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03. Januar 2012

«Jeder Patient wird individuell behandelt»

Seit 1. Januar 2012 gelten schweizweit die sogenannten Fallpauschalen. Der Gesundheitsökonom Heinz Locher erklärt, was unter diesem neuen Tarifsystem zu verstehen ist und wie es sich auf die Patientinnen und Patienten auswirken wird.

Fallpauschalen
Neu wird in Spitälern mit Fallpauschalen abgerechnet. Für die Patienten soll sich jedoch nichts ändern. (Bild: Getty Images/Martin Barraud)
Heinz Locher (68)
Heinz Locher (68) ist Gesundheitsökonom und Unternehmensberater und seit 2011 Präsident der Allianz der Schweizer Krankenversicherer. (Bild: zVg.)

Heinz Locher, seit Anfang Jahr werden die Spitäler pro Fall und nicht mehr pro Pflegetag bezahlt. War dieser Wechsel nötig, weil Patienten unnötig lange in Pflege gehalten wurden?

Das war ganz klar ein Nachteil des alten Systems. Die neue Leistungsfinanzierung soll für die ganze Schweiz einheitlich sein, mehr Transparenz und eine bessere Vergleichbarkeit der Leistungen ermöglichen und somit den Qualitäts- und Leistungswettbewerb unter den Spitälern intensivieren.

Was sind diese sogenannten Fallpauschalen?

Das Fallpauschalensystem heisst Diagnosis Related Groups (DRG). Alle medizinischen Leistungen werden einer Gruppe zugeordnet und erhalten einen Wert. Die Behandlung eines Herzinfarkts hat beispielsweise einen zirka dreimal höheren Wert als eine Blinddarmoperation. Diese Werte wurden bereits festgelegt. Um die Kosten einer Behandlung zu berechnen, werden diese Werte anschliessend mit einem Basispreis multipliziert. Diesen verhandeln die Spitäler und Krankenversicherer zurzeit untereinander.

Und wenn sie sich nicht einigen können?

Falls kein Vertrag zustande kommt, werden die zuständigen Kantone notfalls einen provisorischen Tarif festlegen, der dann rückwirkend per 1. Januar 2012 gilt. Es wird immer einen gültigen Tarif geben, und der Patient wird nicht merken, ob er am 20. Dezember 2011 oder am 9. Januar 2012 behandelt wurde.

Die Anzahl Pflegetage ist festgelegt. Werden die Patienten nun nach Hause geschickt, obwohl sie noch nicht gesund sind?

Nein. Die Fallpauschale basiert auf einem Durchschnittswert. Jeder Patient wird individuell behandelt. Falls ein Patient trotzdem zu früh entlassen wird und nach zwei Tagen mit der gleichen Diagnose wieder hospitalisiert werden muss, bezahlt dies das Spital. Damit riskiert das Spital aber seinen guten Ruf.

Was wird sich allgemein ändern?

Rund die Hälfte der Kantone hat bereits eine Vorläuferversion des DRG-Tarifsystems. Es wird lediglich ein präziserer Dokumentationsaufwand nötig sein, um die einzelnen Leistungen den Gruppen zuzuordnen.

Das heisst für die Ärzte mehr Papierkram und weniger Zeit für die Patienten.

Nein, der behandelnde Arzt liefert nur die Grunddaten. Für die eigentliche Dokumentation wurden Leute angestellt.

Die Fallpauschalen sollen helfen, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Experten sagen jedoch, die Spitalkosten würden zuerst einmal steigen.

Ich gehe davon aus, dass die Kostenentwicklung im gesamten Gesundheitssystem durch DRG positiv beeinflusst wird. Die Kosten werden weniger steigen als ohne DRG. Spitäler werden sich spezialisieren und dadurch weniger Leistungen anbieten. Dies wird zu besserer Qualität und niedrigeren Kosten führen.

Um davon zu profitieren, muss der Patient aber aktiv werden.

Ja, er muss bei der Spitalauswahl wählerischer werden und nicht einfach in das nächstgelegene Spital gehen.

Wie weiss denn der Patient, welches das geeignetste Spital für ihn ist?

Spitäler müssen ihre Statistiken für die Patienten offenlegen. Es heisst, das Gesundheitswesen sei die Dunkelkammer der Nation. Mit der Einführung von DRG wird sich das aber langsam ändern.

Autor: Nathalie Bursać