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07. November 2011

Joggen zu zweit

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Sport ist erlaubt, ja gar erwünscht. Denn Studien zeigen: Schwangere Frauen, die Ausdauersport treiben, haben weniger Schmerzen bei der Geburt.

Joggen zu zweit (Foto: Erik Isakson)
Frauen, die Sport treiben, haben bei der Geburt weniger Schmerzen Joggen zu zweit (Foto: Erik Isakson).

Sport und Schwangerschaft ist für viele Leute unvereinbar. Das ist jedoch veraltetes Gedankengut. «Es gibt viele gute Gründe, warum eine Schwangere sich sportlich betätigen sollte»,sagt Christiane Leupold, Sportärztin mit Spezialgebiet Frau und Sport, die Praxen in Breitenbach SO und Liestal BL unterhält. Zum Beispiel, dass aktive Schwangere viel schmerzresistenter sind als nichtaktive. Das beweisen internationale Studien. Und Frauen, die während der Schwangerschaft Sport treiben, empfinden das Gebären als angenehmer und leichter.

«Ich war sehr positiv auf die Geburt eingestellt», sagt Spitzensportlerin Simone Niggli-Luder, die am 28. August Zwillinge zur Welt gebracht hat. Die Zwillingsgeburt verlief sehr gut, erinnert sich die 33-jährige Orientierungsläuferin, die 17 Weltmeistertitel errang. Sie denkt, dass ihre gute Fitness dazu beigetragen hat.

Auch Schwangerschaftsbeschwerden wie Rückenschmerzen und Kreislaufprobleme können mit guter Fitness minimiert werden. Das kann Ex-Modell Mascha Santschi bestätigen: «Meine Sporteinheiten wirkten der trägeren Verdauung und den Wassereinlagerungen in den Beinen entgegen.» Sie gebar Ende September ihre Tochter Nayla Mila und war während der ganzen Schwangerschaft sehr aktiv. «Ich habe mich vor der Schwangerschaft viel bewegt und hätte mir nicht vorstellen können, plötzlich darauf zu verzichten.»

Der Körper signalisiert, wenn die sportliche Belastung zu gross ist

Das empfiehlt auch Christiane Leupold: «Wer vorher körperlich aktiv war, soll das auf keinen Fall während der Schwangerschaft ändern.» Bis in den fünften Monat joggte Mascha Santschi regelmässig. «Ich habe aufgehört, als ich die Dehnung der Mutterbänder zu spüren begann.» Da sei sie auf den Cross-Trainer umgestiegen und habe ab dem achten Monat das Training reduziert.

Auch der Nationalrätin Evi Allemann hat der Körper während der Schwangerschaft die Grenzen vorgegeben. «Ab der 30. Schwangerschaftswoche hatte ich zunehmend Mühe und bekam schnell Seitenstechen sowie Kontraktionen der Gebärmutter.» Diese sah sie als Zeichen an, den Alltag etwas ruhiger anzugehen. «Sport während der Schwangerschaft tut mir sehr gut», sagt Model und Moderatorin Monika Erb, die Anfang 2012 ein Kind bekommen wird. «Ich werde Sport machen, solange ich kann.» Abgesehen von TaeBo und Powerplate- Training könne sie alles machen. «Empfehlenswert sind Ausdauersportarten wie Velofahren, Laufen oder Schwimmen », bestätigt Christiane Leupold. «Wer aber keinen Sport treiben möchte, ist auf keinen Fall eine schlechte Schwangere!», sagt die Ärztin.

Baden ist kein Problem, der Kopf sollte aber über Wasser bleiben

Dänische Forscher raten aufgrund einer neuen Studie dazu, in den ersten 18 Wochen der Schwangerschaft nicht zu übertreiben. Statt des Aerobic-Studios empfehlen sie eher das Schwimmbad. «Baden ist kein Problem», erklärt Leupold. «Bei einer gesunden Schwangeren hat die Scheide genügend Abwehrmechanismen, sodass weder Keime noch Chlorwasser dem Ungeborenen etwas anhaben.» Den Kopf behält man aber am besten über Wasser, Tauchen ist eine der wenigen Sportarten, die Leupold explizit nicht empfiehlt.

Ladina Blumenthal, die Frau von Ex- Mister-Schweiz Renzo Blumenthal hat Anfang Juli ihr zweites Kind bekommen. Sie hatte erst nach der Geburt wieder Lust auf Bewegung: «Seit der Geburt strotze ich nur so vor Energie. Ich habe wohl etwas nachzuholen», sagt sie schmunzelnd.

DAS SAGT DIE EXPERTIN

«Tauchen und Kampfsport sind tabu»

Christiane Leupold
Christiane Leupold ist Sportmedizinerin mit Fachgebiet Frau und Sport.

Christiane Leupold, wann sollten Schwangere auf Sport verzichten?

Bei Zwischenblutungen, einem zu früh geöffneten oder zu schwachen Muttermund sowie Veränderungen am Mutterkuchen sollte man keinen Sport treiben. Aber eine schwangere Frau muss sich nicht unnötig Sorgen machen, denn all diese Faktoren werden bei den regelmässigen Kontrolluntersuchungen genaustens unter die Lupe genommen.

Gibt es Sportarten, die für Schwangere tabu sind?

Tauchen und alle Arten von Kampfsport, aber auch sportliche Betätigung in grosser Höhe, das heisst über 2000 bis 2500 Meter. Auch hartes Training am Leistungslimit, sodass Sauerstoffmangel entsteht, ist zu vermeiden. Nicht ideal sind Sportarten mit schnellen ruckartigen Bewegungswechseln wie zum Beispiel Squash, Tennis oder Volleyball.

Welche Warnsignale gilt es zu beachten?

Krämpfe im Bauch, vorzeitige Wehen oder Blutungen sind Anzeichen für eine Überbelastung.

Darf eine Schwangere nach dem Sport zur Erholung in die Sauna?

Sicher, wenn sie bereits Saunaerfahrung hat. Allerdings moderat, zum Beispiel mit kürzeren und nur zwei statt drei Durchgängen. Grundsätzlich besteht, besonders für Unerfahrene, die Gefahr der Überhitzung. Wegen des Flüssigkeitsverlusts und der Gefässerweiterung kann es zu Kreislaufproblemen mit Schwindel kommen, der bis zum Kollaps führen kann. Das ist eine Gefahr für Mutter und Kind.

Ist eine Pulsuhr während der Schwangerschaft eine sinnvolle Trainingshilfe?

Auf alle Fälle. Eine Schwangere sollte das dem Alter entsprechende Pulslimit nur zu rund 75 Prozent ausschöpfen. Bei einer gesunden Schwangeren zwischen 25 und 40 Jahren liegt somit die Pulsgrenze für ein Ausdauertraining bei ungefähr 140 bis 145 Schlägen pro Minute.

Dürfen Schwangere problemlos an Fitnessgeräten trainieren?

Das ist bis zur Geburt kein Problem. Zu vermeiden sind allerdings Übungen mit schweren Gewichten, da dabei ein hoher Druck auf den Bauch entsteht. Leichtere Gewichte, dafür mit mehr Wiederholungen sind sinnvoll, und es spricht auch nichts dagegen, Bauch- und Beintrainingsgeräte zu benutzen. Es geht vor allem auch darum, die Beweglichkeit und die Muskelmasse zu erhalten.

Es ist wichtig, einen sehr guten Sport-BH zu tragen.

Welche Frage hören Sie in Ihrer Praxis von schwangeren Frauen immer wieder?

Sind Sie sicher, dass ich sportlich alles machen darf

Und, darf frau alles machen?

Ja, sie darf. Meine Empfehlung an schwangere Frauen: Probieren Sie — bis auf die genannten Tabus — alles aus, worauf Sie Lust haben. Vertrauen Sie auf Ihr Gefühl, der Körper sendet die bremsenden Signale von alleine. Wichtig ist, bei allen sportlichen Betätigungen während der Schwangerschaft, aber auch nach der Geburt einen sehr guten Sport-BH zu tragen.

Autor: Thomas Vogel