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19. September 2016

Jojo Mayer will Leben verändern

Er zählt zu den besten Schlagzeugern der Welt: Der Schweizer Musiker Jojo Mayer erklärt, wieso es Künstler in unserem Land schwer haben – und warum er lieber auf einem Hippie-Festival als mit Beyoncé auftritt.

Jojo Mayer
Jojo Mayer wuchs in Rüschlikon ZH auf. Seinen musikalischen Durchbruch hatte er in New York, wo er heute Kultstatus geniesst. (Bilder: Monica Müller/Newmagic, Camilo Fuentealba)

Jojo Mayer, Sie spielen mit Ihrer Band Nerve regelmässig in Europa, Asien und den USA, haben aber weder Management noch Plattenfirma. Wie geht das?
Die Musikindustrie hat sich komplett verändert. Karrieren wie jene von Eric Clapton, Santana oder Stevie Wonder gibt es nicht mehr. Heute werden die Leute im Teenageralter entdeckt, und mit 23 lässt man sie fallen. Ich bin aus einer anderen Zeit und bewege mich in einer Zwischenzone, weder im Rock- noch im Jazz- oder im elektronischen Lager. Ich bin in meinem eigenen Lager. Deshalb mache ich auch alles selbst.

Hierzulande wissen nur Eingeweihte, wer Sie sind. Warum?
Die Schweiz ist ein kleines Land, und ich mache Nischenmusik abseits des Mainstreams. Kurioserweise habe ich tatsächlich allein in Teheran viermal mehr Facebook-Anhänger als in der Schweiz.

Sie leben in New York. Könnten Sie auch von der Schweiz aus so international ausgerichtet arbeiten?
Mittlerweile schon. New York war einfach die Startrampe. Heute verkommt die Stadt zu einer Shopping-Mall, wo man «Cats» schauen und Jazz hören kann. Die privilegierte Elite und ihre Kinder kommen heute nach New York, um diese mythische Atmosphäre zu konsumieren, die dort im 20. Jahrhundert von idealistischen Künstlern, Musikern und Schriftstellern geschaffen wurde. Ironischerweise können es sich gerade diese Künstler mittlerweile nicht mehr leisten, dort zu leben.

Wie halten Sie als Künstler dagegen?
Was ich tun kann, ist Neugierde wecken und Mut machen.

Indem die Leute Ihnen zuhören?
Ja, und indem das Zuhören etwas auslöst. Ich will eine Konversation anstossen. Wichtig ist nicht, was die Leute erleben, während sie mir zuschauen, wie ich spiele, sondern wie sie die Welt erleben, nachdem sie mich gehört haben.

Wichtig ist, wie Leute die Welt erleben, nachdem sie mich gehört haben.

Erhalten Sie entsprechende Rückmeldungen?
Vor Kurzem schrieb mir eine Frau, sie sei am Konzert gewesen und habe tags darauf den Job gekündigt. Vermutlich hatte sie während des Zuhörens etwas erkannt: Ehrlichkeit, Mut, Idealismus vielleicht – denn all das steckt in der Musik drin. Mein Job ist es, das Leben der Leute zu verändern.

Ist das nicht idealistisch?
Jeder Künstler darf das sagen. Dass wir eine solche Aussage als seltsam empfinden, ist ein typisch schweizerisches Problem.

Inwiefern?
Wir haben auf unseren Banknoten weder Politiker noch Wissenschaftler, sondern Künstler. Aber wer im Land weiss schon, wer sie sind? Es ist diese seltsame Verknorztheit der Schweizer: Einerseits lieben wir unsere Künstler. Anderseits sind wir nicht mit ihnen verbunden. Das ist so, weil Kunst in der Schweiz nicht ernst genommen wird.

Ist das auch der Grund, weshalb Sie ausgewandert sind?
Ja, und auch wegen der Grösse des Landes. Ich habe in der Schweiz zu oft Sätze gehört wie «Das kannst du nicht machen!». In New York habe ich so etwas noch nie gehört. Ausser von einem Schweizer Touristen, der mich fragte, was ich in New York mache.

Sie haben schon mit Nina Simone und Dizzy Gillespie gespielt. Erhalten Sie viele Anfragen?
Vor zehn Jahren noch fast täglich. Inzwischen habe ich mich abgeseilt. Das hat sich herumgesprochen.

Hat das Abseilen mit der Kompromisslosigkeit zu tun?
Nein, vor allem mit der Wirtschaftlichkeit. Es ist zwar tatsächlich sehr schwierig, im kommerziellen Umfeld ein authentischer Schlagzeuger zu sein. Aber der Hauptgrund war der, dass die Stars mittlerweile so schlecht bezahlen. Es ist so, wie ich im Film «Changing Time» (siehe rechts) sage: Mit einem Auftritt an einem Hippie-Festival verdiene ich mehr, als wenn ich für Beyoncé spiele.

Wie entscheiden Sie, wo Sie mitmachen?
Aufgrund von drei Parametern: Kunst, Soziales, Geld. Mindestens zwei müssen stimmen. Mit der eigenen Band Nerve stimmen alle drei, weshalb ich meistens mit ihr unterwegs bin.

Jojo Mayers Tribut an Buddy Rich im SRF-Kurzfilm von Alex Amitirigala

Eine improvisierte Jam-Session von 2015

Ausschnitt aus Jojo Mayers Unterricht

Aus dem Jojo Mayer Stroke Programm

Ausschnitt 1 und 2 aus dem Sonor Programm der NAMM 2013

Autor: Esther Banz