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31. August 2015

Jugo, na und?

Autor Bänz Friedli
Autor Bänz Friedli (50).

Er nannte sich Tschingg. «Tschingg is beautiful», schrieb er mit Kugelschreiber auf das Etui, in dem er Schreibstifte, Lineal und Taschenrechner aufbewahrte. Und hat er sich die Losung nicht sogar mal für einen Schulsporttag auf ein Shirt gemalt? «Tschinggen» wurden italienische Einwanderer zu meiner Schulzeit abschätzig genannt, ein Nationalrat namens Schwarzenbach startete ihretwegen gar sogenannte Überfremdungsinitiativen – nur schon das Wort mutet heute absurd an, «Überfremdung». Etwa so absurd, wie sich in dreissig, vierzig Jahren die Parole von der angeblichen «Masseneinwanderung» anhören wird.

Unser Tschingg, der Fabrizio, machte sich den Schimpf zu eigen und deutete ihn um: Seht her, ich bin stolz, italienischer Herkunft zu sein! Bald war er für uns alle «der Tschingg», dabei hätte eigentlich nur er das Wort gebrauchen dürfen, denn nur Betroffene sollten solcherlei Trotzwörter verwenden: Pirat, Gangster, Nigger, Tschingg. Von Geusenwörtern reden Sprachforscher, wenn Betroffene eine ursprüngliche Beschimpfung positiv ummünzen. US-Präsident Barack Obama sprach das berühmteste Geusenwort unlängst aus: Nigger. «Wir sind nicht geheilt vom Rassismus», sagte er in einem Radiointerview, «es geht nicht nur darum, dass es nicht anständig ist, öffentlich ‹Nigger› zu sagen. Das ist kein Gradmesser dafür, ob Rassismus noch immer existiere oder nicht.» Obama durfte das, ein blasshäutiger Präsident hätte ob der einmaligen Verwendung des N-Worts womöglich seinen Sessel räumen müssen. So heikel ist das in Amerika.
Aber unser Tschingg blieb der Tschingg. Als er Jahrzehnte später mal anrief, um mir zu eröffnen, er sei Vater geworden, und ich beim Abendessen beiläufig zu meiner Frau sagte: «Der Tschingg hat angerufen …», entfuhr es beiden Kindern im Chor: «Vati! ‹Tschingg› sagt man nicht!»

Bänz Friedli (50) über die Silbe -ić
Bänz Friedli (50) über die Silbe -ić..

Unser Tschingg fiel mir ein, als der Bündner Rapper Milchmaa (Bild links) vor einiger Zeit ein Shirt mit nichts als «-ić» bedruckte, der Silbe, die schon ausreicht, damit einer keine Lehrstelle findet, weil sie ihn zum «Jugo» stempelt. Milchmaa ist serbischer Abstammung und trägt das -ić-Shirt, wenn er nicht gerade eines von Roter Stern Belgrad trägt, gern an seinen Auftritten. Die -ićs, bedeutet er uns cool, sind hier aufgewachsen, sie gehören dazu – da kann der Fussballnationalspieler Stephan Lichtsteiner noch lang von «richtigen» und «anderen Schweizern» reden. Und weil einer, der «straight outta Rhiquartier» kommt, mitten aus dem Churer Arbeiterviertel, hierzulande mit seinen Reimen nicht zum Millionär wird, geht Milchmaa einem bürgerlichen Beruf nach. Er ist Gymnasiallehrer.
Ob er schon mal im -ić-Shirt im Schulzimmer erschienen ist, weiss ich nicht.

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