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18. November 2013

Wo Geschichte geschrieben wurde

Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy erschossen. Ein Schock, doch die Weltgeschichte der letzten 100 Jahre haben andere Ereignisse geprägt. Historiker und Politologen haben für das Migros-Magazin die zehn bedeutendsten bestimmt – und für die Schweiz fünf. Die Ranglisten und alle Begründungen der Wissenschaftler finden Sie in der rechten Spalte.

John F. Kennedy vor dem Attentat
22.11.1963: John F. Kennedy unmittelbar vor dem Attentat. (Bild: Keystone)

Um das Attentat auf John F. Kennedy ranken sich zahllose Legenden und Verschwörungstheorien. Die Ermordung des Hoffnungsträgers bei einem präsidialen Besuch in Dallas löste vor 50 Jahren Schock und Trauer rund um die Welt aus – es war wohl eines der ersten globalen Medienereignisse. Dass die Gründe für das Attentat im Dunkeln blieben, stachelte die Fantasien der Menschen an. Der wahrscheinliche Täter, Lee Harvey Oswald, hat den Mord weder zugegeben, geschweige denn erklärt, und wurde zwei Tage nach der Tat selbst ermordet. Bis heute glauben viele nicht an die offizielle Version des Einzeltäters, entsprechend viele Bücher und Filme zum Attentat gibt es.

Doch wie relevant ist die Ermordung Kennedys als historisches Ereignis? Wir haben rund zwei Dutzend Schweizer Historiker und Politologen gefragt, welches aus ihrer Sicht die wichtigsten zehn Daten der letzten 100 Jahre waren. Gut ein Dutzend hat geantwortet – und das Kennedy-Attentat hat es nur gerade bei Daniele Ganser auf die Liste der Top Ten geschafft. Der Historiker und Leiter des Swiss Institute for Peace and Energy Research vermutet einen Zusammenhang mit dem militärisch-industriellen Komplex und zieht Parallelen zur aktuellen Debatte über den Machtmissbrauch durch den Geheimdienst NSA.

Alle anderen, die sich zur Umfrage geäussert haben, schätzen das Attentat als weniger bedeutend ein. «Tut mir leid, dass ich die Ermordung Kennedys höchstens eine Fussnote der Geschichte finde», schreibt der Polit-Philosoph Georg Kohler. Auch die ETH-Wissenschaftshistorikerin Monika Gisler hält das Attentat lediglich für eine Episode der Weltgeschichte. Sie und einige andere finden den Fokus auf einzelne Daten problematisch und verzichteten auf eine Teilnahme. Besser wäre es, nach wichtigen Prozessen zu fragen, fanden sie.
Dennoch haben wir aus den uns zugestellten Listen jene Ereignisse herausgefiltert, die am meisten genannt wurden, und sie für diesen Artikel zusammengestellt:

Die zehn wichtigsten Daten der letzten 100 Jahre

Die Top 10 der Weltgeschichte für das 20. Jahrhundert: Klicken Sie sich durch die Bildergalerie und erfahren Sie, welches für die befragten Wissenschafter die prägendsten Ereignisse der letzten 100 Jahre waren. (Bilder: Keystone)

Die fünf wichtigsten Daten des 20. Jahrhunderts für die Schweiz

Die Galerie mit den bedeutendsten Ereignissen der letzten 100 Jahre für die Schweiz.. Es fällt auf, dass neben erwarteten Daten wie jenen für den Landesstreik, die Bildung der Zauberformel, die Einführung des Frauenstimmrechts oder die EWR-Abstimmung auch ein Termin aus der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs auftaucht, der das Land vor einer stärkeren Verwicklung in den Krieg, ja eventuell gar dem Faschismus bewahrte: Die am 8. September 1935 abgelehnte Fronteninitiative versuchte mit dem Vorstoss für eine neue Verfassung mehr als einen Schritt in Richtung der politisch in Deutschland (oder länger Italien) herrschenden Verhältnisse zu machen. (Bilder: Keystone)

Die Ratings und Kommentare der Wissenschaftler

Daniele Ganser, Historiker
Michael Hermann, Politologe
Rudolf Jaun, (Militär-)Historiker
Hans Ulrich Jost, Historiker
Georg Kohler, Philosoph
Georg Kreis, Historiker
Andreas Ladner, Politologe
Claude Longchamp, Politologe
Harro von Senger, Sinologe

SIE WOLLTEN ODER KONNTEN SICH NICHT FESTLEGEN

Monika Gisler, Wissenschaftshistorikerin
Thomas Maissen, Historiker
Philipp Sarasin, Historiker
Andreas Urs Sommer, Geschichtsphilosoph

«GESCHICHTE IST EINE FRAGE DER PERSPEKTIVE»
Das Interview
mit Geschichtsphilosoph Andreas Urs Sommer über Verschwörungstheorien, die Relativität historischer Ereignisse und ein allfälliges Ende der Geschichte. Zum Artikel