vom Haken. Mugwyler lächelt milde. «Tja, so kann es gehen. Trotzdem ist es hier draussen spannender als zu Hause vor dem Fernseher.»

Eine Angelrute für 1000 Franken

Die Fliegenfischer sind die Puristen unter den Anglern. Sie fischen hauptsächlich mit Fliegen- und Nymphenattrappen, die sie in geschickter Handarbeit selbst herstellen. Auch ihre Angelrute fertigen manche Fliegenfischer selber. Sie bestehen aus natürlichen Materialien wie Bambus oder künstlichen wie Karbon.

Willi Hübscher (21) ist so ein Fliegenfischer. Allein an seiner Bambusrute hat er 30 Stunden lang gearbeitet. «Die Rute ist makellos. Nirgends hat sie auch nur den kleinsten Riss», sagt er stolz. Das hat seinen Preis: Rund 1000 Franken kostet eine solche Fliegenfischerrute. Auch die Fliege hat Willi Hübscher aus Entenfedern selber gebunden. Sie sollen eine exakte Kopie des Insekts darstellen. Und die will er heute in Andermatt UR testen: Er ist in die Berge auf den Furkapass gereist – der Bergbach Unteralp­reuss ist mit seinen vielen Steinen und ­kleinen Strudeln das perfekte Forellen­gebiet.

Do it yourself: Seine Angelrute hat Willi Hübscher selbst gebaut.
Do it yourself: Seine Angelrute hat Willi Hübscher selbst gebaut.

Das Fliegenfischen hat Willi Hübscher vom Vater gelernt. «Wir sind eine Fliegenfischerfamilie. Mein älterer Bruder kommt regelmässig mit.» Für ihn ist dies die natürlichste Art des Fischens: «Die Rute ist fein, der Kontakt zum Fisch sehr direkt. Ich fühle mich dadurch mit dem Tier verbunden.»
Auch genaues Beobachten ist wichtig. Wählt er eine Fliege mit falscher Farbe, interessiert sich an diesem Tag kein Fisch dafür. «Das mag ich am Fliegenfischen. Man kann von seiner Erfahrung profitieren», sagt er und schwingt mit kurzen Bewegungen der Rutenspitze und kurzer Leine die Mücke trocken, damit sie schön auf der Wasseroberfläche aufliegt.

Willi Hübscher hat die Fliege mit einem gekonnten Wurf mitten im Bach platziert und lässt sie die Strömung hinabtreiben. Dann plötzlich schnappt sich ein Fisch den Köder. Hübscher zieht die kleine Bachforelle zu sich und hebt sie mit nassen Händen vorsichtig aus dem Wasser. Der etwa zehn Zentimeter kleine Fisch glitzert im Sonnenlicht in den buntesten Farben. Der Jungfischer löst ihn vorsichtig vom Haken und lässt ihn wieder davonschwimmen. «Der ist zu klein», sagt er. «Es ist schon erstaunlich, wie gut die Forellen unter Wasser die wenige Millimeter kleine Fliege auf der Wasseroberfläche wahrnehmen und dann innerhalb von Hundertstelsekunden zuschlagen», sagt Willi Hübscher. «Heute wollen aber nur die kleinen beissen. Es gibt solche Tage.»

Trotzdem ist der Fliegenfischer zufrieden: «Es ist ein tolles Gefühl, wenn du die richtige Fliege gewählt und diese auch noch selber gebunden hast.» Einen Fisch hätte er an diesem Tag allerdings schon gerne mit nach Hause genommen. Als gelernter Koch weiss er schliesslich, wie man sie am besten zubereitet. «Ich brate die Forellenfilets immer in Butter in der Bratpfanne. So wird die Haut richtig knusprig.»

Willi Hübscher will an einem anderen Tag wieder nach Andermatt fahren. «Das ist das Besondere am Fischen: Beim nächsten Mal hast du plötzlich die grösste Forelle deines Lebens am Haken. Glück und Pech liegen eben sehr nahe bei­einander.» 


FISCHEREI: DIE NACHFRAGE STEIGT

Die Infografik auf Seite 17 des Migros-Magazins vom 12. September:

Infografik zur Fischerei in der Schweiz
Die Infografik zur Fischerei in der Schweiz

Die Infografik im JPG-Format (980 x 1340 px)
Die Infografik im PDF-Format (400 KB)

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Samuel Trümpy