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23. Februar 2015

Stuntfrau: Wildsau von Beruf

Angefahren werden, sich verhauen lassen, in den Abgrund springen: Was die meisten lieber nicht erleben möchten, ist die Passion von Bettina Stucki, der einzigen Stuntfrau der Schweiz.

Stuntfrau Barbara Stucki
Bettina Stucki stürzt sich für das Migros-Magazin von ihrem Garagendach. Für die Explosion hat ihr Mann gesorgt.

Bettina Stucki (29) sucht das, was alle vermeiden wollen. Sie lässt sich anzünden, überfahren, erwürgen. Für Melanie Winiger sprang sie im Film «Sinestesia» von einem Motorrad, für Mona Petri liess sie sich in «Das Fräuleinwunder» von einer Fähre werfen, für Barbara Terpoorten prallte sie im «Bestatter» gegen ein Auto. Ihre Einsätze sind kurz, brutal und enden oft mit ihrem Tod auf dem Set. Lorbeeren für ihren Mut gibts kaum – sie ist das Double.

Warum bloss tut sie sich das an? Bettina Stucki, schwarz-weiss getupfte Bluse, enge Jeans, zusammengebundene Haare, lacht und antwortet in breitem Berndeutsch: «Es isch eifach huerä geil.» Stunts würden sie glücklich machen. Körperlich und mental voll präsent zu sein und sich im entscheidenden Moment bewusst zu überwinden, das fühle sich einfach grossartig an. «Das war wohl schon immer in mir drin.»

Schon als Kind war Stuckieine «kleine Wildsau», wie sie sagt. Beim Schaukeln sprang sie jeweils am höchsten Punkt ab. Sie kletterte auf die Spitze der sieben Meter hohen Tanne vor dem Haus und liess sich dann fallen, federte von Ast zu Ast. Beim Skifahren suchte sie die höchste Schanze, beim Judo und Kickboxen den stärksten Gegner. Schon als Mädchen träumte sie davon, Stuntfrau zu werden.

Erste Kontakte in Los Angeles

Mit der Sendung «Stunthero» bot sich ihr 2007 bei SRF erstmals die Gelegenheit, in ihrer Wunschbranche zu schnuppern: In der Abenteuershow kämpften je fünf Frauen und Männer um einen Stuntjob in Hollywood. Bettina Stucki war die einzige Frau, die es bis in die Filmmetropole schaffte. Doch vor dem Final schied sie aus. Trotzdem: «Es war die Zeit meines Lebens, endlich konnte ich mich richtig ausleben.»

In der Sendung lernte sie von erfahrenen Stuntmännern kameratauglich zu kämpfen, zu fechten, sich im Auto zu überschlagen und von hohen Gebäuden zu ­stürzen. Nach dem Aus blieb sie in Los Angeles und nutzte die Kontakte, die sie über die Fernsehshow geknüpft hatte.

Sie klopfte auch bei der Vereinigung der Stuntleute an und bat um Tipps. «Versuche dein Glück bei Bob Yerkes», riet man ihr. Die mittlerweile 83-jährige Stuntlegende ist bekannt aus Filmen wie «Back to the Future» oder «Star Wars». Yerkes besitzt ein weitläufiges Gelände, das ein eigentlicher Stunt-Parcours ist. Für Stuntmänner und -frauen mit Ambitionen gilt Yerkes’ Reich als eine der besten Schulen. Einlass gibts nur auf persönliche Einladung des Altmeisters oder von etablierten Stuntleuten. Bettina Stucki wurde ihm empfohlen.

Bald schon kochte sie für Yerkes, schuftete im Garten und wurde dafür von ihm unterrichtet. «Er ist ein Lehrer alter Schule», erzählt Stucki, die von ihm Hochseillaufen und Trapez lernte. Klappte etwas nicht, sagte er stets: «Nochmals, nochmals, nochmals!» Bis zum Umfallen.

Zwischen Wohnwagen, Trampolinen und Trapezen auf Yerkes’ Gelände lernte sie ihren zukünftigen Mann, Marcel Stucki, einen Schweizer, kennen. Der Stuntkoordinator weilte ebenfalls zu Weiterbildungs­zwecken dort. Über die gemeinsame Leidenschaft sprang auch der Funke füreinander.

Tägliches Training ist unerlässlich

Bettina und Marcel Stucki leben in Zollikofen BE und haben zwei Kinder, Morris (2) und Ellen (10 Monate). Elternsein hat nichts an ihrer Leidenschaft für Stunts geändert. Es sei höchstens schwieriger geworden, die Trainings­einheiten unterzubringen.

Die 29-Jährige treibt jeden Tag eine Stunde Sport. Sie joggt, tanzt, macht Yoga und Pilates. Immer wieder probiert sie andere Sportarten aus. Neues zu lernen, helfe beim Choreografieren von Stunts und Kampfszenen. Verletzt hat sich Stucki noch nie. Wobei Prellungen und Stauchungen natürlich nicht zählen.

Die einzige Stuntfrau der Schweiz war bisher in 15 Kino- und Fernsehfilmen zu sehen, pro Jahr wird sie für etwa 10 Stunts gebucht. Sie hat auch Jobs in der Werbung oder wird von Firmen für Sicherheitsfilme oder Teambildungsanlässe engagiert. Daneben arbeitet die gelernte Kauffrau im 50-Prozent-Pensum als Projektmanagerin in einer IT-Firma. Ihr Mann arbeitet Vollzeit im Stuntbusiness.

Beim Fotoshooting fürs Migros-Magazin besprechen die beiden Bettina Stuckis Sprung vom Garagendach. Morris wird ins Auto gesetzt, Ellen im Kinderwagen hinters Haus geschoben. Marcel Stucki bereitet dieExplosion so vor, dass ihr Hauskeinen Schaden nimmt. «Nid z viu, Stucki!», ruft sie ihm zu. Er nickt. «Ready. Drü, zwei, eis. Go!» Es knallt – sie springt. MM

Autor: Monica Müller

Fotograf: Michael Sieber