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11. November 2013

«Das Celebrity-Dasein ist bedrohlich und deprimierend»

Mit dem Kinoschlager «The Hunger Games» ist Jennifer Lawrence zum Weltstar geworden. Die Oscar-Gewinnerin über ihre Weigerung, sich einen schlanken Hollywood-Körper anzutrainieren und ihre Angst vor Paparazzis, die sie durch die Strassen jagen.

Jennifer Lawrence
Jennifer Lawrence fühlt sich bedroht von fremden Männern, die 
vor ihrem Haus übernachten. (Bild: InterTOPICS)

Jennifer Lawrence, Sie spielen im zweiten Teil der «Hunger Games»-Trilogie erneut die Rolle der rebellischen Katniss Everdeen. Was beeindruckt Sie an dieser Figur?

Sie ist mutig, stark und intelligent. Katniss und ihre Kollegen haben in ihrer Gesellschaft Einfluss und können sie verändern. Solche Vorbilder sind enorm wichtig für meine Generation.

Inwiefern?

Wir fühlen uns oft machtlos und dröhnen uns deshalb mit Reality-TV oder Videogames voll. Tragödien, die anderen Menschen passieren, konsumieren wir als Entertainment. Das sind Tatsachen, die «The Hunger Games» thematisiert und kritisiert.

Was haben Sie schon kritisiert?

Meine Highschool ist wegen mir fast geschlossen worden. Ich war davon überzeugt, dass die Toiletten nie gereinigt würden. Und als ich dort einen Bakterientest machte, waren die Resultate derart schockierend, dass die Schule hätte geschlossen werden können.

Was hat Ihre «Rebellion» bewirkt?

Keine Ahnung (lacht). Ich bin kurz darauf mit meiner Mutter nach New York gezogen. Dieser Akt der Rebellion war mein Abschiedsgruss. Aber bitte, machen Sie jetzt keine Rebellin aus mir. Sonst denken alle, ich sei aufregend und interessant, was ich überhaupt nicht bin. Ich wünschte, ich hätte diesbezüglich mehr mit Katniss gemein.

Ist das Leben als Filmstar so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Das ist eine so deprimierende Frage.

Warum?

Weil es mich daran erinnert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Von aussen glaubt man zu wissen, wie das Celebrity-Dasein aussieht: die Paparazzi, die roten Teppiche, die Fans ... Aber bis es dir passiert, weisst du nicht, wie es sich anfühlt. Du erwartest, dass es dir auf die Nerven gehen wird. Aber du ahnst nicht, dass es eine beängstigende, bedrohliche oder deprimierende Erfahrung ist.

Können Sie das näher erklären?

Katniss Everdeen in «The Hunger Games» (2012–2015): eine starke Frau, die zur Freiheitskämpferin wird.
Jennifer Lawrence alias Katniss Everdeen in «The Hunger Games» (2012–2015): eine starke Frau, die zur Freiheitskämpferin wird. (Bild: AP Photo/Lionsgate, Murray Close)

Echt?

Ja. Ich habe erwartet, dass mich der Rummel nerven würde. Aber plötzlich scheint die ganze Welt wissen zu wollen, was ich zu jeder Zeit mache. Wenn ich Zeit mit meinem zweijährigen Neffen verbringe, scheinen wir beide kein Anrecht auf Privatsphäre zu haben, und ich darf nicht sagen: «Jetzt nicht, ich nehme mir Zeit für meine Familie.»

Ich sehe, das macht Sie wütend.

Sehr. Ich bin eine extrem familienorientierte Person. Ich habe nie von dieser Karriere geträumt, aber ich habe mir immer vorgestellt, eine Familie zu haben. Wenn ich heute die Hollywood-Mütter sehe, die ihre Kinder zur Schule bringen, während die Paparazzi drauflosknipsen, wird es mir übel. Das muss das Schlimmste sein, ein Foto seines Kindes in einem Klatschheft sehen zu müssen.

Dann bedauern Sie es, die Rolle der Katniss angenommen zu haben, die für den ganzen Wirbel mindestens mitverantwortlich ist?

Nein. Nicht einmal, als die Umstände am schwierigsten waren. Es wäre für mich das schlimmste Gefühl überhaupt, einen Entschluss bedauern zu müssen, der mein Leben derart verändert hat.

Sonst kennt man Sie auch eher als Ulknudel, die bei den Oscars die Treppe hinaufstolpert.

Dabei war ich ein sehr ängstliches Kind und immer mal wieder beim Therapeuten. Pausen, Schulreisen und Partys waren mir ein Gräuel. Ich fühlte mich nur wohl, wenn ich eine Rolle spielte. Aber ich will mich nicht beklagen, denn ich weiss, wie peinlich das rüberkommt, wenn Stars über ihre Probleme jammern.

Meine Assistentin ist meine beste Freundin

Also dann. Was ist das Positive an Ihrem derzeitigen Leben?

Ich kann mit meinem Celebrity-Status Aufmerksamkeit für Missstände wecken. Zum Beispiel möchte ich mit Waisenhäusern in Drittweltländern arbeiten.

Reisen Sie gerne?

Sehr. Ich vermisse es, mit einem Rucksack in einen Zug einzusteigen. In den letzten zwei Jahren war ich leider nur beruflich unterwegs.

Wohin würden Sie denn reisen?

Ich möchte durch Indien trampen oder die Nordlichter in Grönland sehen. Auch in die Alpen wollte ich schon lange mal.

Ach? Kennen Sie die Schweiz?

Als ich das letzte Mal mit meinem Bruder in Deutschland war, wollten wir einen Flug in die Schweiz buchen, weil wir so viel über sie gelesen hatten. Aber dann klappte es terminlich nicht. Mein Bruder ist ein eingefleischter Tramper.

In «Winter’s Bone» und «Hunger Games» haben Sie schon Eichhörnchen gejagt und gebraten. Was ist das Seltsamste, was Sie wirklich schon gegessen haben?

Ich habe in Belize eine Termite frisch aus ihrem Nest heraus gegessen.

Warum?

(lacht) Ich war hungrig ... Nein, ich habe schon oft gehört, wie viel Eiweiss solche Termiten enthalten. Und als wir in diesem Wald an einen Termitenhügel kamen, war ich einfach neugierig. Also habe ich eine gegessen. Sie hat wie mit Scheisse überzogene Karotten geschmeckt. Holz ist die Hauptnahrung der Termiten, und dann stossen sie das Holz mit ihrem Kot aus und bauen sich damit ihr Nest.

Jennifer Lawrence alias Tiffany in «Silver Linings Playbook»(2012)
Jennifer Lawrence alias Tiffany in «Silver Linings Playbook»(2012): eine psychisch angeschlagene Frau, die doch noch Liebe findet. (Bild: Keystone/Everett Collection)

Sie haben dieses Jahr den Oscar als beste Schauspielerin für «Silver Linings Playbook» gewonnen. Wie hat sich das angefühlt?

Ich ging früh zu Bett. Eigentlich wollte ich an eine der Afterpartys gehen, aber ich war so müde und erschöpft, dass meine Familie, Freunde und ich nach Hause gingen und Pizza bestellt haben.

Was? Sie liessen sich nicht feiern?

Es war einer dieser Abende, wo alles so grossartig hätte sein können, es mir aber einfach zu viel wurde. Ausserdem war ich auch noch krank. Das ist in etwa so, wie wenn du an deinem Geburtstag krank bist: Es nervt!

Was war das Beste an der Oscar-Erfahrung?

All die anderen Frauen kennenzulernen, die in meiner Kategorie nominiert waren. Sie gaben mir Tipps, wie ich es vermeiden kann, ständig dieses öffentliche Leben zu führen: den Rummel wirklich nur während der Oscar-Zeit mitmachen und zuschauen, wie sie dir alle Honig ums Maul streichen. Die Leute behandeln mich zwar anders als früher, aber ich habe mich nicht verändert.

Der erste Tag zurück an der Arbeit war also genau so wie der letzte vor den Oscars?

Natürlich nicht! Ich sagte: «Alle mal herhören! Jetzt wird alles ganz anders hier!» (lacht) Es war gut, dass ich sofort zurück zur Arbeit an «Hunger Games» gehen musste und nicht über den Oscar-Gewinn grübeln konnte ...

... damit Ihnen das nicht zu Kopf steigen kann?

Da besteht keine Gefahr! Ich habe eine gute Gruppe von Leuten um mich herum, die es nicht tolerieren, wenn ich mich wie eine Diva benehme. Meine Assistentin ist meine beste Freundin. Wir leben zusammen und machen, was normale 23-Jährige halt so tun. Wenn ich ihr sagen würde «Räum mal den Geschirrspüler aus!», würde sie mir gehörig den Kopf waschen.

Was ist das grosszügigste Geschenk, das Sie in den letzten Monaten einem Freund oder einer Freundin gemacht haben?

Ich habe niemandem ein Haus oder ein Auto gekauft, wenn Sie das meinen. Ich habe jemandem ein Bild gemalt.

Hat dieser Jemand das Bild gemocht?

Das sagte dieser Jemand jedenfalls.

Jennifer Lawrence alias Ree Dolly in «Winter’s Bone»
Jennifer Lawrence alias Ree Dolly in «Winter’s Bone» (2010): ein Mädchen auf der Suche nach ihrem verschwundenen Vater. (Bild: ©Roadside Attractions/Courtesy Everett Collection)
Jennifer alias Mystique in «X-Men»
Jennifer alias Mystique in «X-Men» (2011/14): eine Mutantin mit der Fähigkeit, sich das Aussehen jeder nur erdenklichen Person zuzulegen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Privat sitze ich auf der Couch, relaxe und sehe fern. Aber auf dem Filmset lese ich am liebsten. In den Drehpausen eines Films kann ich bis zu fünf Bücher lesen.

Welches war das letzte Buch?

«Jenseits von Eden» von John Steinbeck. Meine Freundin hat ständig davon gesprochen, also hab ich es auch gelesen und fand es grossartig, eines meiner Lieblingsbücher. Ich habe deswegen angefangen, Tagebuch zu schreiben. Es gab in dem Buch alle diese grossartigen Zitate, also habe ich sie und meine Gedanken dazu niedergeschrieben.

Es ist also nicht wie das «Tagebuch der Bridget Jones»?

Wahrscheinlich labere ich viel über dieselben Dinge, zum Beispiel «ich will zehn Kilo abnehmen».

Sie haben darüber gesprochen, dass Sie in Hollywood als dicke Schauspielerin gelten. Dass Sie sich aber dem Druck abzunehmen nicht unterwerfen, macht Sie zur Heldin vieler Mädchen und junger Frauen.

Meine Philosophie ist die folgende: Wenn ich so dünn sein wollte, wie Hollywood es gerne hätte, könnte ich nie wieder Pizza essen. Und dafür liebe ich Pizza viel zu sehr. Es ist besser, realistisch zu sein. Jeder hat einen Körpertyp. Auch ich gehe mal ins Fitnesscenter, aber ich werde meinen Körper nicht in eine Form zwingen, in die er nicht passt. Ich werde immer Brüste und einen Hintern haben. Wenn ich die verschwinden liesse, wäre ich den ganzen Tag hungrig.

Ist Ihnen diese Rolle als Vorbild bewusst?

Klar, absolut. Ich war auch mal ein Teenager und habe Stars und ihre Körper angeschaut. Die zeigen uns diese «Victoria’s Secret»-Models, die bis ins Unkenntliche retouchiert werden. Das macht mich wütend. Glauben die, dass die Männer das wollen? Wenn ja, dann haben wir alle ein Problem.

Hollywood propagiert dieses Bild aber auch.

Auf jeden Fall. Die Filmindustrie muss lernen, die Verantwortung zu übernehmen für die unrealistischen Erwartungen, die sie kreiert. Hollywoodstars haben Zeit und Geld, private Trainer und Köche zu engagieren, um sich für eine Rolle fit zu machen. Wenn ich drehe, kann ich natürlich für ein, zwei Monate Diät halten und Gewichte stemmen. Und das sieht man auch auf der Leinwand. So sehe ich aber nicht aus, wenn ich Pizza esse und Spass am Leben habe. Aus unerfindlichen Gründen jedoch vergleichen wir uns mit diesen unrealistischen Vorbildern. Schrecklich!

«The Hunger Games: Catching Fire» startet am 21. November in den Kinos.

Autor: Gabriela Tscharner Patao