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16. November 2015

«Rugguserli» reloaded – Jodel trifft Rap

Der Hitzige Appenzeller Chor verpasst der Schweizer Volksmusik eine tüchtige Frischzellenkur. Dabei geht es, der Name sagts, ganz schön hitzig zu und her.

Appenzeller Chor mit Sprecher Meinrad Koch (l.)
Hitzige Hennen: Der Appenzeller Chor mit Sprecher Meinrad Koch (vorne links).

Es beginnt mit Glockengeläut. Man wähnt sich irgendwo in den Appenzeller Alpen, aber es fehlen die Kühe. Das Geräusch fabrizieren tönerne Milchgefässe, in denen ein Fünfliber kreist. Die Männer, die dafür verantwortlich sind, tragen Tracht und im rechten Ohrläppchen einen goldenen Löffel.
Talerschwingen heisst das faszinierende Spiel in der Sprache der Sennen. Es erheben sich die tiefen Bässe, die Bühne vibriert, und bald schon stimmen die Frauen ein in das «Rugguserli», diesen Hühnerhaut provozierenden Naturjodel. Alles harmoniert so heimatlich. Zum perfekten Idyll fehlt bloss, dass sich der Hochnebel verzieht über dem Herisauer Himmel.

Doch dann setzt ein treibender Takt ein, und vorbei ists mit der besinnlichen Bergromantik. Die Talerschwinger «beatboxen», imitieren mit Lippen, Rachen und Faust einen stampfenden Techno-Rhythmus, die Älplerinnen rappen dazu: «I like to move it, move it!»

Live hitzig, aber ruhig im Gemüt
Es ist der Hitzige Appenzeller Chor, der da probt im grossen Saal des Casinos. Die vier Frauen und fünf Männer, alle zwischen 23 und 27 Jahre jung, mögen beim Jodeln zwar ihre Hände unter dem Rock oder im Hosensack versorgen, ihre Blicke reichen aber weit hinaus über den volkstümlichen Tellerrand: Appenzeller Käse trifft New Yorker Hot Dog, könnte man sagen. Das Programm heisst denn auch: «Joli-Yo». Funktioniert das?

Und ob. Die Bewohner des kleinsten Kantons der Schweiz sind einsame Spitze darin, Traditionelles mit Neuem zu verbinden. Nur drei Beispiele: die coolen Käser aus der Werbung, der modische Appenzeller «Chueligurt», das innovative Flauder-Getränk.
Liegt es an der einmaligen Landschaft? An der eigenen Vergangenheit, die von ­Armut geprägt war und Er­findergeist deshalb geradezu überlebenswichtig machte?
Das Geheimnis der Appenzeller – auch die Hitzigen verraten es nicht. Meinrad Koch (25), der Sprecher der Truppe, sagt nur: «Ein typischer Appenzeller ist kon­servativ, streckt aber stets seine Fühler aus. Er spielt gern mit den Klischees.»

Wie der Hitzige Appenzeller Chor Jodeln und Popmusik vermischt, stösst einigen sauer auf. Unter einem Video, das die Musiker auf Youtube gestellt haben, schreibt jemand: «Da wird Schweizer Kulturgut in den Dreck gezogen!» Meinrad Koch, der Bauernsohn, lächelt das weg. Appenzeller hätten einen dicken Schädel, daran prallt nicht nur missgünstige Kritik ab. Zwei Narben hat er auf der Stirn. Einmal ist er in den Bach gefallen, das andere Mal kam im Streit mit dem Bruder plötzlich eine Weihwasserschale geflogen. Markige Menschen, sanfte Hügel: Das ist das Appenzell – und so tönt auch seine Musik.

Den Hitzigen Appenzeller Chor gibt es seit 2006, als Appenzell Gastkanton war an der Olma in St. Gallen. Initiant ­Noldi Alder (62), gemäss eigener Homepage «Erneuerer der Schweizer Volksmusik», suchte junge Menschen für einen Chor, der Appenzeller Traditionen auf eine frische Art und Weise in die Stadt tragen sollte.

Von der ­Urformation steht heute noch rund die Hälfte auf der Bühne. «Da geht es hitzig zu und her», sagt Koch – deshalb auch der Name. Alles Appenzell Innerrhödler, nur ­einer stammt aus dem Ausserrhodischen, und der muss sich immer mal wieder einen Spruch anhören. «Nur im Scherz», versichert der Sprecher der Gruppe.
Die Zeiten, als sich die Bewohner der benachbarten Kleinkantone noch «aufs Dach gegeben haben», seien glücklicherweise vorbei. Ihre Grossväter seien weiland als Jungspunde noch regelmässig nach Herisau gereist, um in irgendeiner Beiz einen Streit anzuzetteln.

Keine Profis, aber erfolgreich
Heute ist das ganz anders. ­Da freuen sich die Ausserrhödler über den Besuch des Chors aus Innerrhoden. Und den ­Macker geben die Jungs nur zur Show, mit Baseballcap und Schlabberhosen im Stück ­«Wise-Men-Rap».
Wie alle Hitzigen ist Koch kein ausgebildeter Gesangsprofi. Er studiert Lebensmitteltechnologie und arbeitet an seiner Abschlussarbeit, Thema: «Insekten als Lebensmittel». Jeden Freitag übt er mit dem Rest der Equipe, studiert neue Songs und Choreografien ein. Auf der Herisauer Bühne feilt man nun an der Zugabe: ein Jodel, der sich im Hennengegacker auflöst und schliesslich in einer gerappten Elvis-Presley-Nummer gipfelt. Das ist schon ziemlich cool – oder eben: Rugguserli reloaded. 

Auftritte: 20. und 21. November, 20 bis 22 Uhr, Hochhaus – Die Kleinkunstbühne des Migros-Kultur­prozents, Limmatplatz, Zürich.
17. Dezember, «Aeschbacher», SRF 1, 22.25 Uhr.
www.hitziger.ch

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Basil Stücheli