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22. Juni 2015

Jugendliche begehen weniger Straftaten

Erfreuliche Nachrichten vom Bundesamt für Statistik: 2014 hat die Zahl der verurteilten Jugendlichen erneut abgenommen – in praktisch allen Deliktkategorien. Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper erklärt, was hinter diesen Zahlen steckt.

Jugendliche
Plaudern statt Gesetze brechen: Jugendliche haben auch 2014 weniger Straftaten begangen.

Letztes Jahr haben die Schweizer Justizbehörden 12 800 Jugendurteile verhängt, 4 Prozent weniger als 2013. Damit setzt sich ein Abwärtstrend fort, der seit 2009 insbesondere bei der Jugendgewalt zu beobachten ist. Gleichzeitig hat laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) die Zahl der Erwachsenenurteile 2014 stagniert – auf einem Höchstwert von rund 110 100.

Es gibt nur eine Kategorie, in der bei den Jugendlichen die Zahl der Urteile gestiegen ist, und das gleich um 21 Prozent: beim Handel mit Betäubungsmitteln. Gar um 36 Prozent stieg die Zahl dieser ­Urteile bei den 14- bis 15-Jährigen. Im Kontrast dazu war der Konsum von Drogen rückläufig.

Gestiegen ist auch die Zahl der verurteilten Mädchen. Im Kanton Zürich habe sich ihr Anteil von 1990 bis 2014 von 15 auf 25 Prozent erhöht, sagt Marcel Riesen-Kupper, Leitender Oberjugendanwalt des Kantons Zürich und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege. Neben typischen «Mädchendelikten» wie Ausweisfälschung für die Disco oder Diebstahl von Kosmetikartikeln habe auch das Schwarzfahren zugenommen. «Schwere Gewaltdelikte werden hingegen fast nur von männlichen Jugendlichen begangen.»

Die Höhe der Strafe spiele bei der Prävention von Delikten keine grosse Rolle, sagt Riesen-Kupper. Internationale Studien zeigten, dass die Härte einer Strafe die Zahl der Delikte nicht reduziere. «Entscheidend ist eine schnelle und konsequente Reaktion der Strafverfolgungsbehörden. Ich halte deshalb den oft gehörten Ruf nach härteren Strafen für falsch.»

Marcel Riesen-Kupper ist Leitender Oberjugendanwalt des Kantons Zürich und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege.
Marcel Riesen-Kupper ist Leitender Oberjugendanwalt des Kantons Zürich und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege.

Marcel Riesen-Kupper, laut Bundesamt für Statistik ist die Zahl der Jugendurteile 2014 weiter gesunken. Kann man daraus schliessen, dass auch die Jugendkriminalität insgesamt zurückgegangen ist?

Die Urteile zeigen nur jenen Teil des kriminellen Verhaltens, der ans Licht gekommen ist. Viele Delikte jedoch bleiben im Dunkeln, weil sie gar nicht gemeldet werden. Entscheidend ist aus meiner Sicht aber, dass die Gewaltdelikte in den letzten Jahren landesweit zurückgegangen sind – im Kanton Zürich seit 2009 um rund 50 Prozent. Die leichte Zunahme ­geringfügiger Delikte, die es da und dort gibt, wiegt vergleichsweise weniger schwer. Insgesamt können wir von einem Rückgang der Jugendkriminalität sprechen.

Worin sehen Sie die Gründe für diesen Trend?

Nach 2007 hat eine intensive öffentliche Debatte über Jugendgewalt begonnen. Seither haben Behörden und Polizei diverse präventive Massnahmen gestartet, in Schulen finden heute regelmässig Sensibilisierungskampagnen statt. Zudem wurden in den Polizeikorps einiger Kantone spezialisierte Jugenddienste eingeführt oder ausgebaut. Zur Verbesserung beigetragen haben dürfte auch, dass sich die Auswirkungen der Balkankriege der 90er-Jahre auf die Jugendlichen ausgewachsen haben.

Wie nachhaltig ist die Trendwende?

Das kann nur ein Prophet beantworten. Es gibt diverse Faktoren, welche die Entwicklung der Jugendkriminalität beeinflussen können, etwa eine massiv höhere Jugendarbeitslosigkeit oder eine verstärkte Immigration traumatisierter Jugendlicher aus Kriegsgebieten.

Die Jugendgewalt war in den letzten Jahren ein stetes Sorgenthema. Ist das heute noch immer so?

Sicher nicht mehr im gleichen Ausmass. Weniger Delikte bedeutet ­weniger Medienberichte – und das ­reduziert auch die Ängste. Ein vages Bedrohungsgefühl gegenüber Jugendlichen in Gruppen dürfte aber erhalten bleiben, gerade bei älteren Menschen.

Rund um Fussballspiele oder auch bei Aufmärschen zum 1. Mai kommt es regelmässig zu Gewalt. Ist das eine Art Ventil, mit die Gesellschaft leben lernen muss?

Nein, das muss sie nicht tolerieren, es gibt genügend andere legale Möglichkeiten, um Dampf abzulassen. Im Übrigen sind es überwiegend Personen über 18 Jahren, die an diesen Ausschreitungen beteiligt sind.

Von Kollegen aus dem Ausland weiss ich, dass andere Länder uns um unser Jugendstrafrecht beneiden.

Zugelegt hat 2014 der Handel mit Betäubungsmitteln, der Konsum ist gesunken. Was steckt da dahinter?

Die Zahlen zur Betäubungsmittelkriminalität hängen stark von der Strafverfolgungspraxis ab. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass der Konsum eher im privaten Rahmen stattfindet und deshalb weniger häufig erfasst wird. Die von Jugendlichen am meisten gehandelten Stoffe sind Marihuana und Partydrogen.

Welches sind aus Ihrer Sicht weitere Brennpunkte beim Thema Jugendkriminalität?

Cybermobbing wie Beleidigungen und Drohungen über elektronische Medien beschäftigt uns vermehrt. Auch die Gewaltdelikte behalten wir im Auge und werden alles versuchen, sie auf dem heutigen tiefen Niveau zu halten.

Wie effektiv und erfolgreich sind Strafvollzug und Therapieformen bei Jugendlichen?

Ich bin sehr überzeugt vom differenzierten Straf- und Massnahmensystem unseres Jugendstrafrechts. Es erlaubt ein individuelles Vorgehen, das weitere Straftaten verhindern kann. Im Kanton Zürich sind rund 70 Prozent aller Jugendlichen, die aus einer Schutzmassnahme entlassen werden, wieder sozial integriert. Von Kollegen aus dem Ausland weiss ich, dass andere Länder uns um unser Jugendstrafrecht beneiden.

Autor: Ralf Kaminski