Archiv
27. Januar 2014

Jugendliche und Sex: «Wir müssen nicht auf Panik machen»

Teenager gehen heute äusserst frei mit dem Thema Sex um. Trotzdem hat Treue bei ihnen einen hohen Stellenwert, sagt Jugendpsychologe Urs Kiener.

Urs Kiener (55) ist Jugendpsychologe bei Pro Juventute.
Urs Kiener (55) ist Jugendpsychologe bei Pro Juventute. (Bild: zVg.)
Teenager & Sex
Teenager & Sex

DIE JUGEND UND IHR SEX
Mehr zum Thema:
Befinden sich Jugendliche heute wirklich im Sexstress? Das Internet erleichtert Jugendlichen zwar den Zugang zu sexuellen Inhalten, ihr Verhalten veränderte sich laut Studien aber nicht wesentlich. Die Zahlen und Fakten. Zum Artikel

Urs Kiener, aktuelle Zahlen des Bundesamts für Gesundheit zeigen: Die Jugendlichen haben bedeutend mehr Sex, haben mehr verschiedene Partner und gehen häufiger ins Bordell. Eine erschreckende Entwicklung?

Es ist die erste Generation, welche die sexuelle Freiheit wirklich auch leben kann. Es ist eine Entwicklung, die wir als Sachverhalt so hinnehmen müssen. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben Staat und Kirche das Sexualleben kontrolliert und gesteuert. Das letzte Konkubinatsverbot in der Schweiz wurde beispielsweise erst 1995 aufgehoben. Es herrschen liberalere Moralvorstellungen, daran müssen wir uns gewöhnen.

Ist die Jugend nicht in Gefahr?

Wir müssen die Situation ernst nehmen und gut damit umgehen – jedoch nicht auf Panik machen. Unsere Aufgabe ist es, die Jugendlichen darauf hinzuführen, mit ihren Optionen gut umzugehen. Und dass sie eine gute Wahl treffen können.

Eine dieser Optionen ist, für den Sex zu bezahlen. Junge Männer tun das viel häufiger als noch vor ein paar Jahren.

Als Teenager experimentiert man und sammelt Erfahrungen. Letztlich muss ein Bordellbesuch zumindest für den Jugendlichen selbst noch nichts Erschreckendes sein. Ein Risiko besteht allerdings, wenn es zu einer Abhängigkeit kommt. Käuflicher Sex ist teuer, man gerät schnell in die Schuldenfalle. Gefährlich ist auch, wenn man die Illusion hat, der bezahlte Sex sei Liebe oder ersetze eine Beziehung. Heute sprechen die Jungs eher darüber, wenn sie eine Prostituierte besucht haben – durch die Enttabuisierung ist sicher auch der massive Anstieg zu einem Teil zu erklären.

Es herrschen liberalere Moralvorstellungen, daran müssen wir uns gewöhnen.

Sex wird mehr und mehr zu einem Konsumgut – gefühllos und ohne Liebe.

Statt Emotionen kann Sex heute auch Konsum bedeuten, das ist ein Fakt. Sex war schon immer käuflich, heute ist er aber einfacher erhältlich. Die Gleichstellung von Sex und Liebe ist eine alte Moralvorstellung. Liebe ist etwas ganz anderes. Man muss dies auseinanderhalten. Ein Problem gibt es, wenn jemand Verliebtheit vortäuscht, um zu Sex zu kommen. Es kommt immer wieder vor, dass nicht beide das Gleiche suchen. Das Mädchen möchte Verlässlichkeit und Nähe, der Junge ist eher hormonell gesteuert und will oft Körperliches.

Das tönt nach altbewährtem Rollenbild – das Mädchen will Gefühle, dem Jungen geht es um Sex. Sind Teenager altmodisch?

Die heutigen Jugendlichen leben häufig ein recht konservatives Rollenbild. In den 70er- bis 90er-Jahren haben junge Menschen liberalere Beziehungen gelebt. Eine klassische Rollenverteilung gibt der jungen Generation Sicherheit und Halt. Denn die totale Freiheit der sexuellen Revolution hat nicht primär glücklich gemacht, sondern eher orientierungslos.

Teenager haben mehr und mehr unterschiedliche Partner, verschwinden traditionelle Werte wie sexuelle Treue langsam?

Nein, Treue hat heute sogar mehr Wert als noch vor 20 Jahren. Die Jugendlichen wechseln zwar ihre Partner schneller als früher, sind sie in einer Beziehung, bleiben sie jedoch sehr treu. Man spricht dabei von serieller Monogamie. Kürzlich habe ich einen 19-Jährigen aus meinem Bekanntenkreis gefragt, ob er eine feste Freundin habe. Seine Antwort: «immer wieder». Das ist bezeichnend. Wenn eine Beziehung, dann richtig und fest – aber häufig wechselnd.

Welche sind die wichtigen Werte der Jugendlichen?

Geborgenheit, Nähe, Verlässlichkeit. Für viele Teenager gibt es nichts Schlimmeres, als allein zu sein, und es ist etwas vom Wichtigsten, nicht abgelehnt zu werden. Das kann für die Teenager in der digitalen Welt fatal sein. Dort wird man ständig bewertet.

Heute sprechen die Jungs eher darüber, wenn sie eine Prostituierte besucht haben.

Der Gruppendruck nimmt mit den Möglichkeiten der digitalen Welt laufend zu – haben Junge heute mehr Sex, als sie eigentlich wollen?

Das kommt sehr auf die Peergroup an. Diese ist ja oft nicht freiwillig gewählt, sie ist abhängig vom Wohnort, der Schule, dem sozialen Milieu. Hier herrschen eigene Gesetzmässigkeiten und Hierarchien. Da kann es sein, dass sexuelle Erfahrungen den Teenager in der Rangliste nach oben bringen. Sexuell attraktiv zu sein, ist aber nicht immer ein positiver Wert.

Inwiefern?

Wir beobachten das oft in den Fällen von Sexting, dem Verbreiten von intimen Fotos. Jungs sammeln diese Bilder wie Trophäen. Je mehr sie davon haben, desto besser ihr Image. Bei Mädchen geschieht das Gegenteil. Macht ein Bild eines Mädchens die Runde, wird es von seinen Freundinnen oft ausgeschlossen und als Schlampe bezeichnet.

Sind die Jugendlichen in Sachen Sex heute permanent unter Druck?

Wie gesagt: Das hängt vom Umfeld ab. Wenn man sich nur mit sexy Aussehen und sexueller Aktivität profilieren kann, dann ist es schwierig, diesem Druck auszuweichen. Es ist auch ein Problem der sozialen Zugehörigkeit: In gewissen Schichten haben Teenager nur das Körperliche, um sich zu profilieren. Man muss sich aktiv darum bemühen, um anderweitig Selbstsicherheit und Bestätigung zu finden – etwa im Sport, mit einem Musikinstrument, in einer Band, beim Tanzen.

Was hat sich bei den Teenagern in den vergangenen Jahren in Sachen Sex verändert?

Sie getrauen sich heute eher zu fragen und sprechen darüber. Sie fragen heute nicht nur bloss den gleichaltrigen Kollegen, der ebenso wenig eine Ahnung hat. Die Hemmschwelle ist sehr niedrig, etwa das Beratungstelefon 147 anzurufen. Sie sind offen, fragen nach konkreten Dingen. Die Problemfelder haben sich über die Jahre nicht wesentlich verändert. Beziehungen, Freundschaft, Verliebtheit, Sehnsucht und das Ende einer Beziehung, die erste Liebe, die Angst vor dem ersten Mal – das sind Dauerbrenner. Neu ist, wie diese gefüllt werden, etwa mit den neuen Medien.

Muss man sich um die Jugendlichen keine Sorgen machen?

Teenager sind risikobereiter und haben weniger Sicherheitsgedanken. Sie sind offener, neugieriger und lassen sich schneller auf etwas Neues ein. Das birgt Gefahren. Und gleichzeitig müssen die Teenager in der Phase des Erwachsenwerdens experimentieren können, um sich selbst zu finden und sich vom Elternhaus loszulösen. Sie brauchen die Erfahrungen, um in die Welt hinausgehen zu können. Es ist wichtig, dass sie sexuelle Kompetenz entwickeln.

Wie kann man die Teenager schützen?

Die Jugendlichen sind sehr sensitiv. Man muss ihnen aufzeigen, dass nicht nur Sex und Schönheit wichtige Werte sind, dass auch andere Dinge eine Person attraktiv machen.

Welche Entwicklung in Sachen Sexualität prognostizieren Sie für die Teenager?

Ich bin optimistisch und denke, dass der Umgang mit Sexualität unkomplizierter wird, weniger Stress verursacht und dass die Verkrampftheit zwischen den Generationen abnimmt.

Autor: Claudia Langenegger