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23. Januar 2012

Wer leistet Freiwilligenarbeit?

Sind Jugendliche, die unentgeltliche Freiwilligenarbeit leisten, in der Minderheit? Oder hängt die Bereitschaft stärker vom Bildungsstand oder vom Wohnort ab? Die Statistik des Bundes offenbart mitunter Überraschungen.

Sinja Clavadetscher kümmert sich in der Freizeit um Denise Bolliger.

Weil sie beruflich und privat stark eingespannt sind, würde man gemeinhin erwarten, dass Menschen im mittleren Alter, mit besserer Ausbildung oder mit Familie weit weniger Freiwilligenarbeit leisten würden. Schliesslich sind sie im Alltag stärker eingespannt und haben weniger Zeit. Dem ist jedoch nicht so – im Gegenteil.
Auch wer denkt, dass unbezahlte Arbeit im Privaten, in Vereinen und anderen Organisationen schweizweit in ähnlichem Umfang geleistet werde, der irrt: Die Unterschiede sind gross, nicht nur zwischen Stadt und Land.
migrosmagazin.ch verrät die auffälligsten Zahlen aus einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik zur Freiwilligenarbeit in der Schweiz im Jahr 2010:

JUNGE MACHEN MIT
Die im Migros-Magazin vom 23. Januar 2012 vorgestellten Jungen, die sich sozial engagieren, machen gesellschaftlich keine verschwindend kleine Minderheit aus. Fast 29% der 15- bis 24-Jährigen betätigen sich bereits in informeller (vorab im familiären oder Freundeskreis) oder institutionalisierter (Vereine, Organisationen) Freiwilligenarbeit. An der Spitze liegen in der Statistik zwar erwartungsgemäss die frisch Pensionierten (65 bis 74 Jahre) - mit einem genau 10% höheren Anteil an Personen, die unbezahlte Arbeit leisten. Doch nur unwesentlich hinterher hinkt als zweitaktivste Altersgruppe jene im mittleren Alter, und bis auf die Über-75-Jahrigen fällt keine Altersschicht klar ab.
15 bis 24 Jahre   28,8%
25 bis 39 Jahre   31,8%
40 bis 54 Jahre   36,9%
55 bis 64 Jahre   36,7%
65 bis 74 Jahre   38,8%
75 Jahre & älter   17,4%
Der Unterschied beim Freiwilligen-Anteil zwischen den Geschlechtern ist übrigens gering, die Frauen liegen mit 33,5% gegenüber 32,2% bei den Männern leicht voran. Markant ist hier wie nirgends sonst der Unterschied zwischen der informellen und der institutionalisierten unbezahlten Arbeit: Frauen dominieren bei ersterer mit 22,7% gegenüber 13,9%, fast umgekehrt liegen die Männer bei Einsätzen für Institutionen mit 23,0% gegenüber 16,9% im Vorsprung.

DIE ZENTRALSCHWEIZ KLAR VORAUS
Die Differenzen zwischen Stadt und Land sind sogar noch geringer als jene zwischen den Altersgruppen. Erreichen Bewohner von ländlichen Regionen einen Anteil von 35,5%, so bleiben jene in den Agglomerationsgürteln mit 33,7% nicht wesentlich zurück, und auch die Städter halten mit 29,2% besser mit als erwartet.
Erstaunlich bedeutend fallen dafür die Unterschiede zwischen den Landesteilen und Sprachregionen aus. In der Deutschschweiz ist Freiwilligenarbeit mit 35,5% durchschnittlich 9% mehr verbreitet als in der Romandie und im Tessin (und rätoromanisch sprechenden Gebieten). Teilt man in sieben Grossregionen auf, werden die Abstände noch eklatanter:

Genferseeregion   26,6% (VD, VS, GE)
Espace Mittelland   34,3% (BE, FR, SO, NE, JU)
Nordwestschweiz   34,9% (BS, BL, AG)
Zürich   32,5%
Ostschweiz   35,9% (GL, SH, AI/R, SG, GR, TG)
Zentralschweiz   38,7% (LU, UR, SZ, OW, NW, ZG)
Tessin   24,5%

FACH- UND FÜHRUNGSKRÄFTE SEHR AKTIV
Ebenfalls nicht selbstverständlich, dass Menschen mit hohem Bildungsstand oder spezialisierten Berufen und auch solche in leitenden beruflichen Positionen weit häufiger freiwillig (und unbezahlt) tätig sind als Handwerker oder Hilfsarbeitskräfte. Ganz obenaus schwingen Ausgebildete in der Landwirtschaft. Bei den Berufsgruppen erreicht der maximale Unterschied über 20%!
Führungskräfte   37,4%
Wissenschaftler   41,9%
Techniker   40,1% (und nichttechnische Berufe in ähnlichem Rang)
Bürokräfte   33,8% (zum Beispiel KV)
Verkäufer & Co.   28,8% (alle klassischen Dienstleistungsberufe)
Bauern & Co.   44,5% (Fachkräfte in Landwirtschaft, einschliesslich Fischerei)
Handwerker   27,7% (und verwandte Berufe)
Hilfsarbeitskräfte   24,1%
Nie berufstätig   26,3% (oder sonst keine Angaben)

FAMILIEN UND IHRE INTERESSEN
Analysiert man den Anteil für Freiwilligenarbeit gemäss dem Single-, Paar- oder familiären Status, zeigt sich, dass (ähnlich wie bei den Berufsgruppen) die Interessen für die Gemeinschaft stärker ins Gewicht fallen als etwa die verfügbare Freizeit. Gerade Paare mit kleinen Kindern engagieren sich eher mit unbezahlter Arbeit, kinderlose Paare liegen rund 4% zurück, Singles doch bereits 8%.
Alleinlebende   29,1%
Paare in Zweipersonen-Haushalt   33,1%
Paare mit Kindern (bis 14 Jahre)   37,0%
Paare in anderer Situation   36,2%
Alleinerziehende (Kind bis 14 Jahre)   32,5%
Bei Eltern Lebende (bis 24 Jahre)   29,4%
Andere Situation   30,7%

WEITERE FACTS

Rückgang: In den 10 Jahren, in denen die Zahlen mit derselben Methode erhoben wurden, ging der Anteil von Personen, die Freiwilligenarbeit leisten, an der Gesamtbevölkerung um praktisch 8% zurück - von 40,8% im Jahr 2000 auf 32,9% 2010.

Hohe Stundenanzahl: Die unbezahlte Arbeit von im institutionalisierten Rahmen Aktiven belief sich 2010 auf durchschnittlich 13,7 Stunden pro Monat. Im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung bedeutet dies 2,6 Stunden. Für die informelle Freiwilligenarbeit sind die Aufwände mit 15,5 respektive 2,7 Stunden noch etwas höher.

Quelle und weitere Statistiken: Bundesamtes für Statistik BfS

Autor: Reto Meisser