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26. Mai 2014

Jugendgewalt: Der Ausstieg ist möglich

Manuel Eisner (50) ist Soziologe und Professor für Kriminologie, beim Gespräch 2009 an der Universität von Cambridge (GB). Im Frühling präsentierten er und sein Forscherkollege Denis Ribeau eine Studie zur Gewalterfahrung von Jugendlichen im Kanton Zürich. Es ist schweizweit die erste Langzeitstudie dieser Art.

Zu fünf Jahren unbedingt wurde vor wenigen Tagen (Anfang November 2009) der «Disco-Schläger» Marcel M. aus dem Aargau verurteilt. Er hatte im Sommer 2007 dem 19-jährigen Nicky während eines Streits einen tödlichen Faustschlag versetzt. Am gleichen Tag wurde ein Urteil im Fall des Tessiners Damiano gefällt, der an der Fasnacht 2008 zu Tode geprügelt worden war: 28 Monate Haft mit psychologischer Begleitung für einen minderjährigen Mittäter. Dies sind nur zwei von zahlreichen Fällen, die jährlich für Schlagzeilen sorgen. Jugendgewalt ist die tägliche Sorge der Schweizer und Schweizerinnen. «Alles medial aufgebauscht», sagen die einen – Schlägereien unter jungen Männern habe es schon immer gegeben. «Kuscheljustiz! », schreien andere. Sie rufen nach mehr Staat und härteren Strafen. Was hilft wirklich? Kriminologe Manuel Eisner berät den Bund für ein nationales Präventionsprojekt und plädiert für koordinierte Prävention und Unterstützung von Eltern. Und die Geschichten von Renato Kauz (21) und Blerim Krasniqi* (18) zeigen (siehe rechts): Mit den richtigen Massnahmen können Gewalttäter wieder zu einem gewaltfreien Leben finden.

Soziologe und Kriminologe Manuel Eisner
Soziologe und Kriminologe Manuel Eisner

Manuel Eisner, es scheint immer schlimmer zu werden mit der Jugendgewalt in der Schweiz. Können Sie irgendeine positive Meldung zum Thema machen?
Die Schweizer Polizeistatistik zeigte im Jahr 2008 erstmals einen leichten Rückgang von Gewalttaten, nachdem bis 2007 die Zahlen laufend gestiegen waren. Ob das eine anhaltende Trendwende ist, wird sich aber erst in ein paar Jahren zeigen.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat die Brutalität zugenommen. Fälle, in denen Gruppen von Jugendlichen auch dann noch auf das Opfer einschlagen, wenn es wehrlos am Boden liegt.
Es ist schwierig, eine wirkliche Zunahme der Brutalität zu belegen. Für mich wäre der klarste Beleg für eine zunehmende Brutalisierung ein immer häufigerer Einsatz von Hieb-, Stich- oder Schusswaffen. Das hat aber gemäss der polizeilichen Kriminalstatistik nicht stattgefunden. Einzelne Fälle sind aber so entsetzlich, dass sie verständlicherweise in den Medien und in der Bevölkerung besonders präsent sind.

Man schaut vermehrt hin und toleriert weniger als früher.

Was ist mit den offenbar unbegründeten Attacken? Ein falsches Wort, ein zu langer Blick, und schon fühlt sich der Täter provoziert.
Die Fälle, in denen die Opfer die Aggressoren nicht kannten, haben gemäss unserer Befragung sogar abgenommen. Zugenommen haben hingegen Attacken zwischen ganzen Cliquen und rassistisch motivierte Angriffe. Und die Gruppe der Intensivtäter ist gewachsen, also derjenigen, die mehrfach Straftaten begehen.

Wie oft sind Drogen im Spiel?
Es ist eine klare Überlappung erkennbar. Doch die Frage ist, was zuerst war. Entwicklungspsychologisch sind es die Aggressionen. Je früher ein aggressiver Jugendlicher mit Rauschtrinken und Drogenkonsum beginnt, desto grösser ist das Risiko einer langen, schweren Gewaltkarriere.

Gilt das auch für Gewaltspiele am Computer?
Der Zusammenhang ist vergleichbar. Für diese Spiele interessieren sich am ehesten aggressionsbereite Jugendliche. Bei ihnen haben sie auch einen enthemmenden Effekt

Man hat den Eindruck, gewisse Jugendliche hätten einfach Spass am Zuschlagen, und zwar seien das immer Männer.
Es gibt zwei Gruppen von Gewalttätern: Diese, die zurückschlagen, wenn sie gehänselt und provoziert werden. Und jene, die bewusst Gewalt einsetzen, weil die Machtausübung ihnen Lust bereitet. Letzteres konzentriert sich auf Buben und Männer und ist tatsächlich beunruhigend. Dennoch: In der Schweiz lebt etwa eine halbe Million Jugendlicher. Im Jahr werden weniger als ein Prozent davon wegen eines Gewaltdelikts verurteilt.

Es gibt denn auch Stimmen, die sagen, dass unsere Gesellschaft überreagiere. Raufereien auf dem Pausenplatz und Schlägereien unter jungen Männern habe es schon immer gegeben, nur würden sie heute kriminalisiert.
Die Wahrnehmung und Beurteilung von Jugendgewalt hat sich verändert, dass stimmt. Heute schaut man vermehrt hin und toleriert weniger als früher. Das ist positiv, denn frühe Intervention ist wichtig. Man darf aber nicht nur nach mehr Staat und Polizei rufen. Die Verantwortung hat sich zu sehr verschoben, weg vom engen Umkreis bestehend aus Elternhaus, Schule und Nachbarn, hin zur Justiz.

Der Bund hat Sie für das Präventionspaket, das er nächstes Jahr vorstellen will, um Rat gefragt. Sie schlagen denn auch den Einbezug der Eltern vor. Was stellen Sie sich darunter konkret vor?
Die Erziehungskompetenzen der Eltern müssen gefördert werden, und zwar auf allen Kanälen: Internet, Briefe, Informationsveranstaltungen. Doch es gibt eine kleine Gruppe von schwer zugänglichen Eltern. Sie sind überfordert, wenn es mit dem Kind Probleme gibt. Wir müssen Wege finden, solche Familien zu erreichen.

Was läuft in diesen Familien falsch?
Gemäss einer Studie, die ich an der Universität Zürich betreue, ist das grösste Problem eine fehlende Aufsicht über das Kind. Also wenn Eltern keine Grenzen setzen. Das ist eine Art Vernachlässigung. Weitere Risikofaktoren für eine spätere Gewaltkarriere sind ein unbeständiger Erziehungsstil sowie stark restriktive Methoden, die auf Repression und Gewaltanwendung setzen.

Also doch besser Kuschelpädagogik und -justiz.
Kinder brauchen Regeln und Sanktionen ebenso wie Unterstützung, Wärme und Geborgenheit. Das gegeneinander auszuspielen, ist völlig falsch. Sorgen bereiten hauptsächlich jene Jugendlichen, die lange auffällig sind, ohne dass jemand interveniert. Die Wahrscheinlichkeit einer Strafe wirkt aber eher abschreckend als deren Höhe. Deshalb ist es ein Irrtum, dass mit härteren Strafen für junge Täter dem Problem beizukommen sei.

Jugendmassnahmen entsprechen oft nicht dem öffentlichen Gerechtigkeitsempfinden.

Was hilft denn wirklich?
Neben Prävention sind therapeutische Massnahmen am vielversprechendsten. Je nach Fall durchbricht man damit Verhaltensmuster oder arbeitet systemisch, bezieht also das Umfeld mit ein. Unter Fachleuten ist es unumstritten, dass solche Programme den Gefängnisstrafen vorzuziehen sind, wenn keine Gefährdung von Dritten befürchtet werden muss.

In Ihrer Studie erwähnen Sie auch sinnlose Strafen.
Wenn man Jugendliche als Strafe erniedrigt, ist das kontraproduktiv. In den USA gibt es solche Massnahmen. Da werden Jugendliche in Camps militärisch gedrillt. Auch Deutschland hat das mal in Erwägung gezogen. So weit weg von unserer Mentalität ist das also nicht.

Strafen könnten aber doch abschreckend wirken.
Natürlich sollen Strafen potenzielle Täter von einer Straftat abhalten. Man muss aber vorsichtig sein. In den USA hat man gefährdete Jugendliche in Gefängnisse geführt, um sie von Straftaten abzuhalten. Die Besuche bei Schwerverbrechern hatten aber die gegenteilige Wirkung: Gewisse Jungs fanden die Sträflinge cool! Aber Strafe will ja auch dem öffentlichen Gefühl für Sühne und Gerechtigkeit nachkommen. Und da liegt das Dilemma: Jugendmassnahmen Entsprechen dem öffentlichen Gerechtigkeitsempfinden oft nicht. Schneller strafen ist aber wichtiger als schwer strafen.

Es braucht also Prävention und frühe Intervention. Wo stehen wir da in der Schweiz?
Es gibt positive Entwicklungen. Fachpersonen und Politiker haben erkannt, dass wir etwas unternehmen müssen. Und Massnahmen werden auf allen Ebenen koordiniert: zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden, aber auch zwischen Familien, Schulen und sozialen Netzwerken. Ausserdem hat der Bundesrat eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Tendenzen in der Jugendgewalt klärt. Solche Instrumente brauchen wir, denn für neue Massnahmen müssen wir eine Erfolgskontrolle haben, damit sie Akzeptanz in der Gesellschaft finden. Ich möchte aber auch betonen, dass es immer in irgendeinem Mass Jugendgewalt geben wird. Das müssen wir akzeptieren.


Das Interview wurde am 2. November 2009 publiziert.

Autor: Yvette Hettinger