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22. Juli 2013

Autor Philipp Riederle: «Wir Jungen haben ein grosses Bedürfnis nach Sinn»

Wer wissen will, wie die junge Generation tickt, der fragt Philipp Riederle. Der 18-jährige Deutsche fordert in seinem Buch «Wer wir sind und was wir wollen» einen Umbau des Bildungssystems und der Arbeitswelt.

Philipp Riederle auf einem Sofa mit Smartphone in der Hand
Wenn Philipp Riederle Vorträge vor Managern hält, schauen die ihn manchmal an, als käme er von einem anderen Planeten.
Philipp Riederle am Future Media Day
Philipp Riederle am Future Media Day in Zürich 2012.

DIE BLOGGER DER GENERATION Y
Videos und Kurzporträts: Schauen Sie den Vortrag von Philipp Riederle über die Kommunikation der Jugend und zwei andere Youtube-Filme.
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Philipp Riederle, Sie haben kürzlich das Abitur hinter sich gebracht. Wie liefs?

Ich kann mich nicht beklagen. Zwar war ich ziemlich nervös, aber mit dem Notenschnitt von 1,9 bin ich zufrieden.

War es hart, den Schulalltag und Ihre anderen Verpflichtungen als Autor, Podcaster und Unternehmer unter einen Hut zu bringen?

Mein Podcast hat ja als Kinderzimmerprojekt 2008 angefangen, alles andere ist nach und nach hinzugekommen. Als die ersten Anfragen für Auftritte bei Firmen und Medien kamen, habe ich die Schulleitung gefragt, ob ich ausnahmsweise einen Tag freibekommen könne. Die haben das erlaubt und waren auch später immer flexibel. Ich muss mir meine Tage gut einteilen, aber mir ist wichtig, dass auch Zeit für Freunde und Freundin bleibt, ich sage dann halt lieber einen Termin ab.

Haben Sie Ihr Buch «Wer wir sind und was wir wollen» ganz alleine geschrieben?

Schon, aber ich habe natürlich im Vorfeld viel recherchiert, mit Leuten geredet und zusammengearbeitet. Das Formulieren hat etwa ein halbes Jahr gedauert, die Vorarbeit ein Jahr. Das Grundgerüst waren die Vorträge, die ich schon seit einer Weile bei Firmen halte.

So ein Buch ist eine ziemlich altmodische Sache. Weshalb gerade dieses Medium?

Nach den Auftritten bei Unternehmen bekam ich oft das Feedback von den Leuten, dass sie dank meiner Ausführungen nun auch ihre eigenen Kinder besser verstehen. Die Zielgruppe meines Buchs ist also nicht meine Generation, sondern die ältere. Und die hat ein viel selbstverständlicheres Verhältnis zum Medium Buch als wir. Ausserdem erreicht man damit noch immer eine sehr breite Öffentlichkeit. Ich persönlich lese E-Books, ist halt einfach praktischer.

Ist es für die Erwachsenen wirklich so schwierig, die Welt der Jugend zu verstehen?

In meinen Vorträgen habe ich ab und zu erlebt, wie mich das Publikum angeschaut hat, als käme ich von einem anderen Planeten.

Wo besteht der grösste Erklärungsbedarf?

Bei den Firmen am meisten gefragt ist das Thema Arbeitsleben. In meiner Generation ist das Bedürfnis nach Sinn sehr ausgeprägt, wir wollen einen Job, den wir als sinnvoll empfinden. Bei der Generation meiner Eltern war es wichtiger, gutes Geld zu verdienen und einen prestigeträchtigen Job zu haben. Beides ist meiner Generation ausgesprochen unwichtig. Und je flexibler die Arbeitszeiten, desto besser.

Philipp Riederle schaut auf sein Smartphone
Riederle ist zwar viel beschäftigt, sagt aber lieber einen Termin ab, als zu wenig Zeit für Freunde und Freundin zu haben.

Einen solchen sinnvollen Job zu finden, dürfte aber nicht so leicht sein.

Es sollte etwas sein, für das man brennt, etwas, das einem ein Funkeln in die Augen zaubert, wenn man es tut. Und das ist für jeden etwas anderes. In Deutschland haben wir das Glück, dass es für Junge viele Jobs gibt, wir eher sogar einen Fachkräftemangel haben. Die Herausforderung für die Unternehmen ist, uns Jungen die Arbeitsbedingungen zu bieten, mit denen wir uns wohlfühlen. Ich höre von vielen grossen Unternehmen, dass die Jungen nach der Ausbildung wieder gehen, weil sie sich zu sehr in einem Hamsterrad gefangen fühlen. Kleine Familienunternehmen sind da oft flexibler und bieten hoch spannende Jobs, aber haben es schwerer, auf den Radar der Jungen zu kommen.

Welche sind für Sie die grössten Reibungsflächen zwischen Jungen und Erwachsenen?

Die Interpretation unserer Nutzung von digitalen Medien und Geräten. Der grosse Vorwurf lautet immer, wir würden damit in eine virtuelle Welt eintauchen, uns quasi abkapseln. Aber das ist Unsinn. Ein Smartphone oder Tablet ist ein Instrument, um unsere Freundschaften zu pflegen und Informationen auszutauschen, so wie das alle anderen Generationen vor uns auch schon gemacht haben — einfach auf anderen Kanälen. Es geht also um Kommunikation nicht ums Abkapseln. Aber mit den neuen Instrumenten entstehen ganz neue Möglichkeiten, und entsprechend wünschen wir uns auch eine andere Organisation von zum Beispiel Arbeit oder Bildung. Da hinken die Schulen und die Arbeitgeber allerdings mächtig hinterher.

Die Schulen und die Arbeitgeber hinken mächtig hinterher

Sie sprechen von einem eigentlichen Epochenwechsel, der durch Internet, Smartphones und Social Media eingeleitet wurde.

Absolut. Nicht nur können wir heute theoretisch ständig mit fast jedem anderen auf der Welt kommunizieren, wir haben auch pausenlos Zugang zu einer überwältigend grossen Menge von Wissen, und jeder von uns kann jederzeit selbst Informationen publizieren. Und für uns ist das alles ganz selbstverständlich, schliesslich sind wir damit aufgewachsen. Der nächste Schritt allerdings wird auch für uns neu sein: das Internet der Dinge. Da bestellt dann der Kühlschrank beim Supermarkt automatisch Lebensmittel nach, die langsam ausgehen, und die Toilette analysiert nebenbei gleich noch unseren Gesundheitszustand. Ein bisschen beängstigend finde ich die Vorstellung, dass man mit seiner Google-Brille zu einem Date geht und auf dem Bildschirm vor dem Auge Hinweise kriegt, wie das Gegenüber aufs Gespräch reagiert und was jetzt zu tun ist, um es rumzukriegen.

Halten Sie sich eigentlich für repräsentativ für «die Jugend»?

Nein, das geht ja auch gar nicht. Neben eigenen Erfahrungen beziehe ich mich im Buch auf Erkenntnisse aus Studien und Statistiken über meine Generation. Ich bin anfänglich eher so in die Rolle reingerutscht, eine Stimme der heutigen Jugend zu sein — und um diesen Anspruch erfüllen zu können, habe ich mich mit den verschiedenen Facetten des Themas auseinandergesetzt. Klar trifft nicht jedes Detail, über das ich schreibe, auf jeden Jugendlichen der westlichen Welt zu.

Ihre Generation ist es gewohnt, Relevantes zu selektieren, was dazu führt, sehr effizient zu denken und zu handeln, schreiben Sie. Im Buch klingen Sie manchmal beinahe schon zu erwachsen. Gilt das wirklich für Ihre gesamte Generation?

Die Ausprägung dieser Eigenschaft ist natürlich eine individuelle Charakterfrage. Ich bin aber überzeugt, dass dieses Verhalten in meiner Generation weit verbreitet ist, denn jeder von uns ist ja, seit er denken kann, mit all diesen unzähligen Möglichkeiten konfrontiert. Wir hatten schon immer 150 Kanäle im Fernsehen und später auch noch Millionen von Webseiten auf dem Computerbildschirm zur Auswahl. Wir mussten immer und immer wieder entscheiden, was wir uns näher ansehen und was wir ignorieren. Das heisst aber auch, dass für uns alles sehr viel offener ist. Eine Jugendstudie kam 2010 zum Schluss, dass meine Generation keinen vorgegebenen Lebensverlauf mehr hat, was zu einem erhöhten Bewährungsdruck und einem eng durchgetakteten Lebensstil führt.

Werte wie Heimat sind für meine Generation extrem wichtig

Früher war es das Privileg der Jugend, wenigstens eine Weile ziellos rumzuhängen. Geht das heute gar nicht mehr?

Ich gebe mir jetzt nach dem Abitur ein Jahr, um etwas Freiheit zu haben …

… und ein bisschen ziellos rumzuhängen?

Ähm … doch, ein bisschen auch das. Zeit mit Freunden und fürs Theater werde ich sicher haben, ich bin ein grosser Theaterfan. Ich gehe aber auch ins Ausland, Ende Juli halte ich zum Beispiel bei der National Speakers Association in Philadelphia meinen ersten Vortrag auf Englisch, was mich schon jetzt nervös macht. Und ich will ein paar Praktika machen und mich orientieren, wie es danach weitergehen soll. Vermutlich ein Studium, aber ich weiss noch nicht, was.

Das klingt nicht nach viel freier Zeit.

Schon, aber meine Eltern sind ein bisschen entsetzt, dass ich noch fast gar nichts konkret organisiert habe für dieses Jahr. Ich will das ein bisschen auf mich zukommen lassen. Und mal ehrlich: Ein paar Tage nur am See rumliegen ist doch auch ganz schön. Man kann sich allerdings schon fragen, ob es dieses Freiheitsprivileg der Jugend, wie man es sich so romantisch vorstellt, überhaupt noch gibt. Es fängt ja schon damit an, dass man früh viel lernen muss, um es ans Gymnasium zu schaffen, und dann weiterarbeiten, um sich dort zu halten und möglichst schnell was zu studieren.

Klingt ziemlich anstrengend, jung zu sein.

Irgendwie schon, zumindest, was den Teil der Verpflichtungen betrifft. Die Freiräume muss man sich bewusst schaffen. Da sind wir dann wieder bei der Effizienz, zu der wir fast schon gezwungen sind.

In Ihrem Buch schreiben Sie, der grösste Traum Ihrer Generation sei, dereinst ein Haus, einen Garten und einen Hund zu haben. Gilt das auch für Sie?

Auch da berufe ich mich auf existierende Studien. Das, was bei früheren Generationen als spiessig galt, ist heute der grosse Traum. Es geht um Heimat und um persönliche Bindungen — Werte, die für meine Generation enorm wichtig sind. Die Erklärung ist wohl, dass wir uns angesichts unserer vielen Möglichkeiten und Optionen nach einer Konstante im Leben sehnen, einem ruhenden Pol. Ob das auch für mich gilt, wird sich noch zeigen. Was ich mir für die nächsten Jahre wünsche, ist, weiter die Freiheit zu haben, mich mit den Dingen zu beschäftigen, die meine Augen zum Funkeln bringen.

www.philippriederle.de

Fotograf: Cira Moro