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24. August 2015

Jugendliche und Alkohol: wenn, dann richtig

Der Alkoholkonsum in der Schweiz geht stetig zurück. Junge Menschen trinken sich jedoch immer häufiger in einen Rauschzustand. Wie lässt sich dem entgegenwirken? Stimmen Sie jetzt ab!

Teenager beim Trinken
Schweizer Jugendliche trinken sich immer öfter in einen Rauschzustand. (Bild: Keystone)

Die gute Nachricht zuerst: Schweizer konsumieren immer weniger Alkohol. 8,1 Liter reiner Alkohol pro Kopf waren es im letzten Jahr. Das zeigen die neusten Erhebungen der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (EAV). Dieser Tiefststand wurde mit 8 Litern zuletzt 1949 unterboten. Die schlechte Nachricht: Jugendliche ab 15 Jahren betrinken sich vermehrt.

Für Irene Abderhalden, Direktorin der Stiftung Sucht Schweiz, ist klar, warum: Alkohol ist in der Schweiz viel zu billig und rund um die Uhr erhältlich. Studien zeigen: Je teurer Alkoholika sind, desto weniger werden sie von Jungen konsumiert. Kommt dazu, dass Schweizer Jugendliche einfach an Getränke kommen, die sie noch nicht kaufen dürfen. Bei Testkäufen der EAV konnten sechs von zehn Jugendlichen unter 18 Jahren verbotenerweise Spirituosen kaufen – ein Viertel mehr als im Jahr zuvor. Allerdings fanden die Testkäufe neu in den Abendstunden und in Lokalen wie Bars und Restaurants statt, während die Stichproben bis anhin eher tagsüber und an Tankstellen gemacht worden waren. Die neue Erhebungsart könnte mit ein Grund für die höhere Zahl an Verkäufen sein.

Für Irene Abderhalden sind die Testkäufe eine Erfolgsgeschichte, zumal etwa die illegalen Verkäufe in Tankstellenshops zurückgegangen sind, seit man diese kontrolliert. Sorgen macht ihr aber das neue Alkoholgesetz, das gerade im Parlament behandelt wird. Im Interview sagt sie: «Ich fürchte, dass es ein Absatzfördergesetz wird, das die Prävention ausklammert.»

Irene Abderhalden (43)
Irene Abderhalden (43) ist Direktorin der Stiftung Sucht Schweiz.

EXPERTENINTERVIEW

«Je teurer der Alkohol, desto weniger trinken junge Menschen»

Irene Abderhalden, die letzten Testkäufe der Alkoholverwaltung zeigen, dass Minderjährige ohne Probleme Alkohol kaufen können, den sie noch nicht konsumieren dürfen. Was läuft falsch?
Eigentlich lassen mich die Testkäufe hoffen. Seit man beispielsweise die Tankstellen vermehrt kontrolliert, sind die illegalen Verkäufe dort stark zurückgegangen. Das Gleiche könnte man in Bars und den anderen Lokalen erreichen, die man neu abends testet. Deshalb müssen nun auch diese Angestellten verstärkt sensibilisiert werden.

Kann es wirklich sein, dass Barkeeper die gesetzlichen Altersgrenzen für Alkoholika nicht kennen?
Das glaube ich nicht, aber vielleicht gehen die Kontrollen unter. In gewissen Clubs rechnet man schon mal nicht mit Gästen unter 18 Jahren, weil die eigentlich gar nicht rein dürften. Dann ist es in vielen Ausgehlokalen laut und dunkel, die Kommunikation ist schwierig, die Ausweise sind schlecht lesbar. Und alles muss schnell gehen. Ein Barkeeper ist dann rasch überfordert. Besonders, wenn er selber jung ist und der Gast Druck macht.

Immerhin, der Durchschnittsschweizer konsumiert mit jedem Jahr weniger Alkohol.
Genau, und zwar hauptsächlich, weil Männer immer weniger täglich trinken, insbesondere weniger Wein. Der Rückgang betrifft die Jungen also nicht, sie konsumieren Bier und Spirituosen.

Wie sieht es denn bei den Jugendlichen aus?
Die ganz Jungen zwischen 11 und 15 Jahren trinken wesentlich weniger als früher. Seit 2010 hat sich ihr Konsum praktisch halbiert. Das zeigen anonyme, verlässliche Schülerbefragungen. Vielleicht färbt das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Erwachsenen auf sie ab. Bei den Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren ist der Konsum aber leicht gestiegen – sie trinken sich öfter in einen Rauschzustand.

Wie lässt sich das verhindern?
Indem man Alkohol verteuert. Wenn ein Rausch zum Preis eines Sandwiches zu haben ist, ist der Alkohol viel zu billig. Jugendliche und
junge Erwachsene sind für tiefe Preise sehr empfänglich, weil sie noch ein kleines Budget haben. Man weiss: Je teurer der Alkohol, desto weniger trinken junge Menschen. Deshalb sind wir von Sucht Schweiz enttäuscht von der Entwicklung des neuen Alkoholgesetzes, welches das Parlament zurzeit behandelt.

Was ist daran nicht gut?
Es sieht keinen Mindestpreis für Alkoholika vor, wie es ursprünglich geplant war. Stattdessen sollen einheimische Alkoholikaproduzenten steuerlich entlastet werden. Es wird also eher ein Förder- statt ein Präventionsgesetz. Als fast einzige Handhabe ist die nationale Verankerung der Testkäufe noch vorgesehen.

Welche Massnahmen bleiben Ihnen als Präventionsstelle noch?
Wir richten uns zum Beispiel gezielt an Kinder aus sogenannten vulnerablen Familien, also an Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Sie sind besonders anfällig für einen frühen Alkoholkonsum. Dafür unterstützen wir Schulen und Tagesstätten, damit Prävention in den Alltag der Kinder einfliessen kann. Das verhilft ihnen zu einem gesunden Aufwachsen.

Neigen Kinder von Alkoholikern ebenfalls dazu, zu viel zu trinken?
Ihr Suchtrisiko ist sechsmal so hoch wie das von anderen Kindern. Deshalb sind auch alkoholbelastete Familien im Fokus unserer Präventionsarbeit. Wir bieten betroffenen Kindern im Internet Informationen, einen Austausch und Hilfe an.

www.mamatrinkt.ch
www.papatrinkt.ch

Autor: Yvette Hettinger