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17. März 2014

Jürg blickte durch

Er erzählt immer wieder gern von dem ganz privaten Sexkino, mein lieber Freund Jürg, das er während seiner Studienzeit im Berner Länggassquartier genoss. Und das kam so: Im Nachbargebäude, gleich vis-à-vis und im dritten Stock wohnhaft wie er, hauste ein junges Pärchen, das sich zu jeder Tages- und Nachtzeit, am liebsten aber sonntagmorgens, ausschweifendem Geschlechtsverkehr hingab. Der Gebäudeabstand betrug wenige Meter. Manchmal hörte er sie nur, und die Ausdrücke, welche die beiden jeweils von sich gegeben haben sollen, sind kaum druckwürdig … Meist aber konnte Jürg auch zuschauen, denn seine liebestollen Nachbarn trieben es in allen Variationen mit Vorliebe unter der Dusche. Die befand sich gleich gegenüber seinem Küchenfenster, und sie hatte eine Einwegscheibe, wie man sie aus Kriminalfilmen kennt, will heissen: Der Fensterinstallateur hatte eine Scheibe eingesetzt, durch die man nur hinaus-, nicht aber hineinspähen können sollte. Nur hatte er sie – und wir werden nie erfahren, ob er es absichtlich oder aus Versehen tat – verkehrt herum montiert. Das sportliche junge Paar wähnte sich unbeobachtet beim Liebesspiel unter laufendem Wasser vor dem Badezimmerfenster – es sah ja auch nicht hinaus. Jürg aber sah bestens hinein, und er hat den Anschauungsunterricht genossen. «Potzheilandtonner!», pflegt er nach dem dritten Bier zu sagen, «da hesch no öppis chönne lehre!»

Warum mir die Geschichte einfiel? Weil ich am Dienstag unseren Duschvorhang zur Reinigung brachte, er war unten etwas unappetitlich angegraut – selbst mit Javelwasser war da nichts auszurichten –, und es war der fensterseitige Duschvorhang. Weshalb die lieben Nachbarn in den letzten Tagen durchaus in unser Badezimmer sehen konnten. Wenn sie denn wollten. Aber ich glaube, die hatten Gescheiteres zu tun.

Dusche ohne Vorhang
«Potzheilandtonner!»

Und ehe Sie nun zum Füller greifen und mir einen dieser leidenschaftlich zornigen Mahnbriefe schreiben, man solle keine solch wüsten Sachen in der Zeitung bringen und vor allem keine Schimpfwörter – «Sie, Herr Friedli! Dieses Magazin wird auch von Kindern gelesen! Der Herrgott wird Sie strafen!» –, nehmen Sie noch einen Schluck Kafi, lehnen Sie sich zurück, und seien Sie froh, dass wir in der Schweiz leben. Ist es nicht gut, dass man hier über alles offen reden darf, und sei es über falsch eingesetzte Badezimmerscheiben? Ich finde schon. Schreibt in Russland jemand, der dortige Herrscher sei ein durchgeknallter Kriegstreiber, werfen ihn Putins Schergen in den Knast. Ich dürfte, wenn ich wollte, hier ungestraft schreiben, dass mir Frau Leuthards Lavieren um die Zweitwohnungen auf den Geist geht und dass ich Herrn Maurers Tanz um den Gripen mit Sorge verfolge. Nur so als Beispiele.

Und wären wir in Amerika, ich dürfte gewisse Wörter nicht öffentlich gebrauchen – ich hätte den Jürg hier nicht mit seinem «Potzheilandtonner» zitieren dürfen, geschweige mit dem, was er noch häufiger sagt: «Heilandsack!» Gewisse Ausdrücke sind dort für Zeitungen, TV und Radio per Gesetz verboten. Aber sind sie damit aus der Welt? Im Gegenteil. Sie werden erst richtig interessant.

Bei uns daheim gilt: Lieber mal ein lautes Wort als ein schlechtes Gefühl im Bauch. Da musste sich Anna Luna in Kentucky ziemlich anpassen, glaub ich. Als ihr kurz nach Ankunft ein «Fuck!» rausrutschte, wurde ihre Gastschwester kreidebleich und ermahnte sie: «Sag das niiiiie mehr!» Strenge Erziehung, drüben! Solang die Kinder im Haus sind. Unlängst entdeckte Anna Lunas Gastmutter via Facebook, dass die Freundin ihres Sohnes, der eben erst daheim auszog, schwanger ist. Auf diesem Weg vom Grossmutterglück erfahren zu müssen, erzürnte sie. Und sie stauchte den Sohn am Telefon zusammen: «Getrau dich bloss nicht nach Hause, es setzt Schläge ab!» Er, cool: «Du wirst mich doch nicht vor der neuen Austauschschülerin schlagen? Sonst erzählt sie der ganzen Schweiz, Amerikanerinnen schlügen ihre Kinder …»

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lernen Sie, wie man in Amerika flucht, wenn man nicht fluchen darf: zum Blog

Bänz Friedli live: 22.3. Unterseen BE, 25.3. Basel, Buchhandlung Thalia.

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Autor: Bänz Friedli

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