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04. Februar 2013

Jugendliche Morgenmuffel

Sollen Schweizer Schüler später mit dem Unterricht anfangen? Unbedingt, findet Christian Cajochen. Und eine Studie aus Basel gibt dem Biologen recht: Frühmorgens sind Jugendliche weniger leistungsfähig, denn sie sind vor allem am Abend aktiv.

Diskutieren Sie mit: Sollen Schüler am Morgen länger schlafen können? Oder sollte man hier hart bleiben? Verraten Sie uns Ihre Meinung zum Thema mit einem Kommentarunterhalb dieses Artikels.

Christian Cajochen (48) ist Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. (Bild: zVg.)
Christian Cajochen (48) ist Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. (Bild: zVg.)

Christian Cajochen (48) ist Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. (Bild: zVg.)

1. Christian Cajochen, Sie als Chronobiologe – «Wissenschafter der Lebensrhythmen» – plädieren schon lange für einen späteren Schulanfang. Ist die Basler Idee ein guter Ansatz?

Ja, morgens zählt jede Minute, die Jugendliche länger schlafen können. Der Schulbeginn um 8 Uhr ist ein guter Schritt und wirkt sich gemäss einer Studie aus Basel bereits positiv aus. Könnte ich die Zeit festlegen, würde ich frühestens um 8.30 Uhr anfangen. Das wünschen gemäss einer Umfrage auch die meisten Jugendlichen, denn morgens sind ihre Leistungen messbar schlechter.

2. Warum sind die Jugendlichen morgens so müde?

Sobald junge Frauen die Menstruation und junge Männer den Stimmbruch haben, verschiebt sich ihr biologischer Rhythmus. Dann können sie gar nicht um 21 oder 22 Uhr einschlafen, sie haben ein starkes biologisches Wachsignal am Abend. Stehen sie morgens um 6 Uhr oder gar um 5.30 Uhr auf, um rechtzeitig in der Schule zu sein, müssen sie quasi in ihrer biologischen Nacht aus den Federn und schlafen zu kurz. Das ergibt bis Ende Woche ein enormes Schlafmanko.

3. Früher zu Bett hilft also überhaupt nicht?

Nein. Wir haben den Schlaf-Wach-Rhythmus bei unterschiedlichen Jugendlichen gemessen: bei ländlichen und städtischen, bei Nachtmenschen und Morgenmenschen. Die Ergebnisse waren dieselben: Frühmorgens, in den ersten Schulstunden, waren alle weniger fit als später am Tag.

4. Für Jugendliche stimmt also «Morgenstund hat Gold im Mund» definitiv nicht?

Nein, bei ihnen heisst es eher «Abendstund hat Gold im Mund». Das Sprichwort passte früher gut für unsere Agrarwirtschaft. Für unsere Jugendlichen dagegen gibt es kein einziges gutes Argument, so früh aufzustehen. Im Gegenteil, sie profitieren in jeder Hinsicht von einem späteren Schulanfang.

5. Was sagen Sie zur Angst, besonders Gymnasiasten kämen zu kurz beim Schulstoff, wenn der Unterricht später beginnt?

Europaweit ist die Schweiz nach Polen jenes Land mit dem frühesten Schulbeginn, während angelsächsische Schulen viel später anfangen und doch nicht dümmere Jugendliche hervorbringen. Auch die finnischen Schulen fangen um 9 Uhr oder später an — und die haben bei der Pisa-Studie vorbildlich abgeschnitten.

Im Januar berichtete www.tageswoche.ch über das Streitthema späterer Schulbeginn.
Im Januar berichtete www.tageswoche.ch über das Streitthema späterer Schulbeginn.

Der Anstoss zum Interview

Im Januar berichtete www.tageswoche.ch über das Streitthema späterer Schulbeginn.

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Autor: Claudia Weiss