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03. Januar 2017

Jetzt gibts Schelte!

Ligrettokarten
Ligretto lässt sich äusserst diskret spielen – aber auch mit viel Getöse.

Eine Familie ist in aufgeräumter Stimmung unterwegs, in einem Zug irgendwo hinter Luzern. Vier Buben, der älteste vielleicht vierzehn, dazu eine kleine Schwester, die noch fast ein Baby ist. Eltern und Kinder füllen zusammen beinahe zwei Abteile. Die Kinder spielen Karten, sind bester Dinge und kommentieren lauthals ihr Tun. Auch der Vater ist voller Freude dabei. Nur die Mutter ist, wie sie mir später erzählen wird, etwas besorgt und darauf bedacht, die Mitreisenden nicht allzu sehr zu stören. «Sieben Leute, die nicht an einem Tablet oder Handy hängen, verursachen Lärm», weiss sie, «und in Schweizer Zügen ist dies unbeliebt. Familien sollen sich, bitte schön, ruhig verhalten.»

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) ist angenehm überrascht.

Als das Heimatdorf naht, macht die ganze Bande sich unter Getöse auf zur Ausgangstür. «Geschafft!», denkt die Mutter schon. Doch da geschieht es: Ein Passagier – ein ­älterer Herr – steht auf und steuert auf den Vater der kinderreichen Familie zu. Die ­Mutter weiss, was kommt: Gleich wird der Alte ihrem Mann eine Moralpredigt halten, was ihm eigentlich einfalle, mit seinen Goofen einen solchen Saulärm zu machen. Respekt- und rücksichtslos sei das, jawoll! Sie hat keine Lust auf eine Diskussion mit einem Rentner und verzieht sich Richtung Ein- und Aussteigebereich des Waggons. Stünde der Zug doch bloss schon still! Der Senior stellt sich dem Familienvater in den Weg. Doch dann dies: Er streckt ihm die Hand hin und sagt: «Gratuliere zu Ihrer Familie. Es ist ein riesen Plausch, euch zuzuhören. Solch fröhliche Kinder, das macht Freude. Da! Gönnt euch ein Dessert!» Und drückt dem verdutzten Vater ein Geldnötli in die Hand. Zeit zum Aussteigen! Noch ehe der Vater weiss, wie ihm geschieht, steht er draussen auf dem Perron, der Zug rollt wieder an – und als er die Hand öffnet, kommt eine Hunderter­note zum Vorschein.

Diese wahre Geschichte hätte zum Advent gepasst. Vielleicht aber passt sie auch zu Neujahr. Sich zu freuen über die Freude anderer, sich nicht ob der leisesten Störung ­bedrängt zu fühlen, Übermütigen ihren Übermut zu lassen – das gelingt, wenn man selbst im Lot, mit dem Leben zufrieden ist. Der alte Mann mit der Hundert-Franken-Note imponiert mir: Er hat den Lebensabschnitt von Kindergeschrei und Windelnwechseln längst hinter sich, er könnte auf sein Recht pochen, ungestört Zug zu fahren. Doch er ist frei von Bitterkeit und missgönnt der Familie ihr volles, pralles Leben nicht. Weiss gar nicht, ob mir das in seiner Situation gelungen wäre …

Schön wärs, es gäbe mehr solcher Leute wie ihn. Anderen ihr Glück zu gönnen – wollen wir uns das vornehmen, fürs neue Jahr?

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli