Archiv
19. Dezember 2011

Joyeux Noël, Monsieur Maillard!

Für Ihren Mann ging das mit dem Bundesrat ja leider bitzli in die Hosen, nicht wahr, liebe Rösli Zuppiger? Aber vielleicht waren Sie am Wahltag — sollten Sie wie ich zwischen Staubsaugen und Kochen und Knöpfe annähen den einen oder anderen Blick auf den TV-Schirm geworfen haben —, dann fast froh, dass Ihr Gatte nicht mehr zur Debatte stand. Bei dem Debakel seiner Partei! Aber mein Kandidat war sowieso der Maillard, Pierre-Yves. Nicht der politischen Couleur wegen, da mische ich mich nicht ein. Aber weil er mir so imponiert hatte, als ich ihn vor der Wahl am Radio hatte radebrechen hören: «Isch bin dezidiert, disöö Lebensjahrenn nischt su verpassön.» Er wolle, hohes Amt hin oder her, die Kindheit seiner Kinder nicht verpassen. Sie sind noch klein, die Tochter zwei-, der Bub vierjährig. Ich war gerührt, einen Bundesratskandidaten so reden zu hören. Insofern möchte ich Herrn Maillard von ganzem Herzen zur Nichtwahl gratulieren. Nun bleibt ihm mehr Zeit für die Kinder.

Und der Gewählte, Alain Berset, stürzt mich ins Dilemma. Er hat ja auch drei Kinder zwischen vier und acht Jahren, plus eine erwerbstätige Frau. Längst hatte ich mir einen Bundesrat, noch lieber eine -rätin gewünscht, die voll im Familienleben steht. Jetzt haben wir einen, der vielleicht einlöst, was im Wahljahr alle behauptet haben: Sie setzten sich für uns Familien ein. Aber so sehr mich das freut, so sehr schmerzt mich der Gedanke, wie selten Antoine, Achille und Apolline ihren Papa künftig zu Gesicht bekommen werden.

Joyeux Noël, Monsieur Maillard!

Hans wollte, als er am Mittwochmittag nach Hause kam, genau wissen, wie die Wahl gelaufen sei, und liess sich zwischen zwei Bissen Apfelwähe den Amtseid erklären; am Fernsehen sagten die glorreichen Sieben gerade «Ich schwöre es».

«Joyeux Noël, Monsieur Maillard!»
«Joyeux Noël, Monsieur Maillard!»

Doch dann musste ich den Ton ausschalten, so lebhaft erzählte Hans von der Delegiertenversammlung, an der er am Morgen als Abgesandter seiner Klasse teilgenommen hatte. Sie hätten beraten, ob es an der Fasnacht ein Fest in der Turnhalle oder einen Umzug oder beides geben solle. «Ich habe für beides gestimmt.» Demokratie live! Wie ich die Mittagessen mit den Kindern geniesse, diese Alltagsmomente! Schwafeln Manager, Politiker und andere hohe Tiere von «Quality time», die sie mit ihren Kindern verbrächten, muss ich stets einwenden: Man kann nicht alle paar Monate beim schampar abenteuerlichen Heli-Skiing wettmachen, was man an alltäglichen Erlebnissen mit den Kleinen verpasst hat. Ich bin ja selber nicht gefeit, ihnen zuweilen «etwas Besonderes» bieten zu wollen, stelle aber oft fest, dass sie einen anderen Zeit- und einen anderen Qualitätsbegriff haben. Natürlich gibt es für sie die besonderen Momente. Nur sind es nicht unbedingt diejenigen — Kino! Erlebnispark! —, die wir Eltern dazu auserkoren haben. Hans zum Beispiel streift mittwochnachmittags fürs Leben gern durch den Baumarkt und ist nicht wieder herauszukriegen, ehe er nicht jeden Bohrer begutachtet, jede Schraube einzeln umgedreht und zuletzt ein Brett für ein Gestell ausgewählt hat, das er selber bauen will.

Pierre-Yves Maillard sagte, eben unterlegen, ihm tue es vor allem wegen der Waadtländer Schulkinder leid, die jetzt den versprochenen freien Tag nicht erhielten: «Mir tun vor alöm leid di kleinöö Schülör von Waadt, di nun einön Feriöntag vermissön.» Hat je einer charmanter seine Nichtwahl kommentiert? Joyeux Noël, Monsieur Maillard! Und, aufgepasst, Ihr Sohn ist schon bald reif für den Baumarkt.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli