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09. März 2017

Josef Hader mags gern abgründig

Der Kabarettist Josef Hader lotet menschliche Abgründe aus und nimmt alle und alles aufs Korn – auch sich selbst. Jetzt bringt der Österreicher mit «Wilde Maus» seinen ersten eigenen Film ins Kino. Hader über Angst als Antrieb, die Unterschiede zwischen Schweizern und ­Österreichern – und weshalb er Witze über Donald Trump lieber anderen überlässt.

Josef Hader
Schaf statt Maus: Josef Hader, wie üblich ohne Furcht, sich selbst zum Narren zu machen. Letzteres tut er auch in seinem ersten eigenen Film «Wilde Maus».

Josef Hader, als Schauspieler und Kabarettist lieben Sie es, menschliche Abgründe zu erkunden. Wie und weshalb haben Sie sich darauf spezialisiert?

Menschliche Abgründe sind interessant, egal ob in Kabarett oder Film: Ich mag es, mich mit den menschlichen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, weil es ja auch meine eigenen sind. So habe ich beim Drehbuchschreiben auch etwas davon.

Sie haben mal gesagt, dass Sie gern an Grenzen gehen, an jenen Ort, wo es unangenehm wird. Weil Sie sich dem aussetzen möchten, aber auch, weil Sie eine diebische Freude daran haben, das Publikum damit zu quälen.

Richtig. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich als erste Form von Theater die katholische Messe miterlebt habe. Auch da ging es darum, die Welt zu verbessern oder zumindest etwas zu lernen – was ja typisch war für die 70er-Jahre, wo auch jedes Buch und jeder Film den Menschen verbessern wollte. Gleichzeitig spielt bei mir ein Element aus dem 19. Jahrhundert rein: Ich versuche, mein Privatleben privat zu halten. Künstler, die sich bei der Gesellschaft anbiedern, kann ich nicht ernst nehmen – etwa Autoren, die angeblich Literatur schreiben, aber mit ihren Frauen ständig in den Gesellschaftsrubriken auftauchen.

Zum Beispiel?

(lacht) Die ganz berühmten Leute machen das ja Gott sei Dank nicht, die wissen, was sich ­gehört. Aber deshalb hat Thomas Bernhard immer so eine Faszination auf mich ausgeübt. Der wohnte abgelegen auf einem Gehöft und hat von dort aus die Welt betrachtet und beschimpft. Dort werde ich nie hin­kommen – ich wohne gern in der Stadt und habe ein Sozialleben. Aber ich find es eine schöne Richtschnur für die Position, die man als Künstler haben sollte.

Ich möchte, dass die, die im Publikum sitzen, sich erkennen. Dass sie gezwungen sind, über sich zu lachen.

Aber doch nochmals zu den Abgründen …

...genau, sehr gerne. Ich möchte keinesfalls den Abgründen ausweichen. (lacht)

Loten Sie die auch deshalb aus, damit das Publikum etwas lernt?

Je mehr wir von uns erfahren, desto besser. Jeder, auch ein Bäcker, sollte seine Kunst so betreiben, dass er über sich selbst und die Menschen etwas lernt – man backt dann bessere Brötchen mit besseren Inhaltsstoffen. Begonnen als Kabarettist habe ich in der Schule, mit Witzen über Lehrer. Damit hatte ich grossen Erfolg, erstmals auch bei den Mädchen. Dann ging es weiter mit Witzen über Politiker. Das war nicht ganz so erfolgreich, aber auch immer noch okay. Schon als Schüler aber wurde ich das Gefühl nicht los, dass dem allem eine gewisse Billigkeit innewohnt: Man macht über diejenigen Witze, die nicht da sind. Aber was ist mit uns, die wir hier sitzen?

Und so knöpften Sie sich stattdessen die Gewissheiten des Mittelstands vor.

Ich möchte, dass die, die im Publikum sitzen, sich erkennen. Dass sie gezwungen sind, über sich zu lachen. Als Kabarettist kann man das gut erreichen, wenn man die Leute über einen selbst lachen lässt, indem man jemanden spielt, der auch im Publikum sitzen könnte. Die Idee, dass die Menschen dadurch ihre eigene Lächerlichkeit erkennen, hat auch meine Arbeit an «Wilde Maus» beeinflusst. Weniger anfangen kann ich mit Filmen, die mir eine fremde Welt zeigen, etwa über Menschen, die Kinder in ihre Keller einsperren. So was bestärkt die Leute ja nur in ihrer Ansicht, dass sie, wie sie da in der Innenstadt im Arthouse-Kino sitzen, der Gipfel der Zivilisation sind. Und gegen Eintrittsgeld dürfen sie zuschauen, wie grauslich es in der Provinz zugeht.

Das versuchen Sie zu unterlaufen.

Genau. Bei mir sollen sich die Leute selbst anschauen.

«Wilde Maus» war an manchen Tagen auf Platz 1, vor «Fifty Shades of Grey», aber nur an den Wochentagen.

Woher kommt es, dass man als Zuschauer so gerne zusieht, wie sich Ihre Figuren durch ihr schwieriges Leben schlagen? Spielt da auch die Erleichterung mit, dass man selbst nicht betroffen ist?

Ganz klar, so läuft das bei Filmen generell. Man erlebt wilde, gefährliche Dinge im Kino, ohne sie selbst erleiden zu müssen. Das Kino begann ja auch ursprünglich in den Vergnügungsparks, direkt neben der Achterbahn. Es geht immer um eine Art von Erschütterung, aus der man rauskommt: Man ist erleichtert, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Und um eine Erfahrung bereichert, die man in der Realität nur unter Verlust des Lebens machen könnte, zum Beispiel bei einem Science-Fiction-Blockbuster von Roland Emmerich.

Nach dem Emmerich-Film ist man froh, dass die Aliens die Erde nicht angegriffen haben. Was ist die Erleichterung nach «Wilde Maus»?

Dieselbe: Man hat überlebt. Es gibt ja auch eine Art Happy End. Ein Paar, das sich sein Leben lang belogen und kaum geredet hat, fängt plötzlich an, sich zu erzählen, was ihm wichtig ist. Man weiss nicht, wo das endet, aber es besteht Hoffnung. Das finde ich auch wichtig. Sie müssen allerdings bedenken, dass ich in Österreich ein Blockbuster bin. Und da beklagen sich dann auch viele Leute, das Ende sei zu unbestimmt, und fragen, ob ich ein Sequel plane.

Und?

Was? Nein, um Gottes willen!

Können Sie in Österreich tatsächlich mit den US-Blockbustern konkurrieren?

Ich» war an manchen Tagen auf Platz 1, vor «Fifty Shades of Grey», aber nur an den Wochentagen. (lacht)

Der Trailer zu Josef Haders erstem eigenen Film «Wilde Maus»

Bei «Wilde Maus» haben Sie ja nicht nur die Hauptrolle gespielt, sondern auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Was hat das für Sie verändert?

Ich habe mir die Geschichte selbst ausgedacht, hatte deshalb auch die Möglichkeit, Dinge, die mir im Kabarett wichtig sind, im Film umzusetzen. Und ich habe bis zum Schluss die Entscheidungen selbst getroffen. Somit ist das Ergebnis eines, das ich wirklich selbst bestimmt habe – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich weiss nun, welche Fehler ich nicht nochmals machen werde. Beim zweiten Film wird es dafür dann andere geben.

Sie machen also weiter.

Auf jeden Fall, aber es gibt derzeit nur ein paar vage Ideen. Gleichzeitig möchte ich auch ein neues Kabarettprogramm machen. Die Frage ist, ob ich das beides gleichzeitig machen kann – oder welches zuerst. Es hängt vermutlich davon ab, wo ich als Erstes die bessere Idee habe.

Wie war das, mit Ihrer realen Lebenspartnerin ein Paar in der Krise zu spielen?

Das kann man problemlos trennen. Man arbeitet ja immer mit Leuten, die man kennt, von daher ist man es gewohnt, das zu abstrahieren. Als Schauspieler verwendet man von sich selbst, was nützlich ist. Den Rest fantasiert man dazu, daraus entsteht ein wilder Mix.

Ihre Hauptfigur wird von einem Deutschen entlassen, und in einem Interview sagten Sie, «wenn der Böse ein Deutscher ist, gehen in Österreich mehr Leute ins Kino». Haben Österreicher zum grossen Nachbarn ein ähnlich gespaltenes Verhältnis wie Schweizer?

Die Österreicher sind voller Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Deutschen – ausser bei der Sprache und der Kultur. Da fühlt man sich den Nachbarn überlegen, weil man Ausdrucksmöglichkeiten hat, die sie nicht haben. Man glaubt auch, dass man unbedingt den besseren Humor hat – und auch die tolleren Autoren und Filme. Das Selbstbewusstsein hört allerdings sofort auf, wenn es um Fussball geht.

Hat der Österreicher mal bei irgendwas Erfolg, etwa im Sport, glaubt er gleich, er regiere die Welt.

Gibt es weitere Gemeinsamkeiten zwischen Österreich und der Schweiz?

Ich glaube, dass aufgrund der Geschichte das Verhältnis zur eigenen Nation bei den Schweizern viel ungebrochener ist – zu Recht. Bei den Österreichern kämpft man, bedingt durch die Entstehung des Staates, noch viel mehr um ein normales Selbstbewusstsein. Österreich ist aus einem Betriebsunfall der Geschichte entstanden. Und solche Nationen wissen nie so recht, weshalb es sie eigentlich gibt. Die Schweizer wissen das sehr genau. Da haben sich ein paar Bauerndickschädel zusammengerottet und einen ­eigenen Staat gegründet. Das ist ja eine ­Erfolgsgeschichte – zumindest als Mythos. Wir hingegen haben nur Verlierer anzubieten, und es wird noch einige Jahrhunderte dauern, bis wir ein ähnliches Selbstbewusstsein entwickeln. Hat der Österreicher mal bei irgendwas Erfolg, etwa im Sport, glaubt er dafür gleich, er regiere die Welt.

Aber anders als Schweizer machen Österreicher auch mal richtig «böse» Filme. Was haben Sie, Michael Haneke oder Ulrich Seidl, was wir nicht haben?

Ich habe natürlich eine Aussensicht auf die Schweiz, aber ich empfinde es überhaupt nicht so, dass da etwas ärmer wäre. Ich bewundere den Theaterregisseur Christoph Marthaler oder den Autor Markus Werner.

Aber düsterer und gemeiner sind Sie schon – wie schaffen Sie das?

Das ist jetzt eine unangenehme Botschaft für die SVP, aber Österreich ist schon seit vielen Jahrhunderten ein Schmelztiegel von Völkern. Was unsere Kultur ausmacht, ist eine Mischung aus jüdischen, ungarischen und galizischen Einflüssen. In der Schweiz nimmt man die Durchmischung erst bis zur Fussball-Nationalmannschaft wahr.

Wir erleben derzeit den stärksten Bruch in der Nachkriegsgeschichte.

Die Politik bietet derzeit mit Trump, Brexit oder Wahlen in Europa wunderbare Zielscheiben fürs Kabarett.

Schon, aber das löst in mir nicht das Gefühl aus, jetzt dringend politisch Stellung beziehen zu müssen. Ich muss keine Witze über Trump machen, das tun schon genug andere. Aber es würde mir Spass machen, eine Geschichte mit dieser Zeitstimmung zu erzählen. Ich denke, wir erleben derzeit den stärksten Bruch in der Nachkriegsgeschichte. Und wenn man schon an einer historischen Schnittstelle leben muss – was ja auch ins Auge gehen kann, wie man aus der Geschichte weiss –, dann sollte man ­wenigstens ein Programm darüber machen.

Vielen macht die aktuelle Lage Angst.

Zuerst einmal ist Angst ja etwas sehr Hilfreiches. Hätten die Leute 1914 mehr Angst gehabt, wäre das richtig gut gewesen. Furcht ist oft ein guter Ratgeber, deshalb habe ich nichts dagegen, wenn die Leute Angst haben und habe auch gern etwas Angst mit. Dies funktioniert auch als Motor, um unsere Zivilgesellschaft am Leben zu erhalten. Spannend ist ja, dass der Populismus nun in den USA eine so wichtige Rolle spielt, einer der ältesten Demokratien der Welt mit einer sehr vitalen Zivilgesellschaft. Wenn schon Populismus, dann dort – soll er jetzt mal zeigen, was er kann.

Eigentlich bin ich ein grosser Optimist, merke ich gerade.

Sie setzen also darauf, dass die USA diesen Populismus unbeschadet übersteht?

Sicher! Ob ihn die Welt genauso überstehen wird und mit welchen Opfern, das weiss man nicht. Erfahrungsgemäss geht es nie lange gut, wenn ein Staat sagt, wir bevorzugen unsere Nation besonders. Aber das ist ja das Schöne an der Demokratie: Wenn die Leute merken, dass etwas nicht funktioniert, verschwindet es nach vier Jahren wieder. Und man kann ja heute nicht mehr wie Hitler Milliarden an den üblichen Kanälen vorbeischleusen, in die Wirtschaft stecken und es als eigenen Erfolg ausgeben, dazu ist die Weltwirtschaft viel zu verzahnt. Hoffe ich einmal. Eigentlich bin ich ein grosser Optimist, merke ich gerade. (lacht)

Wen kennen Sie eigentlich so aus der Schweizer Kabarettszene?

Als ich noch ganz jung war, bin ich mal mit Lorenz Keiser in einer Fernsehsendung ­aufgetreten. Wir solidarisierten uns damals, weil wir beide darunter litten, dass wir längere Geschichten basteln, während die anderen nur kurze Nummern machten. Bei «Giacobbo/Müller» war ich mehrmals zu Gast, und schon in der Jugend gab es Emil Steinberger – der ist auf seine Art durchaus auch abgründig. Und wenn die Schweizer an die Abgründe herangehen, dann wird es richtig spannend. Das geschieht auf eine schroffere, sprödere Art als bei uns.

In einem Ihrer Programme sagen Sie: «Das Leben verliert ein bisschen dadurch, dass man es kennenlernt: Alles ist immer ein bisschen kleiner und dreckiger als im Prospekt». Ihr Lebensmotto?

Das war Ausdruck eines bestimmten Lebensbschnitts Mitte dreissig. Glaubte man in den Zwanzigern noch, alles sei unlimitiert, erkennt man zehn Jahre später: Es ist alles limitiert. Inzwischen habe ich diese Krise schon längst überwunden und bin jetzt nicht mehr von den Jungen der Älteste, sondern von den Alten der Junge. Das lässt mich viel hoffnungsfroher in die Zukunft blicken.

Autor: Reto Meisser, Ralf Kaminski

Fotograf: Michael Sieber