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09. März 2017

Josef Hader über seinen Film und sein Kabarett

Bei «Wilde Maus» hat der österreichische Kabarettist und Schauspieler auch das Drehbuch geschrieben und erstmals Regie geführt. Hier spricht Hader zum Interview («Josef Hader mags gern abgründig») über seinen eben im Kino angelaufenen Film und seine Vorlieben im Kabarett.

Über die «Wilde Maus»

Josef Hader im Hof des Hotels Greulich
Josef Hader im Hof des Hotels Greulich in Zürich

Wie kamen Sie auf die Geschichte des entlassenen Musikkritikers mit Rachegelüsten, der seiner Partnerin alles verschweigt und Angst vor einem gemeinsamen Kind hat?Der Grundgedanke war, dass jemand seine Arbeit verliert und sich zu wehren beginnt. Damit überschreitet er eine Grenze, die wir normalerweise respektieren, wenn uns so etwas passiert. Viele Filme nehmen diese Art von Gesetzesverletzungen nicht so ernst – in denen machen die Leute ganz locker Dinge, die man so leicht nie tun würde. Und kämpfen besser, als sie es in der realen Welt könnten. Die Frage ist doch: Was bedeutet es für so einen Bürger wirklich, wenn er das erste Mal Kratzer im Lack eines fremden Autos macht? Für meine Hauptfigur ist das ein Riesenschritt. Die Idee war, einen kleinen, feigen, bürgerlichen Terroristen zu zeigen.
Aber auch die Kommunikation in der Beziehung hat mich interessiert. Mit 15 schon war ich der tiefen Überzeugung, dass Paarbeziehungen gar nicht geführt werden können, weil Menschen nicht miteinander reden können: Beim Empfänger kommt es immer anders an, als der Redner es gemeint hat. Ich sah das schon damals sehr realistisch. Beziehungen führt man natürlich trotzdem, aber man schraubt die Ansprüche herunter. Ausserdem wollte ich meinem eigenen Milieu schon immer mal vor Augen führen, dass sie genauso langweilige, unpolitische Säcke sind wie ihre Eltern.

Die Hauptfigur ist ein Mix aus Jämmerlichkeit und Racheengel: Macht das aus der «Maus» einen Wutbürger, also einen potenziellen FPÖ- oder Trump-Wähler?
Parallelen gibts da schon. Der Hauptspass bestand darin, den Wutbürger dort anzusiedeln, wo ihn der Zuschauer nicht unbedingt erwartet, nämlich im eigenen privaten Bereich, im Intellektuellenmilieu. Was er sieht, erinnert ihn an seine eigene Wohnung, sein eigenes Leben, an die eigene Wut, die er nicht auslebt.

Was der Zuschauer sieht, erinnert ihn an sein eigenes Leben, an die eigene Wut, die er nicht auslebt.

Im Film spielt auch ein schwules Paar ein Rolle, selbstverständlich und beiläufig. Dennoch gibts das noch immer derart selten, dass man nicht umhin kommt zu fragen, wieso. Es hätte ja auch bei Ihnen ein Heteropaar sein können...
Ursprünglich wollte ich den deutschen Chefredaktor als klassischen Einzelgänger zeigen, der da in seiner Villa sitzt und irgendwann genauso ausrastet wie die Hauptfigur. Das konnte kein glücklicher Familienvater sein. Hinzu kommt, dass es im Wien der Gegenwart noch längst nicht so ist wie in Berlin: Es wäre nicht so leicht, als Chefredaktor einer angesehenen Tageszeitung daherzukommen und zu sagen, das ist mein Freund, und wir heiraten jetzt. So war das ideal: Es erklärt, warum er einsam wirkt – weil er nämlich dieses Geheimnis bewahrt. Und es macht ihn menschlicher, ansonsten wäre er einfach eine Karikatur, und das wollte ich vermeiden.

Ist der neue Film dadurch, dass Sie selbst Regie geführt haben, nun noch mehr Ihr Werk als ein «Brenner»-Film? Nehmen Sie Erfolg oder Misserfolg persönlicher?
Auf jeden Fall. Aber als Kabarettist bin ich es gewohnt, persönlich mal was abzukriegen, in beide Richtungen. Mein Albtraum ist ja, dass ich einen furchtbaren Film gemacht hätte und nun rumfahren und in Interviews wie diesem erklären müsste, wie toll er ist. Obwohl ich weiss, dass es total scheisse ist, was ich gemacht habe. So was ist mir bisher zum Glück erspart geblieben.

Welche Fehler aus dem ersten Dreh würden Sie nicht mehr machen?
Ich würde mich generell mehr getrauen. Würde zum Beispiel eine Szene mit den Schauspielern eher häufiger drehen, um noch ein paar andere Temperaturen auszuprobieren. Ich habe auch durch den Schnitt des Films Dinge gelernt, die ich als Autor nicht wusste und künftig beherzigen kann.

Das Ende von «Wilde Maus» ist kein richtiges Happy End, aber ein bisschen irgendwie doch. Hätte die Geschichte auch negativer enden können?
Als Zuschauer finde ich es unangenehm, wenn ich mich 100 Minuten lang mit dem Schicksal von Menschen beschäftige, und am Schluss geht es schlecht aus. Auch wenn ein Film völlig offen endet, nervt mich das. Ich denke dann immer, das künstlerische Personal hat geschwänzt, denen ist nichts mehr eingefallen. Die sollen sich gefälligst was ausdenken für mein Geld. Am liebsten ist mir eine kleine Ahnung, wie es weitergehen könnte.

Ausschnitt aus dem Best-Of «Hader spielt Hader» über Vorurteile (2010)

Über seine Art von Kabarett

Sie meiden in der Regel schnelle Pointen. Fürchten Sie, dass diese der Entwicklung Ihres Stoffs schaden, oder mögen Sie schlicht diesen Humor nicht?
Ich erzähle Geschichten und mache eigentlich mehr Stand-Up- oder Comedy statt klassisches Kabarett. Inspiriert zum Beispiel vom US-Komiker Bill Hicks, der auf der Bühne schon mal als Erstes fragte, ob es Marketingleute im Publikum habe und die dann umgehend beschimpfte. Er riet ihnen, sich umzubringen, und schilderte auch gleich mögliche Selbstmordvarianten. In dieser Art von Comedy liegt eine grosse Kraft.

Haben Sie demnach höhere Ansprüche ans Publikum als andere Kabarettisten?
Nein, das ist mir wichtig! Ich versuche die Programme so zu machen, dass jeder sie verstehen kann. Ich habe auf dem Land in Wirtshaussälen begonnen, und ich will jederzeit wieder dort spielen können.

Gibt es irgendeine Grenze bei den menschlichen Abgründen, bei der es selbst Ihnen mulmig wird? Die Sie für ein Kabarettprogramm nicht überschreiten würden?
Nein, wenn man sieht, was Menschen so veranstalten, seit es sie gibt... Ich sehe keine solche Grenze – allerhöchstens, dass man im Programm nicht auf Minderheiten oder hilflose Menschen losgeht.

Denken Sie, dass Sie mit einem «klassischeren» Programm noch mehr Zuschauer gewinnen könnten?
Das weiss ich nicht. Auch die Comedians, die Fussballstadien füllen, schaffen dies nur, weil sie voll an das glauben, was sie machen. Wenn ich etwas machen würde, woran ich nicht glaube, würde ich mich bald allein im Saal wiederfinden.

Muss man selbst Abgründe erlebt haben, um sie überzeugend ausloten zu können? Sie wurden ja als Kind in der Schule gemobbt und hatten kein unkompliziertes Beziehungsleben...
Das ist schwer zu sagen, weil man ja nur ein Leben hat und nicht weiss, wie es sich entwickelt hätte, wenn es anders gelaufen wäre. Ich glaube jedenfalls nicht, dass man sich explizit ein schlechtes Leben suchen sollte, damit man es in der Kunst weit bringt. Ich denke auch nicht, dass es da notwendigerweise einen Zusammenhang gibt oder man darüber Regeln aufstellen kann.

Ich glaube nicht, dass man sich ein schlechtes Leben suchen sollte, damit man es in der Kunst weit bringt.

Wie kommt das Schweizer Kabarettpublikum mit Ihren Humor klar? Reagiert es anders als das Publikum in Wien oder München?
Eigentlich nicht. Aber man wird hier mehr belohnt. Es wird geschätzt, dass man von weit weg hergekommen ist und seinen Humor mitgebracht hat. Ich nehme eine grössere Zuneigung wahr.

Wie intensiv verfolgen Sie eigentlich Ihre Kabarettkollegen?
Früher habe ich mich über die alten Säcke geärgert, die kaum je zu den Jungen ins Programm kommen. Heute bin ich leider selbst so einer. Aber ein- bis zweimal im Jahr organisiere ich einen Abend mit jungen Kabarettisten, um mitzubekommen, was so läuft. Es gibt inzwischen auch sehr spannende junge Frauen auf der Bühne, anders als früher. Und bei Freunden bin ich auch mal bei Proben dabei. In den letzten drei Jahren habe ich mich aber schon etwas zurückgezogen, weil ich so auf den Film fokussiert war.

Auch wenn der reale Josef Hader nicht seinen Kabarettfiguren entspricht: Teilen Sie gewisse Haltungen aus Ihren Programmen auch im Alltag?
Ich schreibe Dinge, über die ich mich selbst amüsiere. Ich bin mein erster Zuschauer, lache peinlicherweise auch als Erster gleich darüber, wenn ich es hinschreibe. Dieses Kichern ist insbesondere dann unangenehm, wenn man irgendwo in einem Café sitzt, wo einen niemand kennt – da gilt man dann schnell als Dorftrottel. Was ich mir ausdenke, schöpfe ich schon aus mir, aber es sind immer Zuspitzungen. Im Kern muss schon etwas von einem selbst drin sein, sonst würde dem keiner zwei Stunden folgen.

Konkret machen Sie sich etwa über die naiven Humanisten von heute lustig, die ihre «richtige» Lebensweise mit dem Menüplan beweisen. Geht Ihnen das auch bisweilen so?
Ich amüsiere mich generell über jede Art von Lösungen. Wenn der Mensch so fixe Haltungen einnimmt, obschon er wissen muss, dass es solche Lösungen gar nicht geben kann. Auch historisch: Am amüsantesten fand ich das nach dem Mauerfall proklamierte «Ende der Geschichte». Namhafte Leute, die dafür bezahlt werden, haben das in Zeitungen ernsthaft besprochen. Solche Dinge amüsieren mich immer. Wenn der Mensch so tut, als befinde er sich an einem Endpunkt und habe eine fixe Formel gefunden.

Ausschnitt aus dem Programm «Im Keller» über Hypochonder (1993)

Josef Hader betrachtet die Birken
Josef Hader betrachtet die Birken im Innenhof des Zürcher Hotels Greulich.

Josef Hader betrachtet die Birken im Innenhof des Zürcher Hotels Greulich.

Autor: Reto Meisser, Ralf Kaminski

Fotograf: Michael Sieber