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08. September 2014

Jod ist das Salz in der Suppe

Seit die Schweiz vor 90 Jahren begonnen hat, Salz mit Jod anzureichern, sind nicht nur Kröpfe verschwunden, sondern auch die Dorftrottel. Doch das könnte sich wieder ändern, denn der Jodspiegel ist gesunken.

Frau mit Salzstreuer
Nicht zu viel, aber doch genug: Auf jodiertes Salz sollten vor allem schwangere Frauen setzen.

Es ist paradox: Wir Schweizer essen zu viel Salz und haben dennoch einen stetig sinkenden Jodpegel in unserem Blut – und das, obwohl jodiertes Salz eine der wichtigsten Jodquellen in unserer Nahrung ist. «Das Problem ist Industriesalz», so Maria Andersson (40), Ernährungswissenschaftlerin der ETH Zürich, WHO-Expertin für Jodmangelerscheinungen und Mitautorin des Schweizer Jodberichts. Industriesalz, wie es in Fertiggerichten wie Suppen, Pizzen, Vollkornriegeln, aber auch in Käse eingesetzt wird, ist häufig nicht jodangereichert.

In der Mehrheit nimmt der Mensch in der Schweiz Salz über industrialisierte Lebensmittel zu sich. Wer sich also hauptsächlich von Fertiggerichten oder Fast Food ernährt, läuft Gefahr, einen Jodmangel zu erleiden. «Das ist vor allem für Frauen im ersten Drittel der Schwangerschaft gefährlich», so die schwedischstämmige Forscherin. Denn Jod ist wichtig für die Hirnentwicklung des Fötus. Fehlt das Mineral, kann das zu Kretinismus führen.

Die Schilddrüse braucht Jod, sonst vergrössert sie sich

Vor allem in den Bergtälern war diese Hirnunterentwicklung früher weit verbreitet. Die Böden in den Alpen enthalten sehr wenig Jod. Entsprechend sind die darauf gewachsenen Getreide oder Gemüse jodarm, also auch die daraus produzierte Milch. «Das führte dazu», so Andersson, «dass die Bergbevölkerung grossflächig unter Jodmangel litt.» Nicht umsonst heisst Volltrottel auf Französisch «crétin des Alpes».

Jod ist ein wichtiger Bestandteil der Schilddrüsenhormone. Diese sind für Tiere und Menschen lebensnotwendig, spielen sie doch eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel, der Kontrolle des Blutkreislaufs und dem Zellwachstum. «Fehlt das Jod im Körper, muss die Schilddrüse mehr arbeiten und vergrössert sich», erklärt Maria Andersson vereinfacht die Wirkung von zu wenig Jod. Es entsteht ein Kropf.

In Gebirgsgegenden betraf das vor 100 Jahren gegen 80 Prozent der Bevölkerung. Beide Krankheiten verschwanden innert weniger Jahre, nachdem die Schweiz 1922 als erstes Land begann, das Kochsalz mit Jod anzureichern. Seit 1930 kam in der Schweiz kein Kind mehr mit Kretinismus zur Welt. «Und der Kropf ist heute bei Kindern nicht mehr existent», sagt Christoph A. Meier, Chefarzt am Zürcher Stadtspital Triemli.

Doch das könnte sich wieder ändern, wie der Jodbericht des Bundes festhält. Alle fünf Jahre untersucht der Bund den Erfolg der Salzjodierung. Anhand von Urinproben stellt man fest, wie hoch der Jodspiegel der Bevölkerung ist. «Dabei zeigte sich», so Andersson, «dass er in der Schweiz zwar noch knapp genügt, aber in den letzten Jahren stetig gesunken ist.» Vor allem bei stillenden Müttern und Kleinkindern bewege er sich unterhalb der Empfehlungen der Fachleute.

Deshalb hat Gesundheitsminister Alain Berset die Rheinsalinen, Schweizer Hauptsalzversorger, aufgefordert, per 1. Januar 2014 den Jodgehalt von 20 auf 25 Milligramm pro Kilogramm Salz zu erhöhen. Eine Massnahme, die Kritiker der – wie sie es nennen – Zwangsjodierung, für unnötig erachten. Zu viel Jod könne auch krank machen: Sie sind überzeugt, dass Jod in Lebensmitteln der Schilddrüse schadet und verschiedene Krankheiten wie Schilddrüsenüberfunktion oder die Autoimmunerkrankungen Morbus Hashimoto oder Morbus Basedow auslöst.

Die Verwendung von jodiertem Salz ist und bleibt freiwillig

Christoph A. Meier beruhigt: «Schaden verursachen erst 100- bis 1000-fach höhere Jodgaben – und auch dies nur bei Patienten mit bestehenden Schilddrüsenerkrankungen.» Erwiesen sei tatsächlich, dass zum Beispiel die Krankheit Morbus Hashimoto in Jodmangelgebieten weniger auftritt. «Ob man daraus aber folgern kann, dass die Menschheit nun einem eventuell vor Hashimoto schützenden Jodmangel ausgesetzt werden soll», wagt Meier zu bezweifeln. «Der Preis dafür wären Kretinismus und Kröpfe!»

Laut der Gesellschaft für Ernährung sollte man täglich rund 150 Mikrogramm Jod mit dem Essen aufnehmen. Schwangere und Stillende benötigen 200 Mikrogramm Jod pro Tag – also rund acht Gramm jodiertes Kochsalz. «Aber», betont Maria Andersson «die Verwendung von jodiertem Salz ist und bleibt freiwillig.» Wer darauf verzichten will, sieht auf der Zutatenliste, ob jodiertes oder unjodiertes Salz in einem Produkt enthalten ist. Wenn nichts deklariert ist, kann davon ausgegangen werden, dass unjodiertes Salz eingesetzt wurde.

Autor: Thomas Vogel