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05. August 2013

Johnny Depps Rollen: Pirat, Träumer und Gespenst

Ob mit Tim Burton, Jim Jarmusch oder Emir Kusturica: Den grössten Starruhm heimste er zwar als Kultpirat der Karibik ein, ausgesprochen schräge Rollen prägten sein Repertoire jedoch schon immer. Wählen Sie seine beste unter den Top Ten im Voting (rechts).

Sicher, der 1963 geborene Schauspieler hat nicht immer Personen ausserhalb einer bestimmten Norm der amerikanischen Gesellschaft gespielt, er glänzte (oder übertrieb für ein paar Kritiker auch mal) nicht stets mit markantem Mienenspiel, Gestik und extravaganten Auftritten in oft ebenso extravaganter Aufmachung. Dennoch bleiben von seinem bisherigen Schaffen zuerst die schrägen Rollen in Erinnerung, und damit nicht einfach nur Aussenseiterrollen, sondern auch solche, deren Verkörperung nicht «bloss» nach klassischem Lee-Strasberg-Method-Acting verlangten, das seine Filmgeneration prägte: eine Figur möglichst mit dem eigenen Ich auszufüllen und dem Publikum so zugänglich oder verständlich zu machen.
Nein, Depps Paraderollen sprengten diesen Rahmen häufig. Sie schufen Raum für nicht ganz real wirkende Ereignisse, besondere Fähigkeiten eines Helden – oder für Geschichten, die mit seltsamem Aufbau, nicht zwingend nachvollziehbaren Wendungen und vielleicht einem Hauch Magie etwas Märchen- oder Albtraumhaftes ins Leinwanduniversum hereinholten. Ein Einfallstor für eine grosszügige Ration Magie, die um ihn herum immer rarer wurde.

Johnny Depp als Tonto mit Pferd im neuen Kinofilm «The Lone Ranger»
Johnny Depp als Tonto mit Pferd im neuen Kinofilm «The Lone Ranger»: Einmal mehr ein Aussenseiter. (Bild © Walt Disney)

Die TV- und filmischen Anfänge waren noch vergleichsweise konventionell: Im Horrorstreifen «A Nightmare on Elm Street» war er in der Nebenrolle des Glen Lantz eher eine nett-anekdotische Steilvorlage für den Schrecken und Albtraum, selbst verkörperte er letztlich nichts davon. Auch die kleinere Rolle in Oliver Stones (Anti-)Kriegsdrama «Platoon» blieb kaum einem in Erinnerung, anders als die TV-Serie, die seine Karriere erst lanciert hat: In «21 Jump Street» gab er den jungen Cop Tom Hanson. Dass er frech, generell etwas rebellisch seine heiklen Undercovereinsätze im Verbrechermilieu absolvierte und doch meist ungerührt blieb, machte ihn zum Teenie-Idol einer westlichen TV-Jugend Ende der 80er-Jahre. Und vermochte dem einen oder anderen Casting-Verantwortlichen eine erste Ahnung mitzugeben, dass man Depp ruhig als «schwierigen» Aussenseiter mit Coolness-Faktor oder gar einer Prise Durchgeknalltheit besetzen konnte.

Konventionellere Figuren konnte er durchaus auch spielen, nur blieben diese Zeugnisse handwerklich einwandfreien Könnens in Sachen Szenario und Regie ambitionierten Filmen selten. «What's Eating Gilbert Grape» ist auf dem Gebiet vermutlich der wichtigste Film, ein klassisches Melodram mit umsichtiger Inszenierung, der neben den Schauspielleistungen auf eine bildstarke Kameraführung und (wenig billig hervorgerufene) Gefühle setzte. Daneben bleiben noch wenige leichte Komödien wie «Don Juan de Marco» (mit Marlon Brando) und der eine oder andere bessere Genrefilm wie «Donnie Brasco» (mit Al Pacino) oder der beinahe konventionelle Polanski-Thriller «The Ninth Gate».

Damit wären wir jedoch schon bei den schrägen Paraderollen. Wir haben uns für die folgenden Top Ten (in chronologischer Reihenfolge) entschieden, wählen Sie daraus rechts in der Abstimmung Ihren schrägen Johnny-Depp-Favoriten. Als was sehen Sie ihn am liebsten: als Träumer, Piraten oder Gespenst?

1. Edward Scissorhands (1990): Die Fantasy-Tragikomödie brachte Depp für die Hauptrolle des zwar erfrischend ungelenken, letztlich todtraurigen Träumers Edward mit den Scherenhänden gleich eine erste Nomination für den Golden Globe Award ein. Die erste von sechs Zusammenarbeiten mit Kultregisseur Tim Burton brillierte mit dem Rückgriff auf Unrealistisches (wie die Hände ...), das mit psychologischem Geschick die Story vorantrieb und die Hauptfigur 'beseelte', jedoch ohne sie nach Psychotherapie-Schema zu deuten. Hier erhielt die schrecklich-schöneTeenagerzeit eine mehrdeutige Hommage wie danach lange nicht mehr!

2. Arizona Dream (1992): Der von europäischen Hitproduktionen wie «Time of the Gypsies» bekannte Emir Kusturica drehte in den Staaten mit Depp und ein paar anderen bekannten Grössen eine vergnüglich abgehobene Hymne ans filmisch Mögliche ... und bisweilen fast Unmögliche. Ein Fest des Schrägen (etwa grosse fliegende Fische in flirrender Südstaaten-Hitze), das sich aber mit der Zeit fast etwas erschöpft hat. Aber enige Einstellungen wie das Abheben oder «Landen» mit eigenartigen Fluggeräten bringt der Zuschauer wie eigene Traumbilder selbst nach über 20 Jahren nicht aus dem Kopf. Nicht das Schlechteste, was man von einem Film sagen kann.

3. Ed Wood (1994): Johnny Depp spielte auf kongeniale Weise den (angeblich) schlechtesten Filmregisseur aller Zeiten. Bisweilen prägt den ganzen Film Depps schauspielerische Zweideutigkeit, die Balance hält zwischen dem Berserkertum des tragischen Helden und einem Augenzwinkern zum Publikum. In Sachen Handwerk sicher eine Glanzleistung.

4. Dead Man (1995): Das gross angekündigte und erwartete Zusammentreffen von Jim Jarmusch auf dem Regiestuhl und Johnny Depp wurde ein ganz spezieller Western. Für die einen eine Stilstudie in Ironie und ein Panoptikum an gebrochenen Schattierungen eines Helden, dessen Status dennoch irgendwie auch gewahrt bleibt. Für die anderen schlicht schwarz-weiss gedrehte Stillstandversuche in Manierismus. Denselben Zwist trugen Kommentatoren auch hinsichtlich Mimik und Gestik der Schauspielikone aus. Denn das war sie hier wie vor- und nachher beinahe nie mehr: eine Ikone.

5. Fear and Loathing in Las Vegas (1998): Wieder ein Zusammenspiel mit einem legendären Regisseur: Terry Gilliam («Brazil»), dazu die Verfilmung der Kultvorlage von Hunter S. Thompson. Neben Benicio del Toro (als Dr. Gonzo) brilliert Depp in der Hauptrolle von Raul Duke in einer abgefahrenen (dafür ist Road Movie noch kein Begriff!) Studie, wie weit es zwei befreundete Kerle unter genügend Drogenkonsum, Selbstüberschätzung und Dummheit bringen können. Man erinnert sich fast schaudernd: sehr weit. In den besten Momenten ein Lehrstück, wie Wahrnehmung verändert wird, ohne dass eine «richtige» nebenan noch greifbar wäre.

6. Sleepy Hollow (1999): Vielleicht das klassischste Schauermärchen mit Depp in der Paraderolle des Police Officers Ichabod Crane, der von New York aus zu einer schwierigen Landpartie um kopflose Reiter und andere Schrecken gezwungen wird. Nicht nur die Waldfiguren sind hier letztlich Gespenster, sondern auch die Hauptfiguren wie Crane. Tim Burton packte das Ganze über weite Strecken mit den Stilmitteln eines Schauermärchens an, schliesslich spielt die Story im 18. Jahrhundert und beruht auf einer bekannten «Novel» von Washington Irving. Den einen oder anderen raffiniert aktualisierenden Seitenhieb erlaubte er sich natürlich gleichwohl.

7. Chocolat (2000): Ein um Toleranz und Verständnis werbender Film von Lasse Hallström mit Juliette Binoche in der Hauptrolle. Witzig, dass genau Depp als Zigeuner Roux das Tor in die Welt von Fahrenden, dem angeblich Lasterhaften, darstellt, und das scheinbar gekonnt verführerisch. Denn allein auf der nacherzählten Entdeckung von Schokolade für Nordländer und deren serotoninfördernden Wirkung kann Toleranz doch nicht beruhen, oder?

8. Pirates of the Caribbean (The Curse of the Black Pearl, 2003): Schliesslich die Paraderolle von Johnny Depp, in einer Serie (wir wählten hier den ersten Streifen) von leicht-unterhaltenden Sommerfilmen um verschiedene Piraten und Seefahrer. Neben den die Erzählung vorantreibenden Hauptfiguren, gespielt von Kiera Knightley und Orlando Bloom, steht Jack Sparrow, der geheimnisvolle Piratencaptain der Black Pearl, über weite Strecken im Zentrum. Für einen Unterhaltungsschinken mit diesen Einspielergebnissen erstaunlich, wie Depps Figur neben jeder Menge Scherze und teils bizarrer Actionduelle bisweilen nett-freundschaftliche Interessen mit selbstsüchtigen wild durcheinanderwirbelt.

9. Charlie and the Chocolate Factory (2005): Wieder eine Zusammenarbeit mit Tim Burton, ein fast gleichnishaftes Märchen mit mehr als etwas Sozialkritik, aber noch mehr abschweifenden Fantastereien. Johnny Depp gibt den Schokoladenfabrikanten Willy Wonka, der wegen böser Konkurrenz seine Manufaktur schliessen muss und fünf ausgewählte Kinder (neben abschreckend verzogenen Exemplaren auch Hauptfigur Charlie) auf eine grosse Führung mitnimmt. Dabei stösst man auf die bizarren kleinen Arbeiter, die Oompa Loompas, und manch anderes Geheimnis.

10. Sweeney Todd (2007): Noch ein Tim-Burton-Film, diesmal mit einer noch spezielleren Vorlage: einem grusligen Broadway-Musical (von Stephen Sondheim, 1979). Auch speziell: Johnny Depp spielt einen rächenden Mörder, der nicht nur die Peiniger seiner Frau und Tochter, sondern gleich noch die Frau selbst (die er nicht erkennt) tötet und teils verbrennt – sowie mit nachbarschaftlicher Hilfe zu Fleischpastete verarbeitet. Guten Appetit!

Weitere Infos auf www.imdb.com (englisch) oder auch auf Wikipedia .
Ausschnitte aus den zehn Filmen gibt es auf Youtube .

Autor: Reto Meisser