Archiv
26. Oktober 2015

Jung, fremd, allein: Minderjährige Flüchtlinge in der Schweiz

Jade, Abdulali, Yumis und Aziz sind ohne ihre Familien in die Schweiz geflüchtet – wie Hunderte andere minderjährige Asylsuchende. Ihre Zahl steigt markant. Die Asylzentren sind überfordert, es fehlt an Plätzen.

Die Kongolesin Jade ist via Angola und Paris in die Schweiz ge­kommen, wo eine Tante von ihr lebt.
Die Kongolesin Jade ist via Angola und Paris in die Schweiz ge­kommen, wo eine Tante von ihr lebt.

Jade schaut aus dem Fenster, ohne die schöne Aussicht auf den Genfersee wahrzunehmen. «Man hat mir gesagt, dass die Leute hier in Lausanne für diesen Blick viel Geld bezahlen. Aber ich liebe Schuhe und habe meine fünf oder sechs Paar auf das Fensterbrett gestellt. So lüften sie aus, und ich kann sie gut sehen.» Die 16-Jährige lacht laut heraus. Sie hat ein Einzelzimmer im Asylheim Chablais in Lausanne VD, ein seltenes Privileg für unbegleitete Minderjährige, die illegal in die Schweiz gekommen sind.

Jade kommt aus dem Kongo. «Dort lebte ich mit meinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern in einem Dorf. Mein Vater blieb dort, als meine Mutter mit meinen Geschwistern und mir in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Angola ging.» Die Mutter schickte sie dann weiter zu einer Bekannten in Paris, allein. «Doch ich blieb nur ein paar Monate: Da ich illegal dort war, durfte ich nicht einmal die Wohnung verlassen.»

So reiste sie am 12. April weiter in die Schweiz zu einer Tante im Waadtland. «Ich hatte sie nie zuvor gesehen, aber wir lernen uns gerade besser kennen.» Sie reichte auch das Asylgesuch für Jade ein. «Hier läuft alles ganz gut, wenn ich lustig drauf bin. Ich darf nur nicht zu viel nachdenken. Ich bekomme kaum Nachrichten von meiner Familie, das nervt mich.»

Die Kinder sind oft traumatisiert

Jade weiss um ihre unsichere Situation. Ihre Zukunft ist ein einziges grosses Fragezeichen. «Ich lebe von Tag zu Tag. Wenn es mir mal nicht so gut geht, esse ich Kekse, auch wenn ich weiss, dass ich auf meine Linie achtgeben muss», sagt sie und lacht.

Jade ist eine von vielen unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden in der Schweiz. Ihre Zahl ist in den letzten zwei Jahren stark angestiegen. «Früher waren es noch 20 pro Jahr, inzwischen sind es 130», sagt Ruedi Fahrni (53), Asyl- und Flüchtlingskoordinator des Kantons Luzern. «Manchmal kommen sechs gleichzeitig an einem Tag.» Zudem werden sie immer jünger. In den letzten acht Wochen kamen fünf Elf- und zwei Zwölfjährige in Luzern an, eines der Mädchen aus dem fernen Afghanistan.

Bisher waren die Kinder und Jugendlichen in einem normalen Asylzentrum untergebracht, in einem eigenen Stockwerk, abgeschirmt von den Erwachsenen. «Im November eröffnen wir nun aber in der Agglomeration Luzern ein eigenes Zentrum, speziell für unbegleitete Jugendliche», sagt Fahrni. Sie brauchen eine besondere Betreuung mit sozialpädagogisch ausgebildetem Personal. «Die Kinder haben Heimweh, sind oft traumatisiert. Viele reden nicht über ihre Erlebnisse. Man darf sich gar nicht vorstellen, was sie unterwegs alles erlebt haben.»

«Die Flüchtlinge werden immer jünger», sagt Asyl- und Flüchtlingskoordinator Ruedi Fahrni.

Längerfristig werden Pflegefamilien für die Kinder gesucht – doch von denen gibt es längst nicht genug (siehe Interview, Seite 19). Manchmal werden Kinder in die Obhut einer Frau mit der gleichen Herkunft gegeben. Auch anderswo in der Schweiz sorgen die vielen Flüchtlinge für Platzprobleme. Allein im August kamen insgesamt 244 unbegleitete minderjährige Jugendliche an, sechsmal mehr als noch zu Jahresbeginn. Zwischen Januar und August kamen 1233 gegenüber 794 im Vorjahr und 337 im Jahr 2013. Drei Viertel von ihnen sind männlich.

Abdulali will seiner Familie helfen

Einer von ihnen ist der Afghane Abdulali (17). Von seiner Geburtsstadt Kabul reiste er zunächst mit seinen Eltern und zwei Brüdern in den Iran. «Mein dritter Bruder ist in Afghanistan geblieben, es war zu schwer für ihn, unser Land zu verlassen.» Sein Vater arbeitete bis zu einer schweren Rückenverletzung als Schreiner, danach konnte er kein Geld mehr nach Hause bringen.

Der Afghane Abdulali wünscht sich ein besseres Leben in Europa. Er hofft, eine Lehre anfangen zu können.f
Der Afghane Abdulali wünscht sich ein besseres Leben in Europa. Er hofft, eine Lehre anfangen zu können.

Abdulali wollte seiner Familie helfen und ging in die Türkei, um dort als Schweisser zu arbeiten. «Wir waren mehrere Jugendliche, die Arbeit war hart, vor allem auch, weil wir kein Türkisch sprachen», erzählt er.

Wie viele Jugendliche im Asylheim Chablais in Lausanne schwankt er zwischen der überschäumenden Energie eines Jugendlichen und einer Art Überdruss – vielleicht ist es auch Angst. Am 7. Dezember 2014 kam er in der Schweiz an, dieses Datum wird er nie vergessen. Er erhielt einen F-Ausweis, eine vorläufige Aufnahme, die nur bis zu seinem 18. Lebensjahr gilt. Wenn er Glück hat und sich integriert, kann dieser Ausweis verlängert werden.

Abdulali spricht bereits recht gut Französisch. «In der Türkei sagte mir ein Freund, dass man in Westeuropa etwas mehr Geld verdient. Von der Schweiz hatte ich noch nie gehört. Als ich mit einem Freund in Österreich ankam, erzählte man mir von Zürich. Ich versuchte mein Glück und kam alleine her, nach Vallorbe.»

Im überfüllten Empfangs- und Verfahrenszentrum verbrachte er zwei «sehr schwere» Wochen inmitten von Erwachsenen und Familien. Auch das Heim Chablais ist übervoll. «Aber es geht schon», sagt Abdulali. «Die Leute sind nett, und ich habe viele gleichaltrige Freunde gefunden, vor allem einen Eritreer und einen Afghanen, mit denen ich zum Französischkurs gehe.» Was die Zukunft bringt? Abdulali würde gerne Schreiner werden, wie sein Vater. «Vielleicht kann ich nächstes Jahr eine Lehre anfangen.»

Auch der Somalier Yumis hofft auf ein besseres Leben in der Schweiz. Er ist am 1. August hier angekommen.

Auch Yumis (15) lebt in einem Asylheim in Lausanne. «Ich wollte ein anderes, besseres Leben», murmelt er auf Englisch. Seine Eltern und die sieben Geschwister sind noch immer in Somalia. Über seine anstrengende Reise will er nicht viel sagen. «Ich bin über Italien gekommen, wo ich einige Zeit geblieben bin. Und am 1. August bin ich in Vallorbe angekommen», sagt er nur. Am 1. August – vielleicht ein Zeichen. Nun ist er im Asylheim Chasseron, einem ehemaligen besetzten Haus, das auf den Abriss wartet und in der Not als Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge dient.

Yumis will einen Beruf erlernen, weiss aber noch nicht genau, welchen. «Ich weiss nur, dass ich hier leben will. Und ich möchte, dass meine Familie herkommt.» Wie viele ist er in Lausanne bei der Bildungsanstalt für schulische und berufliche Integration eingeschrieben. Aber auch dort sind die freien Plätze begrenzt.

Die Schweiz hat 1997 die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet, was sie zum Schutz, zur Betreuung und Förderung von Kindern verpflichtet – das gilt auch für Flüchtlingskinder und erfordert daher besondere Massnahmen.

Einige Regionen tun zu wenig

So müssen sie etwa eine Schule besuchen können und mit einer angemessenen erzieherischen Betreuung getrennt von den Erwachsenen untergebracht werden. Genf zum Beispiel hat ihnen einen Flügel seines Zentrums Saconnex reserviert, der heute mit 110 Minderjährigen – gegenüber 40 im Frühling – komplett voll ist.

Auch sonst platzen viele Unterkünfte aus allen Nähten, und laut dem UN-Kinderrechtsausschuss unternehmen manche Regionen zu wenig für eine angemessene Unterbringung. «Das Heim Chasseron hatte kaum geöffnet, da war es auch schon voll», sagt Evi Kassimidis, Sprecherin der Waadtländer Empfangstelle für Migrantinnen und Migranten.

Auch im Wallis ist die Lage nicht besser. Dort beherbergt das Zentrum Le Rados in Sitten 42 Jugendliche intern, während 11 weitere extern in Einzimmerappartements in der Nähe untergebracht sind. «Nächste Woche kommen drei Neuzugänge, damit wären wir dann an der Grenze unserer Kapazitäten», sagt Aline Berthod, Leiterin des Zentrums.

Zentrumsleiterin Aline Berthod warnt, dass die Kapazitäten bald ausgeschöpft sind.

Trotz der stetig wachsenden Arbeitslast unternehmen die 32-Jährige und ihr Team alles, um die Jugendlichen bestmöglich zu betreuen. «Wir haben wirklich Glück, ein Gebäude ganz für uns zu haben.» Insbesondere liege ihr eine entspannte Stimmung am Herzen. «Viele Jugendliche kommen nach monatelangem Herumirren zu uns, da möchten wir uns so gut wie möglich um sie kümmern können.»

Das geschehe vor allem durch den Fokus auf Sprache und Ausbildung – «dank eines klaren politischen Willens, der uns die Mittel dazu verschafft». So kann das zehnköpfige Betreuerteam, das von mehreren Praktikanten, Zivildienstleistenden und Küchenhilfen ausländischer Gemeinschaften unterstützt wird, einen minderjährigen Flüchtling bis zum Ausbildungsende begleiten und nicht nur bis zur Volljährigkeit.


Einer von Berthods Schützlingen ist der 14-jährige Aziz, ein grosser Fussballfan. «In Syrien spielte ich aber nur mit Freunden, nicht in einer Mannschaft.» Da einer der Betreuer ein ehemaliger Spieler des FC Sion und Sitten die Fussballhauptstadt der Westschweiz ist, kann Aziz mit anderen Bewohnern des Zentrums Le Rados in Bramois trainieren. «Ich konnte sogar Sion im Stade de Tourbillon spielen sehen. Vielleicht erlebe ich dort auch das Spiel gegen Liverpool am 10. Dezember», fügt Aziz enthusiastisch an.

Der Syrer Aziz ist ein grosser Fussballfan. Er will keine Details über seine Reise in die Schweiz preisgeben.

Bilder nur aus dem Fernsehen

Spricht dieser Jugendliche, der noch so viel Kindliches an sich hat, nicht von Fussball, ist er auf der Hut. Ob wir ein Foto machen dürfen? Nur, wenn man sein Gesicht nicht sieht. Auch bei seinen Erzählungen ist er zurückhaltend, was mehr als verständlich ist. Eine zerrüttete Kindheit und die Konfrontation mit Dingen, mit denen kein Kind konfrontiert sein sollte, prägen all die Geschichten dieser Jugendlichen.

Aziz ist vor einem Jahr ins Wallis gekommen. Zusammen mit seiner Familie hatte er Syrien verlassen, um nach Libyen zu gehen. «Einer meiner Brüder ist in Deutschland. Die anderen sind noch immer in Libyen.» Ihnen gehe es gut, Aziz hat dank Internet häufig Kontakt mit ihnen.

Er selbst wollte in die Schweiz kommen, von der er Bilder im Fernsehen gesehen hatte. «Vor allem von Genf und Bern», sagt Aziz. Er reiste mit einem Bekannten seines Vaters, dem er anvertraut worden war. «Wir sind in Altstätten angekommen, dort waren sehr viele Menschen, sehr viel Lärm. Hier ist es viel besser.»

Autor: Pierre Léderrey, Andrea Freiermuth, Peter Aeschlimann

Fotograf: Christophe Chammartin