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30. März 2015

«Heute kann sich jeder seine eigene Wirklichkeit konstruieren»

Was sind Fakten, was Hirngespinste? Und wieso trauen viele den Medien und der Wissenschaft weniger als obskuren Verschwörungstheorien? Der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über «die Lügenpresse» und den Reiz von einfachen Erklärungen in Krisenzeiten.

Bernhard Pörksen
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist ein Experte für Verschwörungstheorien.

Bernhard Pörksen, ob es den Klimawandel gibt oder nicht, ist zur Glaubensfrage ­geworden. Wie konnte das passieren?

Ganz so hart würde ich das nicht formulieren. Aber klar ist: Längst wird die Frage, was als Wirklichkeit und Wahrheit gelten kann, neu und ganz grundsätzlich verhandelt. Heute kann sich jeder in seine eigene Wirklichkeitsblase hineingoogeln, findet dort faszinierende, berührende und grossartige Ideen, aber auch den exklusiven Irrsinn, an den er dann glaubt – und den er für wahr hält.

Wann hat das angefangen?

Das war eine allmähliche Entwicklung. Das Neue und Entscheidende ist: Im digitalen Zeitalter wird der Einzelne radikal zum Konstrukteur seiner Welterfahrung, die ihm womöglich als allgemeine Wirklichkeit erscheint. Das bedeutet im Extremfall den Abschied von der Agenda der Allgemeinheit. Zu Zeiten der alten Massenmedien galten einzelne Zeitungen oder Fernsehsender noch als Informationsleuchttürme, deren Inhalte für alle relevant waren und die auch mit dem Anspruch antraten: Wir sagen, was wichtig ist! Das funktioniert so nicht mehr.

Ich teile die pauschale These vom Qualitätsverfall der Medien nicht.

Wie hat sich das enorme Misstrauen gegenüber den Medien entwickelt?

Ich habe eine ganz einfache These: Wir leben in Zeiten der gefühlten Repräsentationskrise. Motto: Man kennt doch die Wahrheit aus den eigenen Realitätsnischen, aber warum, um Himmels willen, berichten die Tageszeitungen und die grossen Fernsehsender eigentlich nicht über diese Wahrheit? Dass die private und die massenmediale Öffentlichkeit nicht übereinstimmen, schürt das Misstrauen.

Das eigene Umfeld reicht also nicht. Man will auch in der Tageszeitung lesen, dass man mit seiner Realität richtig liegt.

Genau. Und wenn das nicht passiert, kommen Fragen: Warum bringen die das nicht? Warum stimmen die mir nicht zu? Wieso ignorieren sie «meine» Experten, «meine» Quellen?

Ohne Internet gäbe es das so nicht, oder?

Stimmt, das Netz radikalisiert die eigenen Botschaften und Haltungen, weil man sich gegenseitig ihre Richtigkeit bestätigen kann.

Sind die Medien mitschuldig, dass man ihnen nicht mehr traut? Haben sie sich nicht mit viel Trash selbst diskreditiert?

Natürlich, es gibt Trash, Grenzüberschreitungen, aufgebauschte Skandale. Das stimmt alles. Aber das belegt noch nicht die Annahme vom Niedergang. Ich teile die pauschale These vom Qualitätsverfall der Medien nicht, denn ich sehe – trotz einer schwierigen Geschäftssituation – noch immer sehr viel Qualität, Genauigkeit und Tiefenrecherche.

Geht es nicht bei vielen dieser Klagen eigentlich um ein Leiden an der fehlenden Zustimmung zu den eigenen Positionen? Es schmerzt, wenn man von bedeutenden Medien nicht ernst genommen wird.

Stichwort Lügenpresse: Kann es nicht vorkommen, dass die Presse aus der Perspektive von Minderheiten wie Pegida tatsächlich lügt? Dass politische Korrektheit wichtiger ist, als die Konfrontation mit Problemen?

Selbstverständlich gibt es übertriebene Formen der Political Correctness. Aber das ideologisch aufgeladene Schlagwort von der Lügenpresse halte ich für fatal und falsch. Suggeriert wird die Manipulation und Kontrolle der Öffentlichkeit. Aber wie soll diese Kontrolle funktionieren, gerade in einer Zeit, in der jeder zum Sender geworden ist? Welche Meinung wird denn systematisch unterdrückt? Geht es nicht bei vielen dieser Klagen eigentlich um ein Leiden an der fehlenden Zustimmung zu den eigenen Positionen? Es schmerzt vermutlich einfach, wenn man von bedeutenden Medien oder politischen Eliten nicht ernst genommen wird. Und noch etwas: Auch die klassischen Medien lieben den schillernden Antikorrekten, grenzen ihn gerade nicht aus, sondern laden ihn in Talkshows ein, hofieren ihm, weil er Quote, Klicks und den öffentlichkeitswirksamen Streit verspricht.

Die Medien sind also nicht das Problem.

Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es diejenigen meinen, die von der Lügenpresse sprechen. Und doch muss man die Wut und Empörung ernst nehmen, sie deuten, ihre Hintergründe ausleuchten. Klassische Medien müssen heute sehr viel stärker ihre Arbeit erklären, für Transparenz sorgen, um verloren gegangenes Vertrauen werben. Kurz: Strategien gegen die wachsende Medienverdrossenheit entwickeln.

Haben Sie Verbrauchertipps? Wie kann man als Leser Fakten und Meinungen von­einander unterscheiden?

Klares Indiz für die Dominanz der blossen Meinung ist hemmungslose Aggressivität und fehlende Bereitschaft, die eigene Position in Frage zu stellen. Und natürlich muss man sich heute immer fragen: Wo kommt die Information her, wer sagt das genau? Welche Interessen könnten damit verfolgt werden? Wie glaubwürdig ist die Institution, die dahinter steht? In gewissem Sinne muss sich heute jeder die Fragen stellen, die in einer anderen Zeit vor allem Journalisten vorbehalten waren: Was ist glaubwürdige, relevante Information, die es verdient, verbreitet zu werden?

Pörksen fordert mehr Dialog und eine bessere Debattenkultur.
Pörksen fordert mehr Dialog und eine bessere Debattenkultur.

Ist die Schweiz mit ihren Sachabstimmungen besser positioniert, das breite Meinungsspektrum der Gesellschaft einzubinden als etwa Deutschland, wo man nur alle vier Jahre mal eine Partei wählen darf?

Ich denke schon, ja. Die starke Beteiligung mag anstrengender und komplizierter sein, aber sie passt besser in unsere Zeit. Es braucht mehr Dialog und Teilnahme. Die Anliegen und Ängste der Menschen müssen ernst genommen werden, die Politik sollte Gespräche auf Augenhöhe ermöglichen, aber auch die harte, offen ausgetragene Auseinandersetzung in der Sache. Erst das ist die Basis eines Diskurses, der diesen Namen auch verdient.

Wie verbreitet ist denn das Misstrauen gegenüber Medien, Wissenschaft und «der Elite»? Sehen Sie eine gesellschaftliche Tendenz, die Sorgen machen sollte?

Es gibt unterschiedliche Gruppen: Zum einen sind da viele kluge Medienkritiker und Analytiker, die man ernst nehmen muss, von denen man viel lernen kann über tatsächliche Fehlleistungen. Dann gibt es die Empörungsjunkies und womöglich gekaufte Trolle, die online zur Meinungsmache eingesetzt werden. Und schliesslich eine ideologisch radikalisierte Fraktion der Verschwörungstheoretiker, die zunehmend bis weit ins Bildungsbürgertum auf Zustimmung stösst.

Verschwörungstheorien blühen in Krisenzeiten: Man kann das gerade noch furchtbar komplizierte, verwirrende Geschehen blitzschnell einordnen.

Ein Zeichen einer enormen Verunsicherung.

Ja, Verschwörungstheorien blühen in Krisenzeiten – und sind als Weltformeln des Übels generell sehr attraktiv: Man kann das gerade noch furchtbar komplizierte, verwirrende Geschehen blitzschnell einordnen. Auf der einen Seite: die bösen Manipulatoren, die hinter den Kulissen ihren unheimlichen Dienst tun. Auf der anderen Seite: das Heer der Manipulierten. Und dann der Verschwörungstheoretiker selbst irgendwo dazwischen, der zu den ganz wenigen gehört, die erkennen, was wirklich los ist. Was ganz nebenbei natürlich auch dem eigenen Ego schmeichelt. Immerhin kann man sich selbst den Durchblick attestieren.

Wieso wirken paranoide Welterklärungen für viele so plausibel?

Verschwörungstheorien sind, wie der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper gesagt hätte, selbstimmunisierend: Man kann sie nicht widerlegen. Selbst ihre Nichtbeweisbarkeit funktioniert als eine Art Scheinbeweis. Es gibt keine Belege für die Verschwörung? Nun gut, ist das nicht der Beleg für die totale Raffinesse der Verschwörer, die geschickt alle Spuren verwischen? Überdies: Verschwörungstheoretiker simulieren in der Regel wissenschaftliche Redlichkeit. Sie haben ihre eigenen Medien und Bestätigungsmilieus – auch das gibt ihren Formen der Welterklärung Stabilität.

Gibt es Frühwarnzeichen bei Texten, dass nun Stuss folgt?

Das ist ein interessanter Punkt. Begriffe wie System, Manipulation und Strategie sind Sprachsignale, die in keinem verschwörungstheoretischen Traktat fehlen. Oft bleibt die Gruppe der Verschwörer dabei ziemlich diffus. «Sie» manipulieren uns, «sie» haben die Macht übernommen, und «sie» verfolgen geheime Pläne. Die Verschwörer sind wie eine schwer greifbare Hintergrundmacht, ein böser Gott. Dieser Gott weiss alles, sieht alles, ist überall, er regiert die Welt.

Parallel zu all dem scheint sich ein ziemlicher Dogmatismus zu verbreiten: Wer sich sein Weltbild mal gezimmert hat, lässt sich kaum mehr davon abbringen.

Natürlich zeigt sich hier auch die allgemein menschliche Psychologie. Wir sind widerspruchsfeindliche Wesen, suchen Bestätigung, machen das Unpassende passend, blenden aus, was sich unserer Weltsicht nicht fügt. Die Versuchung des Dogmatismus, der Halt, Klarheit und moralische Eindeutigkeit verspricht, ist immer da, gerade und besonders in Krisenzeiten.

Widerspruch fordert uns heraus, zwingt uns, neu zu denken, anders zu sehen. Er stört unsere bequeme Ruhe. Das ist mühselig und wird tendenziell vermieden.

Weshalb ist es so schwierig, die eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen?

Es ist schlicht anstrengend. Widerspruch fordert uns heraus, zwingt uns, neu zu denken, anders zu sehen. Er stört unsere bequeme Ruhe. Das ist mühselig und wird tendenziell vermieden. Selbst wenn es wilde mentale Verrenkungen braucht, um das Unpassende passend zu machen.

In den USA haben sich die Medien reideologisiert: Ist man konservativ oder neigt zur Tea Party, schaut man Fox News und liest das «Wall Street Journal», ist man eher sozial oder linksliberal eingestellt, schaut man MSNBC und liest die «New York Times». Sehen Sie Anzeichen, dass wir uns in Europa in eine ähnliche Richtung bewegen?

Nein, nicht in dieser Dimension. Dies wäre tatsächlich gefährlich: die Verhärtung der Standpunkte, das Aufeinandereindreschen, die Unfähigkeit, Kompromisse zu schliessen, den eigenen Standpunkt zu überdenken und zu revidieren – da geraten Wesenselemente der Demokratie in Gefahr.

Bei uns sehen Sie den demokratischen Prozess nicht in Gefahr?

Nein. Aber natürlich bedrohen die Renaissance des verschwörungstheoretischen Denkens und die massive, ideologisch radikalisierte Medienverdrossenheit das Realitätsprinzip und die Grundlagen eines demokratischen Diskurses.

Die Medienbranche sollte sich um Transparenz bemühen, über ihre Mechanismen aufklären, ernste Kritik auch wirklich ernst nehmen.

Wie kann man Gegensteuer geben?

Wir sollten an unserer Debattenkultur arbeiten: mehr Freundlichkeit, weniger Misstrauen, weniger Selbstabschottung, weniger pauschale Diffamierung würden guttun. Nichts ist wichtiger als der Dialog, das Bemühen um den Austausch und den Perspektivenwechsel, der Streit um die Sache. Und die Medienbranche sollte sich um Transparenz bemühen, über ihre Mechanismen aufklären, ernste Kritik auch wirklich ernst nehmen. Vielleicht sollte man auch das Schulfach «Leben im digitalen Zeitalter» einführen.

Aber Dogmatiker oder Verschwörungstheoretiker sind so kaum zu erreichen, oder?

Das stimmt, leider. Sie leben in ihrer Wagenburg der eindeutigen Wahrheiten. Und haben auf eine ziemlich anstrengende, ihr Gegenüber erschöpfende Weise immer recht.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Peter Granser