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06. März 2017

Junge Frauen fördern Frauen

Zum Tag der Frau vom 8. März stellen wir vier Frauen vor, die sich erfrischend kreativ für ihre Geschlechtsgenossinnen engagieren. Sie machen mit Guerilla-Aktionen und viel Humor auf Frauenthemen aufmerksam, betreiben Plattformen für Mütter oder gegen Hass im Netz.

Setzen sich für 
die Sache der Frau ein (von links): 
Irina Studhalter, Racha Fajjari,
 Jessica Zuber und Carmen Schoder.
Setzen sich für die Sache der Frau ein (von links): Irina Studhalter, Racha Fajjari, Jessica Zuber und Carmen Schoder.

Männer und Frauen sind seit 1981 laut Bundesverfassung gleichgestellt. Doch Gesetz ist nicht gleich Umsetzung. Darum finden am Internationalen Tag der Frau vom kommenden Mittwoch, 8. März, auch hierzulande zahlreiche Kundgebungen statt. Ein breites Aktionsbündnis ruft unter dem Motto «We can’t keep quiet» zum Protest auf der Strasse auf. Und am Samstag, 18. März, soll in Zürich ein «Women’s March» nach US-Vorbild stattfinden.

Im Trubel der Aktionstage könnte leicht vergessen gehen, dass es Frauen gibt, die sich das ganze Jahr über für andere Frauen engagieren. Darunter sind auch einige junge Frauen, die das Thema im Vergleich zu den einstigen Kampffeministinnen erfrischend anders angehen. Etwa das Kollektiv Aktivistin.ch, das mit Guerilla-Aktionen und einer grossen Portion Humor auf Themen wie die Lohndiskriminierung oder die Pink Tax (Mehrpreis auf Frauenprodukten) aufmerksam macht. Auf unabhängige und eigensinnige Weise setzt sich Model und Betriebsökonomin Racha Fajjari für Frauen ein. Als sie Mutter wurde, hat sie eine Plattform für Mütter gegründet. Heute tauschen sich dort Mütter nicht nur über Babybrei aus, sondern auch über ihre Business-Ideen. Praktische Hilfe leistet auch Jungpolitikerin Irina Studhalter, die eine Anlaufstelle für Opfer von Cybermobbing aufgebaut hat.

Die verschiedenen Beispiele zeigen: Die Frauenbewegung ist heterogener und das Engagement konkreter geworden. Und frau kämpft heute nicht gegen die Männer, sondern mit ihnen: So etwa Jessica Zuber, die sich als Co-Präsidentin von Alliance F für den Vaterschaftsurlaub einsetzt.

Guerilla mit Humor

Das Kollektiv Aktivistin.ch besteht aus einem harten Kern von 20 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren und hat rund 2500 Facebook-Fans. Im Dezember 2015 liess die Gruppe falsche Banknoten im Wert von 7,7 Milliarden Franken auf den Zürcher Paradeplatz regnen, um auf die Lohndiskriminierung zwischen arbeitenden Männern und Frauen aufmerksam zu machen.

Am Tag der Frau vor einem Jahr spannte das Kollektiv ein riesiges Transparent um einen der Türme des Zürcher Grossmünsters mit der Aussage «Gott ist eine Frau» – und vor ein paar Monaten färbten sie 14 Brunnen in Zürich mit roter Lebensmittelfarbe ein, um das Tabu Menstruation und die 8 Prozent Luxussteuer auf Tampons zum Thema zu machen.

«Wir sind den Frauen früherer Generationen extrem dankbar für das, was sie für uns mit dem Gang durch die Institutionen erreicht haben», sagt Carmen Schoder (25), die als Sprecherin des Kollektivs amtet. Gleichzeitig würden sich die Aktivistinnen klar von der alten Garde der Feministinnen unterscheiden: «Unsere Gruppe ist sehr heterogen. Wir sind Frauen mit verschiedenen Interessen, Hobbys, beruflichen und politischen Hintergründen. Es gibt solche, die Heavy Metal hören und Whisky trinken, oder solche, die auf Rosa, Glitter und Glimmer stehen.» Das sei kein Widerspruch zu den Zielen des Kollektivs. Im Gegenteil. «Wir möchten Vielfalt leben können und nicht irgendwelche Stereotypen bedienen müssen, um in dieser Gesellschaft ernst genommen zu werden.»

Dass sich die jungen Frauen durchaus Respekt verschaffen, zeigt das mediale Echo zu ihren Aktionen, das zuweilen sogar bis weit über die Landesgrenzen zu hören ist. «Vor dem Gesetz gelten wir als gleichberechtigt. In der Praxis sind wir noch weit davon entfernt. Darum müssen wir den Diskurs, der in den vergangenen Jahren eingeschlafen ist, wieder in Gang bringen. Und das erreicht man am besten mit Guerilla-Aktionen und mit einer Portion Humor», sagt Sprecherin Carmen Schoder.

Aktivistin Carmen Schoder und Model Racha Fajjari
Aktivistin Carmen Schoder macht mit Guerilla-Aktionen auf Missstände aufmerksam, Model Racha Fajjari hat eine Plattform für Mütter kreiert.

Aktivistin Carmen Schoder macht mit Guerilla-Aktionen auf Missstände aufmerksam, Model Racha Fajjari hat eine Plattform für Mütter kreiert.

Starthilfe für junge Mütter

Model und Betriebsökonomin Racha Fajjari (32) setzt sich vor allem für Mütter ein: Die Zürcherin mit nordafrikanischen Wurzeln hat vor sechs Jahren nach der Geburt ihres Sohnes die Mami-Plattform Mamalicious gegründet, aus der inzwischen rund ein Dutzend Facebook-Gruppen mit insgesamt 35'000 Mitgliedern hervorgegangen sind.

Heute tauschen Mütter auf Mamalicious nicht nur Erfahrungen rund ums Baby aus, sondern entwickeln in der Gruppe «Business» auch Geschäftsideen oder verkaufen unter «Made with Love» auch ihre Handarbeiten. Zudem veranstaltet Racha Fajjari gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Nadia Kropf zwei- bis dreimal im Jahr einen Markt, an dem Restposten aus Lagerbeständen von Kleiderläden zu haben sind. «Das ist eine Win-win-Situation: Wir decken damit einen Teil unserer Kosten, und die Frauen müssen auf der Schnäppchenjagd nicht durch die ganze Stadt rennen.»

Unternehmerin Racha Fajjari lässt sich gerne im Umfeld von jungen Aktivistinnen porträtieren, meint aber gleichzeitig: «Ich würde mich nicht unbedingt als Feministin bezeichnen. Ich definiere mich grundsätzlich ungern über einen bestimmten Begriff. Allerdings finde ich, dass Solidarität unter Frauen wichtig ist und auch Mütter ernst genommen werden sollten.» Mit Mamalicious habe sie ihr eigenes Potenzial nach der Geburt ihres Sohnes nicht einfach brachliegen lassen. Und gleichzeitig biete sie damit anderen Frauen eine Plattform, um deren Produkte zu vertreiben und das eigene Geschäft zum Laufen zu bringen.

Urlaub für Väter

Für junge engagierte Frauen bietet das Internet viele Chancen: Ein Beispiel dafür ist Jessica Zuber (27), die seit dreieinhalb Jahren gemeinsam mit anderen Frauen für den Lifestyle-Blog Baerner-meitschi.ch schreibt: «Politischer Feminismus ist im Blog zwar kein Thema, schwingt zwischen den Zeilen aber trotzdem stets mit – schliesslich schreiben hier Frauen für Frauen.»

Wie bei manchen Mitgliedern von Aktivistin.ch zeigt sich auch bei der Politikwissenschaftlerin Jessica Zuber, dass der Kampf für Frauenrechte und ein Interesse an Lifestyle gut miteinander vereinbar sind. Die Bernerin ist seit vergangenem Jahr Co-Geschäftsleiterin der Alliance F, des Bundes Schweizer Frauenorganisationen, mit 154 Mitgliederverbänden. Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich für die «Operation Libero».

«Minderheiten und Geschlechterstereotypen waren schon Thema meiner Bachelorarbeit», erklärt Jessica Zuber ihren Werdegang. Sie ist überzeugt, dass es noch ein langer Weg ist bis zur tatsächlichen Gleichberechtigung: «Die subtilen Ungleichheiten sind viel schwieriger wegzubringen, auch weil wir immer noch traditionelle Rollenklischees in unseren Köpfen haben.» So sei es auch durch den fehlenden institutionellen Rahmen nach wie vor selbstverständlich, dass Frauen spätestens nach der Geburt der Kinder zwangsweise in alte Rollenbilder verfallen würden.

Am Beispiel der Familienarbeit zeigt sich auch, dass Frauen heute weniger gegen als mit den Männern kämpfen: Alliance F unterstützt gemeinsam mit anderen Frauen- und auch Männerorganisationen die derzeit laufende Unterschriftensammlung zur Initiative «Vaterschaftsurlaub jetzt!», die 20 Tage Urlaub für frischgebackene Väter fordert.

Jessica Zuber engagiert sich als Co-Präsidentin von Alliance F, Irina Studhalter gegen das Cybermobbing
Jessica Zuber engagiert sich unter anderem als Co-Präsidentin von Alliance F, Irina Studhalter hat einen Verein für Opfer von Cybermobbing gegründet.

Jessica Zuber engagiert sich unter anderem als Co-Präsidentin von Alliance F, Irina Studhalter hat einen Verein für Opfer von Cybermobbing gegründet.

Anlaufstelle für Cybermobbing

Die Politologiestudentin und Jungpolitikerin Irina Studhalter (23) setzt sich dafür ein, dass weibliche Stimmen nicht verstummen. Sie hat gemeinsam mit der Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin (36) den Verein #NetzCourage gegen Cybermobbing gegründet.

Wie die Zuger Ex-Kantonsrätin erlebte die Luzernerin einen Shitstorm im Internet. Anlass war ein Tweet, den sie anlässlich der Attentate in Brüssel vor einem Jahr verfasste. Sie schrieb damals: «Ich habe Angst. Nicht vor dem Islam, nicht vor Terror – sondern vor der rechtspopulistischen Hetze, die folgen wird. #Brussels». In der Folge seien im Sekundentakt Beleidigungen und Drohungen eingegangen.
«Mit dem Hashtag #Brussels hatte ich in ein Wespennest gestochen, denn ich erreichte damit vor allem Leute von Rechtsaussen.» Der Shitstorm hätte sie mundtot machen sollen. Tatsächlich habe sie sich zu Beginn ohnmächtig gefühlt, wie wenn ihr gerade alles entgleiten würde.

«Wir haben Netzcourage gegründet, damit Opfer von Cybermobbing eine Stelle haben, an die sie sich wenden können», erklärt Studhalter ihr Engagement. Sie würden die Betroffenen beraten, wie sie sich am besten verhalten, was strafrechtlich relevant ist – und im Extremfall den Mail-Account für eine Weile übernehmen.

Das Angebot steht zwar auch Männern offen, aber es melden sich vor allem Frauen: «Cybermobbing gegenüber Frauen wird sehr schnell sexuell und körperlich.» Damit seien Frauen sowohl im realen wie auch im virtuellen Raum einfach zu verletzen und einzuschüchtern.

Autor: Andrea Freiermuth, Anne-Sophie Keller

Fotograf: Vera Hartmann