Archiv
02. Februar 2015

«Wir werden nicht so schnell so viel besser, wie wir teurer geworden sind»

Keine Branche ist vom schwachen Euro so stark betroffen wie der Tourismus. Für Jürg Schmid, Direktor Schweiz Tourismus, werden die einheimischen Gäste nun noch viel wichtiger. Er will sie mit einer Charmeoffensive gewinnen.

Jürg Schmid, Direktor Schweiz Tourismus
Jürg Schmid: «Wir müssen die Schweizer mit Tipps und Inspirationen gewinnen, sie umarmen und mit einer Charmeoffensive die Herzen der Schweizer Bevölkerung gewinnen.» (Bild: René Ruis/Keystone).

Jürg Schmid, was dachten Sie, als Sie hörten, die Nationalbank werde die Untergrenze des Euro aufheben?

Das war ein Schock. Ich habe mir gesagt: Jetzt kommt es für den Tourismus faustdick. Er kann den Folgen nicht ausweichen. Das ist ein harter Schlag!

Wie meinen Sie das?

Der Tourismus unterscheidet sich von Exportbranchen dadurch, dass wir die Arbeitsprozesse nicht in Nachbarländer auslagern können. Wir haben begrenzte Möglichkeiten zur Produktionssteigerung durch Automatisierung. Und wir profitieren nicht vom starken Franken durch Einkäufe im Ausland. Wir produzieren lokal. Deshalb ist der Tourismus die Branche, die Wechselkursveränderungen mit Abstand am deutlichsten ausgesetzt ist. Selbstverständlich könnten wir jetzt das Lied von Qualität und Innovation anstimmen. Aber wir werden nicht so schnell so viel besser, wie wir teurer geworden sind.

Welche Folgen hat nun die Euro-Franken-Parität?

Sie dürfen nicht vergessen, dass sich der Euro in den letzten Jahren gleich zweimal stark abschwächte. Zuerst von 1.55 auf 1.20 und jetzt auf 1:1. Wir wissen aus den letzten dreieinhalb Jahren, dass wir 0,5 bis 1 Prozent der Gäste aus dem Euroraum verlieren, wenn der Franken nur schon um ein Prozent stärker wird. In Fernmärkten wie China, Indien und dem Mittleren Osten werden wir weiterhin zulegen. Aber mit der neuesten Euroschwäche müssen wir unsere Strategie ändern: Der Schweizer Markt wird für uns in Zukunft noch entscheidender werden.

Was kann die Schweizer Tourismusbranche machen?

Es bieten sich zwei parallel verlaufende Wege: Senkung der Kosten durch Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig muss sich der Tourismus in weniger währungssensitiven Märkten bewegen. Was wir nicht machen können: die Preise senken. Die Schweizer Hotellerie produzierte in den ländlichen alpinen Regionen schon beim Kurs 1.20 ohne Gewinnmarge. Anders sieht es beim Städtetourismus aus. Der ist profitabel, weil er zu 70 Prozent von Geschäftsreisenden lebt. Und diese reagieren primär auf die Konjunktur und nicht auf Wechselkursveränderungen. Ein Beispiel: Nestlé hält eine Sitzung am Genfersee nicht wegen des teuren oder tiefen Frankens ab, sondern wegen der Geschäftslage.

Was heisst «in andere Märkte bewegen»?

Wir arbeiten mit Hochdruck an entsprechenden Massnahmen, die in wenigen Wochen spruchreif werden. Wir wollen uns an Märkte halten, wo die Schweiz noch zulegt, also an Asien, an den Mittleren Osten, auch an die USA. Dort ist die Wechselkursproblematik viel weniger gross, weil der Dollar vor dem Rückgang gegenüber dem Franken anstieg, die Konsumentenstimmung so gut wie seit Jahren nicht mehr ist und die Konjunktur zugelegt hat. In diesen Märkten haben wir eine Chance. Entscheidend für das Ausmass der Krise wird jedoch das Verhalten der Schweizer Bevölkerung sein. Wir müssen ihr die Schönheit des Landes zeigen und ihr mit einem klaren Appell Gründe geben, Ferien im eigenen Land zu schätzen. Wir müssen einen hammerguten Job machen, sodass sich Herr und Frau Schweizer sagen: Ja, es ist teurer hier aber die Schweiz ist wunderschön, und schliesslich verdienen wir ja auch hier unser Geld.

Beim Preis gibt es tatsächlich keinen Spielraum?

Ein Hotel kann nicht unter den Entstehungskosten anbieten. Das ist vielleicht in einer Notlage bei Aussicht auf rasche Besserung für kurze Zeit möglich. Aber niemand weiss, wie lange das mit dem schwachen Euro weitergeht. Wir haben uns wohl längerfristig auf eine schwierige Situation einzustellen, dabei die Kosten zu senken und uns klug zu vermarkten. Wir müssen die Schweizer mit Tipps und Inspirationen gewinnen, sie umarmen und mit einer Charmeoffensive die Herzen der Schweizer Bevölkerung gewinnen.

In Zermatt beispielsweise kostet ein Tagespass 79 Franken. Das müsste doch günstiger gehen.

Zermatt ist auch das weltweit beste Skigebiet. Man kann einen Porsche nicht mit einem VW Golf vergleichen. Um Zermatt mache ich mir weniger Sorgen, weil sich der Ort durch seine Einzigartigkeit abhebt. Deshalb muss Zermatt wohl auch mit weniger Auswirkung rechnen.

Für welche Orte wird es kritisch?

Für solche Prognosen ist es zu früh. Klar ist: Wenn der Euro langfristig so schwach bleibt und wir keine politische Lösung finden, um die Kosten zu senken, wird es zu einer Redimensionierung kommen. Andererseits besitzt die Schweiz gewaltige Trümpfe. Eben wurden wir in Schanghai zum begehrtesten Reiseland Europas gewählt. Nur will man diese Schönheit nicht um jeden Preis. Wir müssen jetzt ein paar Wochen abwarten und einen kühlen Kopf bewahren. Die Lage ist ernst, aber nicht ausweglos.

Leiden Fünf-Sterne-Hotels weniger als Drei-Sterne-Häuser?

Das glaube ich nicht. Die Hotellerie ist auf breiter Front betroffen. Klar, die Superreichen beeinflusst das weniger stark. Aber das ist nur ein kleines Segment. Es gibt hingegen zwei Ebenen, die stabiler sind. Einerseits Ferienwohnungen, weil das ein preislich konkurrenzfähigeres Produkt ist. Andererseits Übernachtungen in Zweitwohnungen: Wenn ein Engländer ein Haus in Verbier besitzt, geht er trotz des starken Frankens dorthin. Er mag vielleicht weniger oft Restaurants besuchen, profitiert hingegen davon, dass sich der Wert seiner Immobilie entsprechend erhöht hat.

Welcher Ort hat in Ihren Augen besonders beispielhaft reagiert?

Sehr kreativ zeigt sich seit Jahren Arosa, in dem die Skischule für Jugendliche bis 17 Jahre kostenfrei ist. Und wer wie die Lenzerheide und Arosa investiert hat, profitiert jetzt davon. 2014 investierte die Hotellerie insgesamt 1,4 Milliarden Franken, die Bergbahnen 300 bis 400 Millionen Franken. Wir haben also kein Produkteproblem, sondern ein Preis- und damit ein Nachfrageproblem.

Wann und wohin gehen Sie diesen Winter in die Skiferien? Wieder nach Lenzerheide?

Weil ich dort ein Haus habe, gehe ich tatsächlich regelmässig zum Skifahren nach Lenzerheide. Dieses Jahr werde ich aber auch ein paar Tage in Zermatt Winterferien verbringen. Der Winter ist für mich die Schweiz. Wir haben die schönste Bergkulisse der Welt. Meine Loyalität ist grenzenlos.

«Wir müssen den Schweizern die Schönheit ihres Landes zeigen.»

Lesen Sie zu diesem Thema, wie die Tourismusorte auf den schwachen Euro reagieren .

Autor: Reto Wild