Archiv
19. Mai 2014

«Was will die Schweiz? Wo wollen wir hin? Was wollen wir nicht?»

Der Unternehmer Jobst Wagner sorgt sich um die Zukunft des Landes. Mit seiner Stiftung Strategiedialog21 sucht er nun nach engagierten Bürgern, um gemeinsam Strategien für die Schweiz von morgen zu entwickeln.

Jobst Wagner
Sucht Leute, welche die Schweiz weiterbringen wollen: Jobst Wagner vor seiner Firma Rehau AG in Muri bei Bern.

Jobst Wagner, es gibt eine Zeit vor der Massen­einwanderungs-Initiative und eine Zeit danach. Wie haben Sie abgestimmt?

Ich habe Nein gestimmt, weil ich Advokat einer offenen Schweiz bin. Und ich fürchte, dass sich das Land mit der Annahme Nachteile eingehandelt hat.

Haben Sie dennoch Verständnis für die Sorgen der Befürworter?

Sehr. Aber man würde diesen Ängsten und Befürchtungen besser anders begegnen als mit dieser Initiative.

Nämlich?

Ein Beispiel: Heute legt jeder Kanton die Personenfreizügigkeit anders aus, insbesondere wenn es um EU-Bürger geht, die ihre Stelle verloren haben. Das könnte man landesweit strenger handhaben. Auch in vielen anderen Bereichen ­könnte man mit Justierungen beitragen, das Unbehagen zu reduzieren.

Sie finden generell, die Schweiz stehe an ­einem Wendepunkt und wirke ziemlich orientierungslos. Wie schlimm steht es?

Schon relativ schlimm. Wir reagieren ­eigentlich nur noch und agieren nicht mehr. Die Schweiz hat keine Agenda, keine aussenpolitischen Strategien. Die Finanzindustrie hat sich zu lange an das Bankgeheimnis geklammert und ­musste nun zusehen, wie es langsam zerbröckelt ist. Die Armee bröckelt schon länger ­ohne Konzept und Doktrin vor sich hin, und nun bröckelt auch der bilaterale Weg. Es entsteht der Eindruck eines dauernden Lavierens und einer wachsenden Unberechenbarkeit. Das macht sich auch bereits bemerkbar: Seit drei Jahren nimmt die Zahl der Firmen­ansiedlungen in der Schweiz ab.

Und doch: Wir jammern auf hohem Niveau.

Das empfindet man ganz besonders so, wenn man mal ein paar Jahre im Ausland gelebt hat und die Schweiz aus dieser Perspektive betrachtet. Und weil es uns so gut geht, ist natürlich auch der Leidensdruck gering, etwas zu verbessern. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange wir dieses hohe Niveau noch halten können. Ich wünschte mir, dass wir einen Marschhalt einlegen und diskutieren: Was will die Schweiz? Wo wollen wir hin? Was wollen wir nicht? Und das ­sollte ein inhaltlicher Dialog sein, und kein Parolendreschen aufgrund von Initia­tiven oder Ideologien.

Wir reagieren eigentlich nur noch und agieren nicht mehr.

Können wir auch deshalb nur agieren, weil einfach dauernd so viel los ist, dass für eine grös­sere Reflexion gar keine Zeit bleibt?

Das hat schon was. Aber in einem Unternehmen kann der Chef auch nicht einfach sagen: Tut mir leid, ich habe zu viel zu tun, ich kann mich nicht auch noch um diese Probleme kümmern. Man muss sich halt die notwendigen Freiräume schaffen. Die Frage ist: Haben wir dafür noch die richtigen Institutionen? Holen Verbände, Parteien, Gewerkschaften, Thinktanks die Leute noch ab?

Die Zeit der Orientierungslosigkeit begann ­eigentlich schon mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem Nein zum EWR. Damals fing auch der Aufstieg der SVP an – offensichtlich bietet sie eine Orientierung, die ankommt.

Das scheint so, ja.

Aber dieses Weltbild entspricht Ihnen nicht?

Ich bin parteilos und ein liberal-freiheitlich denkender Mensch. Mich stört der teils doktrinäre Anspruch der SVP. Ich glaube nicht an die Mythen, die sie ­propagiert. Zwar bin auch ich für die Unabhängigkeit der Schweiz, die Frage ist aber, wie man die genau lebt. Die SVP mag Orientierung bieten, aber eine mit vielen Nachteilen, gerade auch wirtschaftspolitisch.

Eine andere Reaktion auf die Orientierungs­losigkeit: Das Volk sucht vermehrt Halt beim Staat und bei drakonischen Strafen. Ich denke an die Verwahrungs-Initiative, Pädophilen-Initiative, Minarett-Initiative …

Ein sehr wichtiger Punkt, offensichtlich löst die Unsicherheit ein grosses An­lehnungsbedürfnis aus. Viele Reformvorschläge bauen darauf, dass der Staat mehr tut. Ich finde das mutlos, es ist vielleicht auch ein Wohlstandssymptom. Man sitzt bequem im Lehnstuhl und findet, sollen die anderen doch ­machen, ich nicht. So glaubt man auch, ein Problem sei gelöst, wenn der Staat gewisse Leute einsperrt oder ausweist.

Im «Schweizer Monat» haben Sie geschrieben, das Land müsse sich überlegen, was vom Bewährten es behalten möchte und wo es neue Strategien für die Zukunft brauche. Was finden Sie selbst?

Festhalten würde ich am freiheitlichen Gedanken und an der föderalen Struktur des Landes. Wichtig ist auch unser exzellentes Bildungswesen, ein entscheidender Rohstoff für die Schweiz. Neue Ideen brauchen wir unter anderem für die Interpretation der Unabhängigkeit und der Sicherheit sowie den Zusammenhalt der Sprachregionen. Das Tessin scheint sich in vielerlei Hinsicht etwas abgekoppelt zu haben.

Für diese Debatte möchten Sie möglichst ­viele engagierte Bürger finden und haben ­dafür die Stiftung Strategiedialog21 initiiert.

Dahinter steht die Idee, eine neue Form von Bürgerbeteiligung zu versuchen. Aber wir sind noch ganz jung, ein Start-up sozusagen. Wir wollen wissen, was die Leute beschäftigt, was sie twittern, was sie bloggen. Natürlich kooperieren wir dabei mit anderen Organisationen, etwa dem politischen Thinktank foraus. Ganz wichtig: Wir haben keine Antworten, wir suchen sie. Und wir sind politisch unabhängig, nicht doktrinär und allen Ideen gegenüber aufgeschlossen.

Jobst Wagner
Jobst Wagner

Sie hoffen auf engagierte Bürger. Gibt es von denen weniger als auch schon?

Schwer zu sagen. Mein Eindruck ist, dass es viele Menschen gibt, die sich gern ­engagieren würden, aber nicht so recht wissen, wie. Die alten Wege über Parteien oder Verbände sind ihnen zu antiquiert und zeitraubend. Speziell jüngere Leute lassen sich so nur noch schwer einbinden. Es braucht neue Formen der Partizipation, und wir versuchen einen solchen neuen Ansatz. Ob das funktioniert, werden wir sehen. Ende 2015 ziehen wir Bilanz und schauen, wie der Strategiedialog ankommt.

Am 22. Mai findet die erste Podiumsdiskussion Ihrer neuen Stiftung statt. Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?

Sie ist ein Test, ob das, was wir rüberbringen wollen, auf Anklang stösst. Der Anlass wird live via Twitter begleitet, was unmittelbares Feedback ermöglicht. Und wir hoffen auf eine wachsende enga­gierte Gemeinschaft. 90 Anmeldungen haben wir schon, es werden täglich mehr.

Ein paar Fragen zu wichtigen Themen für das Land: Immer häufiger muss das Volk über Ini­tiativen abstimmen, die den Kurs des Landes dramatisch beeinflussen. Braucht es höhere Hürden für Initiative und Referendum?

Ich denke Ja. Die heutigen Unterschriftenzahlen gelten schon seit Jahrzehnten, seither hat die Zahl der Bevölkerung stark zugenommen, und es ist mit Internet und Social Media viel einfacher geworden, Unterschriften zu sammeln. Ich will die Volksrechte nicht beschneiden, aber bei so vielen ­Initiativen drohen Überforderung und Übermüdung.

Eher unerwartet hat sich ein Hauch von Kaltem Krieg zurückgemeldet: Müssen wir das aggressivere Russland in unseren Sicherheitsüberlegungen stärker berücksichtigen? Oder sind NSA und Konsorten gefährlicher?

Ich halte Letztere im Moment für problematischer, weil diese Bedrohung überall und jederzeit präsent ist. Das finde ich als Privatmensch und Unternehmer beängstigend. Russlands Verhalten ist ein Weckruf für uns, dass nach Ende des Kalten Kriegs nicht alles so harmonisch und problemlos läuft, wie wir uns das gewünscht haben. Wir müssen uns schon fragen, ob wir geopolitisch noch richtig aufgestellt sind und was es an ­militärischen Mitteln braucht, um einen gewissen Selbstschutz zu gewährleisten.

Sehr wichtig ist Ihnen die Bildung. Sehen Sie in dem Bereich beunruhigende Tendenzen?

Wir sind da recht gut unterwegs, gerade auch mit unserem dualen Ausbildungssystem. Am meisten Sorgen macht mir derzeit die internationale Forschungszusammenarbeit, die nach der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Ini­tia­tive schwer unter Druck geraten ist. Diese internationalen Kooperationen sind aber entscheidend.

Viele wollen sich engagieren, aber wissen nicht, wie.

Sie sind ja hauptberuflich Unternehmer und überdies schon lange als Kunstmäzen engagiert. Wieso nun plötzlich zusätzlich dieser starke politische Einsatz?

Vor vier Jahren wurde ich von der SVP Bern angefragt, ob ich in die Politik gehen möchte. Ich habe lange überlegt und schliesslich abgesagt. Danach kam ein Angebot der Zeitschrift «Schweizer Monat», bei der ich mich dann beteiligt habe, so wuchs mein Interesse an diesen Themen. Nach und nach ent­wickelte sich die Idee für den Strategiedialog. Aber wir machen das als Teamwork, sodass die zeitliche Belastung tragbar ist.

Bisher galten Sie eher als jemand, der im Hintergrund die Fäden zieht, nun plötzlich dieser öffentliche Auftritt. Ein Strategiewechsel?

Nicht wirklich. Ich bin zwar nicht bekannt wie ein bunter Hund, aber ich ­habe mich auch nie versteckt und bin immer wieder öffentlich aufgetreten, insbesondere in der Kunstszene. Aber klar, hier braucht es nun etwas mehr Einsatz. Dennoch werde ich auch jetzt nicht laufend in der Öffentlichkeit stehen.

Eine Ihrer grossen Passionen ist die Kunst, und Sie gelten als zentrale Figur in der Berner Kunstszene. Woher kommt diese Leidenschaft, was gibt Sie Ihnen?

Ich bin speziell an der modernen Gegenwartskunst interessiert. Begonnen hat das, als ich die Werke eines Berner Künstlers im Kunstmuseum entdeckt habe, der mich begeistert hat. Ich habe ihn besucht, kennengelernt und über ihn weitere Künstler entdeckt. Mich fasziniert, dass die Kunst eine ganz andere Sicht auf die Welt bietet, und die hat auch auf mich abgefärbt. Ob ich eine zentrale Figur bin, weiss ich nicht, aber einen gewissen Einfluss habe ich wohl schon, weil ich in einigen Gremien sitze.

Welche Kunst hängt bei Ihnen zu Hause?

Ich sammle Franz Gertsch, Markus Raetz, aber auch jüngere Künstler wie Marcel Gähler, Julia Steiner oder Mario Sala, mehrheitlich Schweizer Kunst.

Man hört ja immer wieder den Vorwurf, dass die Wirtschaft sich nicht mehr genug engagiert in Politik und Gesellschaft. Wollen Sie da bewusst ein Zeichen setzen?

Ja. Ich kenne einige Unternehmer, die Interesse hätten, sich zu engagieren, aber nicht so recht wissen, wie. Tritt man einer Partei bei, kostet das extrem viel Kraft und Zeit – das liegt heute für Unternehmer meist nicht mehr drin. Der Druck ist mit der Globalisierung extrem gewachsen, hinzu kommt die ununterbrochene Erreichbarkeit via Smart­phone und Mail. Vor 20 Jahren konnte ein Bankdirektor noch drei Wochen in den WK und seine Pflichten dem Stellvertreter übergeben. So was ist heute kaum mehr vorstellbar. Man muss also andere Angebote schaffen, damit sich ­diese Leute engagieren.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Marco Zanoni