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07. April 2014

Jung und politisch engagiert

Das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative vom 9. Februar 2014 hat die Jugend für Politik sensibilisiert. Nun engagieren sich die Abstimmungsverlierer für eine offene Schweiz.

Demonstranten an der Kundgebung «Für eine solidarische und offene Schweiz»
Demonstranten an der Kundgebung «Für eine solidarische und offene Schweiz» am 1. März 2014 in Bern. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Das Resultat war knapp: 50,3 Prozent haben am 9.  Februar für die Masseneinwanderungs-Initiative gestimmt. Das Ja hat die Gegner auf die Strasse getrieben. Bereits in der Nacht nach der Abstimmung versammelten sich wütende Menschen: In Bern beteiligten sich rund 500 Aufgebrachte an einer per Facebook einberufenen Demo, auch die Zürcher und Luzerner trafen sich für spontane Märsche. Am 1. März kamen bei einer Kundgebung in Bern «für eine offene und solidarische Schweiz» etwa 12'000 Teilnehmer zusammen. Zwei Wochen später versammelten sich in Zürich 1500 Demonstranten zum «Massenwandern», darunter auffallend viele Junge.

Tatsache aber ist, dass viele dieser Jungen nicht abgestimmt haben: Wie die VOX-Analyse zur Abstimmung ergeben hat, gingen nur 17 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an die Urne. Diese Altersgruppe verwarf die Initiative zwar am klarsten, blieb der Urne gleichzeitig aber auch am häufigsten fern. Durch das Ja sind die scheinbar so abstimmungsfaulen Jungen in Bewegung gekommen: In den sozialen Medien ist die Abstimmung ein Dauerthema, der Hashtag #MEI, kurz für Masseneinwanderungs-Initiative, ist eines der meistgenutzten Stichworte. Auf der Website www.helpline-blocher.org zum Beispiel fordern Studenten Christoph Blocher dazu auf, ihnen bei ihrem gefährdeten Erasmus-Austausch zu helfen. Die jungen Abstimmungsverlierer gründen Projektgruppen und Diskussionsforen und wollen auch jene, die der Urne ferngeblieben sind, mit ihren Ideen politisch motivieren. So wie Jurist Stefan Schlegel (30), der die Operation Libero ins Leben gerufen hat, eine liberale Bewegung, die sich einen Neustart für die Schweiz wünscht. Oder der Grafiker Berni Stoller (32), der mit einem Team die Website www.ohnedich.ch auf die Beine gestellt hat, wo Schweizer ihren ausländischen Freunden Sympathie bekunden können.

Berni Stoller springt dynamisch über eine Parkbank.
Berni Stoller, selbständiger Grafiker, freut sich über die internationale Resonanz auf sein Portal Ohnedich.ch. (Bild: Ornella Cacace)

Berni Stoller – der Gutmütige

Als eine Art virtuelles Schulterklopfen kann man sich die Website www.ohnedich.ch vorstellen. Hier können Schweizer sagen, wie trist ihr Leben ohne ihre Ausländerfreunde wäre: «Ohne dich wärs recht extrem», «Ohne dich wär Spielen chli bünzlig» oder «Ohne dich wäre meine Welt nicht ganz» steht dort unter Schnappschüssen von Paaren, Sportclubs oder Kindergärtnern. Über 1400 Statements sind es insgesamt, seit dem 19. Februar ist die Site online. Entstanden ist sie dank Berni Stoller (32) und seinen Partnern Silvan Groher (39) und Ralph Moser (50). Der gelernte Schrift- und Reklamemaler Berni Stoller arbeitet seit 2007 als selbständiger Grafiker. Am Abend nach der Abstimmung sah er einen Fernsehbeitrag mit einer deutschen Hotelangestellten, die im Interview den Tränen nah war. Der Beitrag beschäftigte ihn, und er beschloss, ein Projekt zu starten, das die Situation der Ausländer in der Schweiz in ein gutes Licht rückt.

Ohnedich.ch
Auf Ohnedich.ch zeigen sich Schweizer mit ihren ausländischen Freunden.

Er schrieb seine Freunde Silvan und Ralph an, die sofort einwilligten mitzumachen. In einer Wochenendaktion stellten sie die Website «Ohne dich» auf die Beine. Die ersten zehn Beiträge kamen aus dem Freundeskreis, dann ging es schnell: Nach dem ersten Tag waren 70 Beiträge aufgeschaltet, zwei Tage später waren es bereits 700. «Mit so einem Ansturm haben wir nicht gerechnet», sagt Berni Stoller. Auch die internationale Resonanz war riesig: Mittlerweile haben sich Partner gemeldet, die das Konzept nach Schweden und Österreich bringen wollen. Medien aus Österreich, Frankreich und Deutschland brachten Beiträge.

Das ausländische Medieninteresse freut Berni Stoller am meisten: «Der negative Tenor über die Schweiz im Zuge der Initiativannahme wurde endlich aufgelockert.» Und auch das eine oder andere prominente Gesicht findet man auf der Homepage: Chris von Rohr posiert mit Krokus-Sänger Marc Storace aus Malta, der Schweizer Sofitel Hoteldirektor in Schanghai gibt Schauspiellegende Jacky Chan die Hand, und der Architekt der TV-Sendung «Happy Day», Andrin Schweizer, zeigt sich verliebt mit seinem deutschen Partner. Die Aktion «Ohne dich» will vor allem eines: der Schweiz ein Stück Fremdenfreundlichkeit zurückbringen.

Stefam Schlegel sitzt auf einer Parkbank.
Stefan Schlegel ist Mitglied der Operation Libero, einer liberalen Bewegung. (Bild: Ornella Cacace)

Stefan Schlegel – der Intellektuelle

Er spricht wie ein Politiker, will aber keiner sein. Das Thema Migration findet Stefan Schlegel (30) einfach «wahnsinnig interessant», und er fühlt sich verantwortlich dafür, neue Sichtweisen in die Politik zu bringen. Aktuell schreibt er seine Doktorarbeit im Migrationsrecht und arbeitet am Institut für öffentliches Recht der Universität Bern als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Seit fünf Jahren ist er der Migrationsexperte im Thinktank «foraus», dem unabhängigen Forum für Aussenpolitik. Nach der Abstimmung hat er die Operation Libero mitbegründet, eine Bewegung von intellektuellen, jungen Berufsleuten, die vom Schreibtisch aus frische, liberale Argumente für die Schweiz erarbeiten will. «Es ist absurd, aber es brauchte diese Abstimmung, um die Leute aufzurütteln, erst jetzt haben sie Tatendrang entwickelt», sagt Stefan Schlegel, der während seines Jus-Studiums ehrenamtlich Asylbewerber und Sans-Papiers rechtlich beraten hat.

Eine Parteimitgliedschaft kommt für ihn aber nicht in Frage. «Die Parteien sind alle in einem schlechten Zustand», findet er. Es brauche eine Bewegung von aussen, um die Personenfreizügigkeit und andere liberale Anliegen zu retten.

Er und rund 20 Gleichgesinnte treffen sich seit Februar regelmässig und wollen sich bald als Verein formieren. Ihr Ziel: Ein «Neustart für die Schweiz». Dafür wollen sie Medien, Politiker und Verbände mit «Rezepten für ein Chancenland Schweiz» herausfordern. «Es kann nicht sein, dass die Antwort auf alle schwierigen Fragen ist: mehr Repression, mehr Zäune», sagt Stefan Schlegel. Für die «Liberos» gilt: Die Schweizer stehen zwar früh auf, aber erwachen zu spät. Zu spät für neue Ideen ist es laut Stefan Schlegel aber noch lange nicht.

Dominique Enz hält ein Plakat in die Höhe, das zum Massenwandern auffordert.
Dominique Enz will «massenwandern» statt rassistische Parolen. (Bild: Ornella Cacace)

Dominique Enz – die Studentin

Die 22-Jährige ist Mitinitiantin der Demonstration «Massenwandern in Zürich». Und das, obwohl sich Dominique Enz vorher noch nie politisch engagiert hat. Erst durch die Abstimmung vom 9. Februar wurde sie wachgerüttelt. «Die Annahme der Initiative hat mich sehr getroffen», sagt die Germanistikstudentin, die in St. Gallen aufgewachsen ist und jetzt in Zürich lebt.

Nach der Annahme der Initiative wurde ihr klar: So geht es nicht weiter. «Die Initiative ist rassistisch und jenseits von Gut und Böse.» Die erste spontane Idee ging in Richtung Streik an der Uni. In der Diskussion mit Studierenden wurde ihr jedoch schnell klar, dass eine Mobilisation an der Uni im grösseren Ausmass schwierig ist. Tendenziell seien Studierende wenig politisiert. Die nächste Idee: den Begriff Dichtestress in einer Gruppenaktion auf die Schippe nehmen. Da aber die Abstimmung nicht nur Universitäten betrifft, entschied sie, eine breitere Öffentlichkeit zu suchen. Mit Studierenden und nichtparlamentarischen Organisationen stellte sie die Demonstration «Massenwandern in Zürich» auf die Beine.

Die Demo blieb friedlich, 1500 Menschen wanderten gegen die Diskriminierung von Ausländern. Was Dominique Enz freut: Viele Protestierende waren vorher noch nie für etwas auf die Strasse gegangen. Der Erfolg ihrer ersten politischen Aktion motiviert sie für neue Ideen. Aktuell schwebt ihr eine Wanderung mit Tausenden Menschen ins Toggenburg vor. «Damit die ländlichen Gegenden auch mal ein Gefühl von Dichtestress bekommen.»

An der Demonstration «Massenwandern in Zürich» machten junge Leute ihrem Ärger Luft

Klicken Sie sich durch die Slideshow und erfahren Sie die Meinungen von jungen Demonstrations-Teilnehmern. (Bilder: Keystone/Alessandro Della Bella)

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Ornella Cacace